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Die Welt · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
39 (27.9.1901)
Article
Smolensky und Achad Haam
Date
1901-09-27
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 39 „Die j> Welt*« Seite 7 teil, Aufdringlichen — die, sich vom Zerrbilde des .Judenthums ihrer Zeit tief abgestossen fühlend, vom Verlangen beseelt sind, den trägen Culturmassen frisches Leben einzuhauchen, neue Entwieklungsbahnen zu eröffnen; beide fassen in erster Linie das Problem des Judenthums ins Auge, und erst in zweiter Linie, mittelbar, das der Juden. Wobei zu bemerken ist, dass Smolensky als die kampflustigere, schaffensfreudigere Natur auch viel optimistischer veranlagt ist, Achad-Haam, der mehr in sich gekehrte, analytische Geist, zur Sliepsis und Schwarzseherei hinneigt. Beide aber sind gleicherweise Idealisten, d. i. beide sind von der triumphierenden, umgestaltenden Macht einer Idee, eines Ideals, mögen die socialen .Verhältnisse wie immer gestaltet sein, durchdrungen. Diese umgestaltende Kraft der Idee fasst Smolensky rein intellectuell auf: das blosse Wissen um die richtige oder falsche Idee wirke aufs Volk: fördernd oder schädigend, regenerierend oder degenerierend (so an vielen Stellen seiner Polemik gegen Mendelssohn). Achad-Haam als der tiefere Psychologe sieht diese Wiedergeburtskraft in der mit jeder bedeutsameren Ansicht unzertrennlich verbundenen Gemüthsbewegung als dem eigentlichen Motiv des Wollens. Sein grosser Schmerzensgedanke, der ihn immer von neuem beschäftigt, ist: Vermögen wir noch als Nation zu wollen? und er bejaht diese Frage, indem er auf die Gefühlswelt hinweist, die, mit dem vertieften nationalen Denken eng verbunden, auch tue Willenskraft der Nation, den Nationalcharakter überhaupt zu sanieren vermöge. Dass Männer von solcher Beschaffenheit mehr die Literatur als das Leben beeinflussen, ist etwas Selbstverständliches. Smolensky und Achad-Haam sind die Schöpfer der hebräischen Moderne, die Begründer unserer Publicistik. Was vor ihnen diesen letzteren Namen trug, war von erschreckender Armseligkeit, erschöpfte sich in Bibelexegese und Haskala- (Auf klär ungs-) Propaganda, war ausgefüllt von öden, end, und geschmacklosen Discussionen über die Möglichkeit einer Versöhnung zwischen Glauben und Wissen, über „geläuterte Religion" und „Bildung auf religiöser Grundlage'' und dergleichen nützliche Dinge; keine Spur eines kritischen Gedankens, eines freieren Blickes; lauter Halbheit, Kleinmüthigkeit, x^utoritätenglaube (allerdings waren die Autoritäten nicht mehr Rabbiner wie zuvor, sondern ehrwürdige Maskilim), der Stil schwulstig, panegyrisch, mit Biblismen und Talmudismen überladen; es war mit einem Worte ein neues literarisches Ghetto, das sieh dem alten rabbinischen würdig anreihte. Smolensky war der erste, der mit dieser Misere gründlich aufräumte. Seine Monatsschrift „Haschachar" (die Morgenröthe) wurde zum Hort unerschrockener Kritik, kühner Forschung, er selbst, der Autoritätenzermalmer, gab dazu in einer Fülle von grösseren und kleineren pubhcistischen Arbeiten ein aufmunterndes Beispiel; er trug in die hebräische Literatur social jüdische Probleme hinein; er schuf die Ubersätze des Zionismus. Allerdings gab es begeisterte Palästinophilen, ganz unabhängig von ihm, unter seinen jüdischen Zeitgenossen, wie Hirsch Kalischer und David Gordon, auch war Smofensky nichts weniger als Zionist im modernen Sinne; ja, wTährend des grössten Theiles seines literarischen Wirkens (1809—1881) hat Smolenski den Palästinagedanken kaum ernstlich in Erwägung gezogen; erst seit den Judenexcessen in Russland (1881) und der darauffolgenden Emigrationsbewegung trat er mit dem ganzen Aufwand seiner Persönlichkeit für den Palästinagedanken ein, arbeitete für ihn voll Eifer bis zu seinem Tode (1885). Allein die theoretische Begründung, wenn auch nicht des Zionismus, so doch der nationalen Idee, die erste wissenschaftliche Bekämpfung der Assimilation, ist unstreitbar das ausschliessliche W'erk Smolenskys, ein Werk, dem er mit voller Zielbewusstheit sein ganzes unermüdliches Leben widmete. Das von Smolensky begonnene Werk der Schaffung einer hebräischen Publicistik wurde nun von Achad-Haam fortgesetzt, ausgestaltet und vertieft. Er, der tiefes jüdisches Wissen und umfassende Kenntnis abendländischer Cultur harmonisch in sich verschmolzen hatte (insbesondere ist er in den Geisteswissenschaften, also in den philosophischen und historischen Disciplinen bewandert), war wie dazu geschaffen, die Fülle von Problemen, die mit dem Zionismus im Geistesleben der Juden aufgetaucht sind, von höheren historischen Gesichtspunkten aufzufassen, an sie sociologische oder genauer socialpsychologische Massstäbe anzulegen. So wurde es den beiden Männern gegeben, auf die zeitgenössischen hebräischen Literaten, trotz des Widerstandes, auf den ihre Ideen selbst gestossen sind, erzieherisch, mustergebend einzuwirken, Schule zu machen. Wobei zu bemerken ist, dass der Einfluss Smolenskys wegen der Neuheit seiner Ideen, wegen seines grösseren organisatorischen Talentes und der Wuchtigkeit seiner Persönlichkeit viel unmittelbarer, zwingender war, der Achad- Haams wegen seiner bestechenden Argumentationsweise, ganz besonders aber wegen seines glänzenden Stiles — durchgreifender, nachhaltiger. Auf das Unterschiedliche im Stile beider Schriftsteller wollen wir mit einigen Worten hinweisen, weil es mit dem Unterschiede im Temperamente, in ihrem schriftstellerischen Habitus zusammenfällt. Dass der Stil der Mensch ist, wird ja ganz vorzüglich vom modernen hebräischen Schriftsteller gelten. Die anderen Literaturen besitzen unendliche Schätze von sprachlichen Wendungen, Stilgefügen, die Gedankenniedersehläge, Gefühlsverdiehtungen der Arbeit verflossener Generationen sind und die einem jeden Schriftsteiler bereitwillig zur Verfügung stehen. Da die Gedanken- und somit auch die sprachliche Entwicklung eine stetige ist, Vergangenes unmittelbar in Gegenwärtiges hinüberfiiesst, so steht dem Schriftsteller nients im Wege, die vorhandenen Stilschätze für seine Zwecke zu verwenden; seine stilistische Künstlerschaft besteht in der" Auswahl, die er zu treffen weiss; er ist nicht Schöpfer, sondern Ordner; seine Meisterschaft besteht nicht in der Schaffung von Zellen und Zellgeweben, sondern in der organischer Complexe. Dieser Vortheil geht dem modernen hebräischen Schritsteller beträchtlich ab. Seinen Stil Vorrat Ii bilden: die Bibel, die talnuidisch-rabbinisehe Literatur und die hebräisch geschriebenen Werke unserer mittelalterlichen Philosophen. Allein der Bibelstil ist äussert dürftig und primitiv, der talmudisch-rabbinische gehört einer ganz anders als die unsere gearteten Gedankenwelt an, der mittelalterlich-philosophische doch immerhin einer all zu entlegen en Epoche. Die Stockung im Denken, der Riss in unserer Entwicklung, die völlige Einbusse an geistiger Fühlung mit den Culturen Europas, die wir am Ausgange des Mittelalters, seit der Verbannung aus Spanien, erlitten haben, hat natürlicherweise auch unsere Sprache verknöchert, zurückgeschraubt. So sieht sich der hebräische Schriftsteller, der moderne Gedanken hebräisch wiederzugeben versucht, vor fast unüberwindliche Aufgaben gestellt, er nmss seine Kraft an Elementarbildungen, am Zellgewebe des Stils verzetteln, die noch obendrein durch den Eindruck des Geniachten. Künstlichen, den sie hervorrufen, uns verletzen; er befindet sich gewöhnlich zwischen zwei Eventualitäten: Verpöbelung des Gedankens oder Verhunzung der Sprache durch monströse, ihrem Geiste zuwiderlaufende Bildungen. Es bedurfte daher der immensen Belesenheit in unserem Schriftthum und zugleich der Denkintensität eines Achad-Haam, um aus diesen Schwierigkeiten siegreich hervorzugehen. Achad- Haam als Spraclikünstler gehört weder zu unseren sogenannten Puristen (deren löbliches Programm, die Sprache von der üeberladung mit Biblismen zu säubern, der Schriftsteller Ben-Avigdor in seinem „Menachein hasofer'* entwickelt hat, die aber durch ihren Uebereiter die Sprache verwässern), noch zu unseren professionellen \Vortbildiiern (deren Meister der Redacteur des „Hazewi", Ben Jehuda in Jerusalem, ist, die die Sprache oft bis zur Unverständlichkeit verbildeten), aber er besitzt eine merkwürdige Gabe, mit unserem dürftigen Sprachschatze hauszuhalten; ganz unvergleichlich ist die Art, wie er Concreta, Verba und Substantiva, mit Hilfe von grammatischen Wendungen in Abstracta umwandelt, wie er öfters durch einen ganz harmlosen talmudischen Ausdruck unter Zuhilfenahme einer leichten Beifügung oder Umstellung den subtilsten Gedanken ausdrücken vermag. Smolensky ist unstreitig der Schöpfer des wissenschaftlichen hebräischen

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