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Die Welt · 1901-09-27 · 39 (27.9.1901) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
39 (27.9.1901)
Article
Colonisationsvorschläge
Date
1901-09-27
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 39 „Die # Welt" Seite & Diese wechselseitige Befruchtung führt uns auf einen Hauptpunkt, welcher das ständige organische Wachsthum der Colonien verbürgt, nämlich die Thatsache, dass alle Production in erster Linie sich aut den inneren Markt stützt. Bei der eapitalistischen Productionsweise ist die Ueberproduction das grosse Sehreckgespenst, welches die Eroberung auswärtiger Märkte als einzigen Ausweg erscheinen lässt. In Wirklichkeit gibt es aber keine Ueberproducüon. sondern nur eine Unterconsumtion. Das scheint ein Spiel mit Worten, trifft aber doch den Kern der Sache. In „schlechten Zeiten", wenn der Fabrikant klagt, dass er seine aufgestapelten Strümpfe nicht verkaufen kann, gegen die meisten Leute barfuss. Die LTrsachen dieser Unterconsumtion sind aber in folgenden Verhältnissen zu finden: Jeder, in Stadt und Land, der heute körperlich oder geistig arbeiten will, ohne Grundbesitzer zu sein, muss die Erlaubnis zur Arbeit von dem Herrn des Bodens erst erkaufen. Der Gärtner, der Barbier, der Kaufmann, der Arzt, der Arbeiter, der sogenannte Haus- oder Gutsbesitzer, der Bauer, sie alle müssen für diese Erlaubnis dem wirklichen Bodenbesitzer einen grossen Theil ihres Arbeitsertrages in Form von Miete, Hypothekenzinsen etc. bezahlen. Der wirkliche Herr des Bodens ist aber unter den heutigen Verhältnissen ganz überwiegend das Grosscapital, und diesem fällt auch zum grössten Theil der steigende Arbeitsertrag zu, auch wenn dieser durch die Thätigkeit der Gesamtheit erzielt ist; man braucht sich hier nur der ins Ungeheuerliche wachsenden Grundrente, des unearned increment der Millionen bauern zu erinnern. Wachsamen Auges verfolgt der Grundherr ,,die Conjunetur", um dem Arbeitenden nur soviel zu lassen, dass ihm die Arbeit noch lohnend erscheint. Man baut eine Stadtbahn, eine neue Strassenbahnlinie. Wohnt der Grossstädter nun billiger? Nein! Das aufgeschlossene Kartoffelland gewinnt schnell den Preis grossstädtischen Baulandes, den Vortheil der „gemeinnützigen" Anlage hat der Grundbesitzer. — Ein ausserordentlich prägnantes Beispiel erzählt Flürscheim: Für die Passage der Waterloobrücke in London musste jeder Fussgänger einen halben Penn}7 bezahlen; als nun dieser Zoll aufgehoben wurde, stiegen die Mieten jenseits der Brücke sofort um 6 Pence pro Woche, nämlich genau um den Betrag des wöchentlich bei täglich zweimaliger Passage gesparten Brückengeldes. — Soskin wird nun vielleicht meinen oben ausgesprochenen Zweifel gerechtfertigt finden, ob der bei Aceordarbeit ersparte Aufseherlohn statt den Arbeitern nicht den Actionären zuguten kommen würde. Durch diese Capitalisierung des grösseren Theiles des Arbeitsertrages in den Händen von Nichtarbeitern, welche mehr und mehr zur Bildung von Riesen vermögen führt, wird aber die Consumfähigkeit des grössten Theiles der Bevölkerung, nämlich des arbeitenden, um das vielfache vermindert, die der Milliardäre aber nicht entsprechend gesteigert. Wenn 100 000 Menschen so wenig verdienen, dass sie sich und ihrer fünf köpiigen Familie pro Kopf und Jahr e i n Paar Strümpfe abzusparen gezwungen sind, so kauft der Grosseapitalist, in dessen Gassen der grösste Theil des Arbeitsertrages 'geflossen ist, nun nicht 500 000 Paar Strümpfe, sondern höchstens 100 Paar. Den grössten Theil seines Vermögenszuwachses legt er nicht in Arbeitsprodueten, sondern wieder in Hypotheken oder einer anderen Form von Bodenbesitz an und erwirbt damit neue Tributrechte an Leuten, welche auf diesem Boden arbeiten wollen; es wird also wieder die Gonsuinfähigkeit, die Kaufkraft neuer arbeitender Schichten herabgesetzt, und so fort ad infinitum. Das ist ein Lichtstrahl wie aas einem Scheinwerfer auf die wirtschaftliche Entwicklung und Zukunft der europäisch-amerikanischen Culturstaaten. Also Unterconsumtion, nicht Ueberproductioa! Daher das Suchen nach auswärtigen Märkten mit den unausbleiblichen, immer längeren, von immer kürzeren Zwischenacten wirtschaftlichen Aufschwunges unterbrochenen Krisen, daher dieser fehlerhafte Zirkel. ' 'Und' die "Ursache dieser Verhältnisse ist ganz allein die Thatsache, dass der Boden ein freier Handelsartikel ist. Die Siedeliuigsgenossenschaft aber knüpft, wie alle gesunde Bodenreform, an die Form, der alten jüdischen Agrar- und Bodenculturgesetzgebung an, die auf der Bestimmung beruht: „Der Boden darf nicht auf ewig verkauft werden, denn mein ist das Land; denn Fremdlinge und Beisassen seid ihr bei mir." Der Boden ist Gemeingut, jedem steht Kaum zum Wohnen und Arbeiten zur Verfügung, kein Theil des Arbeitsertrages wird von der todten Hand des Grosscapitals beschlagnahmt und dadurch für das Ganze wertlos und verderblich. Das Land kann nicht mit dem Aufblühen der Colonie zum Handelsartikel werden, dessen Preis der Capitalist bestimmt. Der Binnenmarkt bleibt für landwirtschaftliche und industrielle Producte die Hauptsache, und Krisen können daher dem wirtschaftlichen Gleichgewicht nicht gefährlich werden. Die nur durch einen Kegulationsapparat mit aufschiebbarer Wirkung beschränkte Freizügigkeit ermöglicht ein ständiges Anwachsen der Zahl der Producenten und Consumenten in steter Wechselwirkung, sowie eine stets intensivere Bearbeitung des Bodens bis zur Gartenwirtschaft. In Handwerk und Industrie ist eine dauernde Concurrenz mit ihrer unwirtschaftlichen Verschwendung*) an Eaum, Material und Arbeitskräften nicht möglich; der Concurrenzkampf endigt nicht mit dem Ruin des Besiegten, dem stets die Mutterarme der Genossenschaft offen stehen. Die genossenschaftliche Production gestattet eine zweekmässigere und um das Vielfache höhere Ausnützung des Bodens, aller Anlagen und Werkzeuge, so dass auf dem gleichen Areal wohl die zwanzigfache Zahl von Menschen Platz findet, als beim Einzelbetrieb oder gar bei Latifundienwirtsehaft. (Schluss folgt.) Der Zionismus in Italien. Unsere Bewegung gewinnt in Italien immer festeren Boden. Von Mailand, wo die Mitgliederzahl der ,,Associacione Sionista" stetig anwächst, von Mantua, wo die ersten Schritte zur Errichtung einer zionistischen Vereinigung gemacht werden, von Parma, wo man an die Sammlung der vielen einzelnen Gesinnungsgenossen geht, von Modena und Ferrara, deren Vereine Versammlungen zur Eröffnung der Herbsteampagne ankündigen, von manch anderen Städten noch kommen erfreuliche Berichte. So beginnt man denn auch an eine straffere Gesammtorganisation zu denken. Zu diesem Zwecke wird geplant, im October zu Modena eine Gonferenz der italienischen Zionisten abzuhalten. Wir hoffen, demnächst Näheres über die Ausführung dieses bedeutsamen Projectes mittheilen zu können. *) Ich kann mir nicht versagen, liier durch eine kleine Rechnung zu zeigen, welche ungeheuren Summen an Grundrente schon unter heutigen Verhältnissen durch Fortfall der Concurrenz gespart werden Können: Der Grund- und Gebiiudewert des Wertheim'schen Geschäftes in der Leipziger Strasse in Berlin wird auf ca. 10 Millionen Mark angegeben. Zu 5 Percent gerechnet, zahlt W. also in Gestalt von Zinsen jährlich eine halbe Million Mark Miete. Der Jahresumsatz desselben Geschäftes beträgt ungefähr 25 Millionen Mark. Denken wir uns nun an Stelle dieses Kiesenbetriebes 500 einzelne Kaufleute mit einem Umsatz von je 50 000 Mark. Von diesen müsste jeder nach Berliner Verhältnissen niedrig gerechnet 2500 Mark Miete bezahlen, zusammen also V/A Million Mark. Differenz n/4 Millionen Mark. Eine ähnliche Rechnung Hesse sich leicht für das Verhältnis der Arbeitskräfte aufstellen. Würde die Differenz sich hiebei vielleicht nicht so gross erweisen wie bei der Miete, so wäre doch die Mehrausgabe des Riesenbazars durch bessere Bezahlung der Angestellten, kürzere Arbeitszeit, Pensionscassen etc. in Rechnung zu stellen. Bei der Eröffnung aber schüttelten sämmtliche Philister ihre weisen Häupter und bewiesen haarscharf, dass dieser Simson die Haare vom Kopfe verlieren werde, dass das Unternehmen „bei den enormen Spesen an Miete und Gehältern" unmöglich werde bestehen können.

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