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Die Welt · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
39 (27.9.1901)
Article
Nachahmung und Assimilation
Date
1901-09-27
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 39 „Die # Welt«* Seite 5 gung gelangen, dass nicht die Nachahmung anundfürsich die Assimilation, veranlasst* sondern dass es die S e 1 b s t.e n t ä u s s er u n g ist, die vermittelst der Nachahmung die Assimilation herbeiführt,, dass man daher, anstatt der Nachahmung Einhalt zu thun, die S e 1 b s t e n ä u s s e r u n g an sich überwinden muss, und zwar gleichfalls vermittelst der Nachahmung, aber in Form der Concurren z. Man muss mit anderen Worten der betreffenden Gesellschaft jene geistige Kraft, die sie zur Selbstentäusserung antreibt, derart beibringen, dass sie keinerlei Ursache mehr hat, zu der fremden Lebensordnung, in der sich jene Kraft ausprägt, mit demüthiger Verehrung emporzublicken, sondern im Gegentheil sich genau derselben Kraft bedient, um ihren eigenen Geist in ebensolchen Thaten auszuprägen, wie sie der Nachgeahmte gemäss seinem Geiste vollbracht hat. Nachdem aber die Gesellschaft diese Art der Nachahmung gewählt hat, flösst ihr das SelrJtsvertrauen Muth ein und lässt in ihren Augen die von ihr individuell nachgeahmten Thaten wertvoller erscheinen als die Leistungen der anderen. Je mehr sie auf diese Weise in der Nachahmung fortfährt, umsomehr prägt sie ihren Geist in dieser Nachahmung aus und geht immer mehr und mehr von dem Vorbilde der nachgeahmten Gesellschaft ab. So wird in ihr das Gefühl ihrer Eigenart immer stärker, und die Gefahr der Assimilation ist vorüber. In dieser Weise gestaltete sich die Nachahmung im Alterthum bei den Römern in ihrem Verhältnis zur hellenischen Cultur und in der neueren Zeit bei den Russen in ihrem Verhältnisse zur Civilisation des Westens. Beide begannen in gleicher Weise mit der Selbstentliusserung vor der fremden geistigen Macht und eopierten daher vollständg die fremde Lebensweise, die Art des Denkens, Sprechens und Handelns. Patrioten, wie der römische Cato, die dem Strom der Nachahmung einen Damm entgegensetzen wollten, hatten nur theilweisen und vorübergehenden Erfolg. Als sich aber lebenserfahrene Patrioten erhoben und die Nachahmimg in die Gestalt der Concurrenz liinüberzuleiten begannen, um dadurch die fremde geistige Macht, die die Selbstentäusserung verursachte, im Leben ihres Volkes gemäss seiner Eigenart auszuprägen, da hörte die Selbstentäusserung von selbst auf, und die Nachahmung trug nur noch zur Stärkung des nationalen Selbstgefühles bei. Dies ist auch der Grund, weshalb das jüdische Volk in der Zertreuung bestehen geblieben und trotz der ihm innewohnenden Nachahmungssucht in den anderen Nationen nicht aufgegangen ist. Noch in den Zeiten der Propheten haben unsere Vorfahren gelernt, die körperliche Kraft innerlich geringzuschätzen und nur die Kraft des Geistes hochzustellen. Die harte Hand ihrer Peiniger konnte sie daher nie mehr zur Selbstentäusserung bringen. Nur eine grosse geistige Kraft, die sich in einem fremden Volke offenbarte, war imstande, sie zur Selbstentäusserung anzutreiben und jenem Volksthum geneigt zu machen. Die Führer des Volkes, die dieses merkten, bemühten sich daher, sie von dem geistigen Leben der betreffenden Nation völlig frei zu halten und selbst die unschuldigste Nachahmung zu verhindern. Diese Fernhaitung aber konnte, abgesehen davon, dass sie viele dazu veranlasste, mit einemmale den Zaun zu durchbrechen, schon durch unsere Stellung innerhalb der Völker zu keiner Zeit durchgeführt werden. Als nun die Annäherung eintrat und ungehindert zunahm, da zeigte sieh regelmässig, dass die Befürchtungen der Patrioten und ihre Isoliermassregeln grundlos waren, weil das jüdische Volk nicht bloss eine grosse Nachahmungs s u c h t, sondern auch eine grosse Naehahmungs f ä h i g"ke i t besitzt. Was der Jude nachahmt, ahmt er gut nach, und es gelingt ihm in kurzer Zeit, sich jene fremde Kraft, die ihn früher zur Selbstentäusserung getrieben hatte, vollständig zu eigen zu machen. Mit Hilfe seiner geistigen Führer lernt er dann, sieh dieser Kraft zur A u s p r ä g u n g seiner e i g e n e n I n d i v i d u a 1 i t ä t zu bedienen. Die Selbstentäusserung versehwindet von selbst, und die Nachahmung nimmt die Form der Ctincürrenz an, in der sie das nationale Selbstgefühl nur noch erhöht. Noch länge bevor die Hellenisten in Palästina das Judenthum zugunsten der hellenischen Cultur aufgeben wollten, waren die Juden in Aegypten sowohl in ihrer Lebensweise, wie in der Art ihrer Anschauung und ihres wissenschaftlichen Strebens in nahe Beziehung zu den Griechen getreten, ohne dass eine besonders starke iNei^ungo^uniAssimilation in ihrer Mitte wahrzunehmen gewesen wä^e. Sie bedienten sich vielmehr ihres hellenischen Wissens, um durch dasselbe die Eigenart des Juderithums auszuprägen, dessen Herrlichkeit aller Welt zu offenbaren und seihe Erhabenheit über die griechische Gedankemvelt darzuthtm. Das bedeutet also, dass sie vermittelst der Nachahmung, die zunächst die Selbstentäusserung vor der fremden Geistesmacht hervorgerufen hatte, sich diese letztere zueigen gemacht haben und darauf von dieser Selbstentäusserung zur Concurrenz fortgeschritten sind. Hätten jene „Siebzig", die für die ägyptischen Juden die griechische Bibelübersetzung hergestellt haben, gleichzeitig für die palästinensischen Juden Plato ins Hebräische übersetzt und dadurch die griechische Gedankenwelt zum Gemeingut unseres Volkes in seinem Lande und in seiner Zunge gemacht, dann wäre sehr wahrscheinlich auch, in Palästina die Selbstentäusserung in Concurrenz übergegangen, und die Entwicklung der jüdischen Eigenart hätte dann einen viel bedeutenderen und grossartigeren Verlauf genommen. Es hätte dann naturgemäss im Judenthum keine „Griechlinge" gegeben; somit wären auch vielleicht die Makkabäer samnit all den geistigen Folgen, die in letztem Grunde in jener Epoche wurzeln, überflüssig gewesen, und Aver weiss, ob nicht die ganze Weltgeschichte eine vollständig andere Entwicklung genommen hätte. Doch die Siebzig" haben dies unterlassen, und erst in viel späterer Zeit, durch das Medium der Araber, wurde die hellenische Geisteswelt zum Eigenthum unseres Volkes in seiner Zunge, aber nicht mehr in seinem Lande. Aber trotzdem sehen wir auch da, auf fremdem Boden, die Selbstentäusserung in kurzer Zeit in Concurrenz übergehen und die Nachahmung in dieser Gestalt Wunderbares wdrken. Die Sprache, die Literatur, die Religion — sie alle feierten ihre Auferstehung und förderten die Ausprägung der jüdischen Eigenart durch die neue Geistesmacht. Und so sehr ward schliesslich diese Geistesmacht mit dem Judenthum verwachsen, dass die jüdischen Denker ihren fremden Ursprung nicht glauben wollten, und weil sie nicht verstehen konnten, wie das Judenthum jemals ohne dieselben bestanden hat, beruhigten sie sich nicht eher, als bis sie eine alte Sage fanden, nach der Sokrates und Plato Schüler der Propheten wären und die ganze griechische Weisheit nichts mehr als ein Plagiat an verloren gegangenen jüdischen Schriften sei. Seit jener Zeit erlebte das jüdische Volk nacheinander zwei Perioden, von denen die eine, die längere, durch eine gänzliche Entfremdung, ctie andere, kürzere, durch eine gänzliche Selbstentäusserung gekennzeichnet ist. Aber auch diesmal kommt es allmählich zur Erkenntnis, dass sie beide unberechtigt waren, und dass der richtige Weg in der Mitte liegt, nämlich die Vervoll: konimnung der nationalen Eigenart durch eine Nachahmung in Form der Concurrenz. Die Symptome dieser aufdämmernden Erkenntnis sind nicht erst in der aller jüngsten Zeit, da der Nationalismus zu einer besonderen Partei im Judenthum geworden ist, wahrzunehmen. Vielmehr lassen sie sich schon seit geraumer Zeit beobachten, auf theoretischem Gebiete in der neugeschaffenen Wissenschaft des Judenthums in europäischen Sprachen, auf praktischem Gebiete in den Reformbestrebungen zugunsten einer Umgestaltung der äusseren Form der jüdischen Religion. Zwar erscheinen diese Bestrebungen in den Augen vieler, selbst mancher ihrer Vertreter, als ein bedeutender Schritt auf dem Wege zur Assimilation, aber sie haben unrecht, denn sobald die Selbstentäusserung so weit gediehen ist, dass diejenigen, Tih sie üben, keinen inneren Zusammenhang mit dem „Erbe der Väter" empfinden, vielmehr sich von demselben durch Aufgehen in der fremden Gesellschaft loszulösen suchen — empfinden sie keinerlei Bedürfnis mehr, ihr väterliches Erbe zu dem Grad der nach ihren Begriffen wünschenswerten Vollkommenheit zu erheben. Sie sind im Gegentheil mehr geneigt, alles beim Alten zu lassen, bis es von selbst geräuschlos verschwindet. Bis dahin aber ahmen sie, sobald sie in diese Nothlage kommen,

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