Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Article
- Eine Discussion
- Date
- 1901-09-27
- Page
- 4 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 4 „Die & Welt" Nr. 39 Eine Discussion. Die Schlussitzung der „Jewish ChatauquaTiAflsembly", die kürzlich in Atlantic City stattfand, war? durch einen entschieden stolzen Waffengang zwischen Dr. K. Kohler, dem Führer der Reform und Rabbiner des Beth-El-Tempels in NTew-York und Mr. Clarence J. de Sola, dem Präsidenten des Canadischen Zionistenbundes gekennzeichnet. Dr. Kohler hatte einen Cursus von Vorträgen über „ Jüdische Ethik" gehalten, und während seines Schlussvortrages berührte er auch den Zionismus, äusserte sich feindselig über unsere Bewegung und beklagte namentlich, dass sie aus dem Juden einen „kämpf enden Mann" machen wolle. Die Bestrebungen des Zionismus seien im Widerspruche mit des Redners Vorstellungen von den Idealen des Judenthums. Mr. Clarence J. de S o 1 a, der in der Sitzung zugegen war, ergriff sofort nach Schluss der Ausführungen Dr. Kohlers das Wort und verwahrte sich mit grosser Entschiedenheit gegen die Argumentationsweise des Vorredners. „Wenn Dr. Kohler," sagte er, „mit den Worten, der Zionismus wolle aus dem Juden einen „kämpfenden Mann" machen, gemeint habe, dass der Zionismus den unterdrückten verfolgten Juden der östlichen Länder gelehrt habe, sich nicht mehr in unmännlicher Weise ir. die Rolle eines Sündenbocks aller Völker zu fügen, die in jeder anderen Beziehung als der der brutalen Kraft unter ihm stehen, dann ist es allerdings richtig, dass der Zionismus den Juden gelehrt habe, ein „kämpfender Mann" zu sein, und er ist stolz darauf. Aber es ist durchaus nicht richtig, dass er den Juden zu einem streitsüchtigen Manne mache oder ihn irgend etwas anderes als Liebe gegen seine Mitbürger lehre. Dr. Berkowitz aus Philadelphia, Schriftführer der Chatauqua, erklärte de Solas Bemerkungen als nicht sachgemäss und erklärte, der Gegenstand der Tagesordnung sei die jüdische Ethik und nicht der Zionismus. Aber Herr de Sola machte geltend, dass, wenn es erlaubt sei, den Zionismus anzugreifen, es bloss im Sinne der jüdischen Ethik sei, auch eine ändere Auffassung der Frage zu Worte kommen zu lassen. Da auch der Vortragende den Redner unterbrach, kam es für eine Weile zu einem lebhaften Wortwechsel. Herr de Sola nahm seinen Sitz wieder ein, nachdem er die Grundsätze des Zionismus verkündigt und an die Versammlung appelliert hatte, sie möge beurtheilen, ob Dr. Kohlers Vorwürfe begründet seien oder nicht. Viele Theilnehmer der Versammlung sprachen Herrn de Sola ihre herzlichen Sympathien für seine Anschauungen aus. Nachahmung und Assimilation. Von Achad Haam. Autorisierte Uebersetzung aus dem Hebräischen von Doctor Israel Friedlaender. (Schluss.) Doch bleibt die Nachahmung nicht immer auf den Umkreis einer einzigen Gesellschaft beschränkt. Das fortgeschrittene sociale Leben bringt schliesslich die verschiedenen Gesellschaften in Berührung miteinander und zwingt sie, sieh gegenseitig kennen zu lernen. Dalin muss nothwendig die Nachahmung ihr Gebiet erweitern und die Grenzen der Gesellschaft und der Nation überschreiten. Die Beschaffenheit der Nachahmung dieser Art hängt mit der Beschaffenheit der sich berührenden Gesellschaften zusammen. Sind sie sich in Bezug auf das Mass ihrer Kräfte und die Stufe ihrer Bildung gleich, oder. ähnlich, dann beginnt sofort unter ihnen die cöneurrierende Nachahmung: sie lernen voneinander verschiedene Dinge, die zur schärferen Ausprägung ihrer Eigenart dienenj und suchen in diesen Dingen sich gegenseitig zu übertreffen. Öteht hingegen die eine Gesellschaft in ihren körperlichen öder geistigen Kräften hinter der andern um viele Grade zurück, so dass sie beim Anblick dieser ihrer Gegnerin nothwendig ihre eigene Nichtigkeit und, das Gefühl der Selbstentäusserung empfinden muss^ dann bringt sie diese Selbstentäusserung zur Nachahmung der anderen, nicht zum Zwecke der Ausprägung ihrer eigenen Individualität, sondern bloss aus demüthiger Verehrung*, und deswegen ist die Nachahmung eine vollst ä n d i g e, ohne 1 jegliche Abänderung. Sie cojDiert dann ihre Gegnerin nicht bloss in denjenigen Dingen, die ihr diese Selbstentäusserurig eingeflösst haben und in denen die nachgeahmte Gesellschaft in der That zu einer hohen Stufe gelangt ist, sondern sie ahmt dieselbe sogar in den Dingen nach, an welchen jene selber bloss infolge ihrer Selbstentäusserung vor ihrer e i g e n en fernen Vergangenheit festhält, die aber an und für sich durchaus nicht die Macht hätten, eine andere Gesellschaft zur Selbstentäusserung zu veranlassen. 1 Ein derartiger Zustand ist für die in ihm befindliche Gesellschaft mit der grössten Gefahr verbunden. Die neue Selbstentäusserung vor "der fremden Gesellschaft schwächt nach und' nach die alte Selbstentäusserung vor den „Ahnen". Das Nächahmungscentrum rückt allmählich von diesen zu jener hinüber, und das Gefühl der nationalen oder socialen Zusammengehörigkeit geht, da es seinen Stützpunkt verloren hat, allmählich seinem Untergang entgegen. Die Gesellschaft gelangt schliesslich zu jenem seltsamen Zustande einer wandelnden Ruine, der weder Tod noch Leben bedeutet, und ihre Mitglieder beginnen ihre i n d i v i d uelle Eigenart aus dieser seltsamen Lage dadurch zu befreien, dass sie mit der fremden Gesellschaft eine vollständige Assimilation eingehen. Ist die Ursache der Selbstentäusserung eine materielle Kraft und hat die schwächere Gesellschaft keinerlei Aussicht, auch ihrerseits zu grosser materieller Macht zu gelangen, dann gibt es für sie in der That keine andere Rettung als die Assimilation. In derselben Weise sind auch alle jene kleinen Nationen, die ihr Land an ihre stärkeren Gegnerinnen verloren haben, zugrunde gegangen. Die Kraft der Faust, das am meisten verehrte Ideal jener Zeit, flösste stets der besiegten Nation die Selbstentäusserung vor der Siegerin ein. Nachdem sie nun in diesem Zustande der Sclaverei und Erniedrigung längere Zeit zugebracht, ohne sich jedoch helfen zu können, verliert sieh allmählich in den Herzen ihrer Mitglieder das*Gefühl der Ehrfurcht vor den Ahnen, bis sie die Nation einzeln verlassen und in der stärkeren verschwinden. Anders hingegen verhält es sich gewöhnlich, wenn die Selbstentäusserung von einer grossen geistigen Kraft ausgeht. Die fremde materielle Kraft ist für jedermann durch ihre Wirkungen sichtbar. Es ist daher dem Schwächeren unmöglich, deren Wert zu verkleinern oder deren Wirkungen Einhalt zu thun. Eine geistige Macht hingegen, die von aussen kommt, ist nicht allgemein sichtbar, und man kann daher Mittel und Wege finden, ihre Bedeutung herabzusetzen und ihr den Weg in die fremde Gesellschaft zu versperren. Wenn daher eine fremde geistige Kraft in irgendeiner Gesellschaft deren Selbstentäusserung hervorruft, so dass die Glieder derselben die fremde Lebensweise, in der sich jene Kraft verkörpert, zu copieren beginnen — dann erheben sich stets patriotische Eiferer, die die Bedeutung der fremden Kraft in den Augen ihrer Mitgenossen herabzusetzen und dieselben von der fremden Lebensweise vollkommen fernzuhalten suchen, damit diese ihnen unbekannt und unverstanden bleibe und daher keine Anziehung auf sie ausübe. Zumeist gelingt es auch diesen Patrioten, der Ausbreitung der neuen Kraft allerlei Hindernisse in den Wegszu legen und auf diese Weise ihren Wirkungen im Anfangsstadium Einhalt zu thun. Aber diese Hinderung ist noch keine radicale Heilung. Vielmehr bleibt die Gesellschaft stets der Gefahr ausgesetzt, dass vielleicht die Lebensbedingungen sie zwingen könnten, sich der ferngehaltenen Gesellschaft anzunähern. Dann wird wiederum die Annäherung die Selbstentäusserung, die Selbstentäusserung die Nachahmung und die Nachahmung schliesslich die Assimilation bewirken. Ja noch mehr, selbst die künstliche Fernhaltung an sich hat häufig das Gegentheil vom Gewünschten zur Folge, indem .sie. bei vielen, welche das fremde Leben von ferne anschauen und im Geheimen darnach begehren, den Wunsch nach der Selbstentäusserung noch verstärkt und sie schliesslich dahin bringt, dass sie mit einem einzigenmale den Zaun durchbrechen und ins feindliche Lager desertieren. Thatsachen dieser Art haben schliesslich meistens zur Folge, dass die. Führer der Gesellschaft endlich ein Einsehen haben — und wohl ihnen, wenn es noch rechtzeitig geschieht — und zur Ueberzeu-