Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 39 (27.9.1901)
- Article
- Sukkoth!
- Date
- 1901-09-27
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Wert" Nr. 39 Hielten ihre Ethrogim allesammt nach dem Hohepriester Hyrkanus warfen, der für den Sohn einer Sclavin galt. Denn einen unfrei Geborenen sollte keine Würde im stolzen Israel zieren. Hyrkanus fühlte sich durch das Volk tief beleidigt, Hyrkanus fühlte sich dem Widerstand des Volkes nicht gewachsen, er suchte Trost und Stütze für seinen Ehrgeiz, und fand sie bei Antipater, dem Vater des Römerfreuiides Herodes. Das war der Anfang von jenem Ende. Aus jenen, die in ihrem Tempel nicht einmal einen Halbfreien dulden wollten, sind ganze Sclaven geworden, Knechte, deren Denkungsart in einem erschütternden Bilde einst Nordau zeichnete : Den Heloten, den Sclaven Spartas, gab man von staatswegen einmal im Jahre so viel zu trinken, dass sie davon berauscht wurden. An den würdelosen Betrunkenen zeigte man dann den jungen Spartanern, wie hässlich der Rausch sei. Die Heloten waren einst tapfere Gegner der berühmten Lacedämonier. Von ihren Nachkommen aber erzählt ein Schriftsteller, dass sie begierig jedes Jahr auf das Gratisräuschchen warteten. Nur der Genuss fand Platz in ihrem B:nvusstsein, nicht die Entwürdigung. Auch die Juden ber< usehen sich in der Begeisterung für Fremde, und im zweifelhaften Genuss der Antheilnahme am öffentlichen Leben ist ihr Sinn für Würde und nationale Bedürfnisse gar oft verschwunden. So sehen wir sie, wie sie für die Erntö Palästinas beten, in selbstlosester Nächstenliebe, weil sie das Land ja den Juden absprechen. Wir wissen, nicht ihre Schuld sind ihre Verkehrtheiten. Von den Dämonen wählt Goethe die Sorge, die Paust mit ihrem Anhauch blind macht. Ewig wahr! Das Sehen haben die Juden im Nebel fortwährender Sorge verlernt. So entgeht ihnen die Einsicht in ihre Gegenwart und Zukunft, die in der Zusammensetzung des Lulav ihr Symbol findet: Es bedeutet die Myrthe die Vermählung des Volkes und Landes, der Paradiesapfel beider Blüte, und dann wird das Zeichen der Palme sich verwirklichen, die den Frieden bedeutet und den Siegespreis des Schönsten und Besten. Wir, die bei der Errichtung der Sukkah nur die Erinnerung an Gewesenes bestehen lassen wollen, keine Andeutung an die laufende Zeit, müssen aus unserem dumpfen, entmuthigten Volke ein strebendes, lebensfreudiges machen. Da haben wir viel harte Versteinerungen mühevoll umzumodeln. Aber im Anblick der Bilder aus einstigem Glück geben wir unseren Kräften die höchste Spannung und sind in Arbeit froh beim Ringen um das schönste aller Ziele: Das Leben, dessen Bedingungen die Juden nicht tragen müssen, sondern wollen. Juda ben Avigdor. Der fünfte Congress. Die actuellen Ereignisse der Tagespolitik und die fortwährende Krise im Wirtschaftsleben haben das Interesse für den kommenden Congress nicht zu ersticken vermocht. Der Kenntnisnahme von der Congresstagung folgt nunmehr in einem grossen Theil der europäischen Presse eine kritische Würdigung der Ziele und der Erfolge der zionistischen Bewegung. Die in den vergangenen Jahren kühle, zuwartende Haltung namentlich der russischen Presse scheint einer aufrichtigen Sj-mpathie für die zionistische Bewegung gewichen zu sein. Der Ernst der Congressberathungen, die Offenheit in den Bestrebungen unserer Partei und die unablässige Consecjuenz und Energie in der Verfolgung der von den Congressen aufgestellten Aufgaben haben sicherlich dieses Resultat erzeugt. Die kleine Zahl von christlichen Philozionisten, die schon am ersten Congresse zu Basel mit ihren Wünschen und Hoffnungen theilnahm, hat sich im Laufe der letzten Jahre stattlich vergrössert. Sie wächst von Tag zu Tag. Täuschen uns nicht die freundliehen Worte der Zeitungen und dürfen wir im privaten Verkehr aus liebevollen Beweisen der Theilnahme und der Sympathie für unsere Sache schliessen, so können wir hoffen, dass die Zeit nicht ferne ist, wo der eigentlichen zionistischen Bewegung in einer allgemeinen christlichen Liga der Philozionisten eine mächtige Bundesgenossin für die Friedensarbeit der Sammlung und Einigung erstehen wird. * Die Idee des Weltzionistentages begegnet allgemeiner Sympathie. Davon zeugen die vielen Zuschriften, die an uns gelangen. Auf die Anfrage, wie weit die Sache gediehen sei, und ob ein Beschluss des Actions-Comites vorliege, können wir nur unsere vorwöchentliche Meldung wiederholen. Derzeit werden die Vorarbeiten von einem privaten Comite besorgt, es ist aber mit Bestimmtheit zu erwarten, dass das Actions-Comite eine Angelegenheit von dieser Bedeutung selbst übernehmen wird. Hinsichtlich des Termines sprechen sich die meisten Zuschriften für den Vorabend des Congresses aus. Nur für England wird wegen eines christlichen Feiertages der 25. December empfohlen. *' „Wschod", das Organ der polnischen Zionisten, begrüsst den Congress mit folgenden Worten: „Was man auch von der Ergiebigkeit der Congressarbeit sagen mag, die Bedeutung der zionistischen Congresse sowohl für die Bewegung nach innen als für die Propaganda nach aussen kann nicht bezweifelt werden. Unzweifelhaft hatte jeder Congress seine ihm eigentümliche Aufgabe, die mit mehr oder weniger Erfolg auch ausgeführt wurde. Dem 5. Congress kommt eine besondere Bedeutung zu. Er wird die Ergänzung des Werkes sein, welches vor 5 Jahren in Basel begonnen wurde. Wenn nämlich der erste Congress der Welt zu verkünden halte, dass ein relativer Theil der Juden, welcher sich nicht um eigenes Wohlergehen, sondern um das dauernde Glück seines Volkes kümmert, nach der Lösung der sowohl für Juden als auch ihre Umgebung lästigen Judenfrage verlangt, hat der 5. Congress die Aufgabe, dieses Verlangen auf es ne reale, praktisch budgetierte Grundlage zu stellen. Wenn der 1. Congress eine ideelle Organisation der Zionisten schuf, so kommt dem 5. Congresse die Aufgabe zu, endgiltig eine finanzielle Organisation zu schaffen, welche es ermöglichen soll, die Ziele der Bewegung auch zu realisieren .... Der Empfang Dr. Herzls beim Sultan und die erhoffte Geschäftsordnung der Jüdischen Colonialbank sind die Signatur des kommenden Congresses . . . ." „Wschod" schlägt zum Schlüsse vor, Bezirksconferenzen in nächster Zeit zu veranstalten, um sowohl der Agitation für den Schekel als auch für die Jüdische Colonialbank die vollste Aufmerksamkeit zu widmen. Diese scheinbar so* kleine, in Wirklichkeit aber sehr wichtige Aufgabe verlangt Sammlung aller Kräfte. „Bereiten wir für den Congress eine starke Organisation der Kräfte vor, damit wir nach dem Congresse die grossen Auf gaben empfangen können, die uns zutheil werden/' Colonisationsvorschläge. Ein kritiscfier Vergleich von Dr. E. 8imon&on, Schöneberg. (Fortsetzung.) Wieviel jeder landwirtschaftliche Theilnehmer am Ende des ersten Kechnungsjahres noch über seinen ortsüblichen Tagelohn hinaus erhalten wird, darüber lassen sich bei diesen allgemein gehaltenen Erörterungen selbstverständlich keine irgendwie zuverlässigen Schätzungen anstellen. Aber wie klein auch immer der Ueberschuss über die ortsüblichen Arbeitslöhne anfangs sein mag: das Ergebnis ist eine vergrösserte Kaufkraft der Colonisten, welche zunächst den gewerblichen Arbeitern und Handwerkern zugute kommt; diese können wiederum mehr landwirtschaftliehe Producte consumieren bezw. an Zahl der Personen und Betriebe wachsen. Die Folge muss sein, dass der landwirtschaftliche Leiter zu einer intensiveren Bodenbewirtschaftung schreiten kann, dass also neue Ansiedler auf demselben Boden als Genossen Platz finden.