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Die Welt · 1901-09-20 · 38 (20.9.1901) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
38 (20.9.1901)
Article
Die Abgebrannten
Date
1901-09-20
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die # Welt" Nr. 38 stockte, verspürte ieli die süsse Last des schlafenden Kindes. Ein Gefühl der Rührung durchzitterte mich. Lange betrachtete ich sein abgezehrtes blutleeres (iesiehleheYi iiiit den «reöffneten Lippen. Wie sclinial und dünn seine lliiiulchen waren! Das eine liieng sc lila ff herab und das andere war auf die schmale Brust gepresst. Lud diese eingefallene Brust jiob sich so seltsam, wenn das Kind Athen) holte. Knie Art schwerniiithigcr Anniuth verklärte das Gesichtehen des holden Schläfers. Ks schien als möchte das kleine Herz ob eines grossen Leides aufschreien, als möchte es Erbarmen, Rettung erflehen .... Thränen drängten sjrh in meine Augen. Ich war so ergriffen, dass ich am liebsten dieses arme Ding, meine armen Kapcansker Juden und all nieine .innen Brüder in die Arme hätte, sehiiessen. mögen. Mein Mick irrte umher und fiel bald auf dieses kleine hilflose (ieschöpf. bald auf die armen, verlassenen Kapcansker Rnidcr. Kin Taumel ergriff mich . . . () Gott! dachte ich. Wie leidet doch dein Volk Israel! Es kommt über Einzelne ein Inglüek und alle sind davon betroffen. Eine Feuersbrunstäscherte einige Häuser in Kapcan*k ein, und alle Juden der Stadt t lauern. Ks trauern die Beth ha-M id rasch-Hocker und die Mehl mdim, die l)ajonim und Schainossim, die Yorbetcr und die Schächter. Die Krämer. Makler und alle sonstigen armen Teufel. ..Chane, ('haue," rief der Vater des Kindes zu seiner Frau. ..Schau nur her. wie bequem sieh's Chiiim dankele auf Heb Mendeles Scboss gemacht hat. Ei. was für Schlafstelle hat er sich gewählt. Aber nimm ihn nur rasch weg."* ..Weh" der Mutter, web' ihrem Leben.'; erwiderte Chane mit betrübter Miene. ..'Wie liegt er da. mein Sehatz! Wie ein müdes Yügelchcn ist er eingeschlafen. Mein süsses junges Leben, inusst auch schon leiden . . . Die Mutter wollte mir das Kind abnehmen, da wehrte ich ab und rief ihr zu : ..Lasst es doch schlafen!" Während das Kind auf meinem Schosse im süssen Schlummer lag, liess ich mich in ein Gespräch mit dem Vater ein. Es war ein blasser, anscheinend gelehrter Mann. Ich fragte ihn: „Saget doch, Reh Jeehiel MordechaL wie habt Ihr in den schlechten Zeiten vom Ausbruch des Feuers bis heute Euer Auskommen gefunden V „Gelobt sei der Allerhöchste für seine Wunder bis jetzt!" antwortete Reb Jeehiel Mordecliai und wandte die Augen gen Himmel. .AVas hat denn der Jude zur Erhaltung seines Lebens nöthig'.'! Wir begnügten uns mit Wenigem und vertrauten atif Gott und gute Menschen." ..Sind Euch J uden beigesprungen r; ..Von einer Stadt und von den nahen Dörfern bekamen wir bald nach dem Brande einige Wagen Rrot. sonst haben die Gemeinden nichts gegeben, es sei denn, dass einzelne Wohlthäter etwas spendeten." „lud weswegen habet Ihr die Gemeinden nicht schriftlich von Kurein l'ngliick in Kenntnis gesetztV" „Das haben wir wohl. Reb Mendele. aber ohne Erfolg. Wir giengen wefter und schickten Special-Delegierte aus, damit sie Spenden für uns entgegennehmen möchten, aber auch das half nichts. Wir kamen also zur Einsicht, dass uns in der Weise niemand helfen würde. Ja. ja, es ist eine missliche Sache, es ist nicht zum Aushalten, und wir handeln im Sinne unserer Weisen, die da meinen: ..Du sollst, niemand aburthoilen, bis Du an seineu Ort gelaugst.*" Wir haben uns also entschlossen, unsere Brüder in ihren Wohnorten aufzusuchen, vielleicht werden sie sich unser jetzt erbarmen. Was glaubt Ihr. Keb Mendele, werden wir Erfolg haben?" „Habt Ihr etwa ein Gebreste am Körper? „Eine schöne. Klage, Heb .Mendele. erkennt Ihr denn nicht, dass ich ein leidender Mensch bin 7" „End welche Heilnuttel wendet .Ihr dagegen an. Keb Jeehiel Mordcehai V* „Kino Frage: Welche Heil mittels! Anfangs, als ich das Gebrechen vielleicht noch hätte heilen können, habe ich nichts dagegen gethan und jetzt, da die Schmerzen heftiger sind, ist es bereits zu spät! . . . Ich zweifle sogar, ob ein Heilnuttel überhaupt genützt hätte. Aber wozu fragt Jhr, Heb Mendele'.'" „Wozu ich frager!" erwiderte ich bitter. „Mit einem Gleichnis will ielfs Euch sagen. Die Kapcansker Abbrändler und noch andere derartige arme Teufel sind nichts anderes als kranke Glieder am jüdischen Körper. Wären unsere« Juden gescheit, so würden sie sich bemühen, durch wirksame» Heilmittel noch beizeiten die kranken Glieder zu heilen, so lange die Krankheit den ganzen Körper noch nicht ergriffen hat. Wenn unsere Brüder nach dem Brande sofort thatkräftig eingegriffen hätten, so könnte alles noch gut werden. Ks wären keine grossen Summen nöthig gewesen : wenn ein jeder in bescheidener Weise sein Scherflein dazu beigetragen hätte, so würde sich eine hübsehe Summe ergeben haben. An Stelle der Trümmer hätten neue Gebäude erstehen können. Kin jeder hätte seiner alten Beschäftigung nachgehen können. Jetzt al>er müsset Ihr den Wanderstab ergreifen. Ihr ziehet, plan- und ziellos in die Welt hinaus . . . Und wisset Thr, Reb Jeehiel Mardechai, was Euch alle erwartet? Die Kapcansker, die man nicht rechtzeitig unterstützt hat, wird dasselbe Schicksal ereilen, wie alle verarmten Leute, die dem Bettel verfallen sind. Ihr weidet immer tiefer und tiefer sinken, ohne Euch je wieder aufraffen zu können. Das, was Ihr einsammeln werdet, wird während der Wanderung aufgehen und das Ende wird sein, dss Ihr Bettler bleiben werdet! Unsere Juden stützen keine Sinkenden. Aber es lacht sich bitter, jetzt werden sie mit Wueherzinsen hergeben, was sie Euch verweigert haben, und es wird nicht nützen. Sie werden Geld geben, mehr als sie können, aber umsonst, es wird in ein bodenloses Fass rinnen! Sie werden Herbergen errichten, Müssiggängern Unterhalt geben müssen. Witwen und Waisen werden sie bedrängen. Arme Verwandte werden sich Gastfreundschaft erzwingen. Seht ihr, Beb Jeehiel Mordechai, an dieser Stelle ist eben ein Frosch ins Wasser gesprungen. Ein Kreis zieht sich um diesen Punkt der Oberfläche, dann noch einer und noch einer, der eine grösser als der andere. In Kapcansk ist eine Feuersbranst ausgebrochen und dieses Feuer wird bei den Juden in anderen Städten ein grösseres Unglück anrichten als in Kapcansk selbst." „Unsere Weisen haben das schon früher gesagt," antwortete mir Beb Jeehiel Mordechai, der nach Art der Talmudisten mit den Schultern zuckte, was immer andeuten sollte, dass derselbe Gedanke schon dagewesen sei. Tin „Midrasch Schir Haschirim" heisst es: Wenn Du aus einem Haufen Nüsse eine Nuss herausnimmst, so rollen alle anderen mit, ebenso ist's mit den Juden: nimmst Du einen weg, so spüren es alle." „Und wie kann es besser werden?'* fragte ich. „Gibt es denn gar keine Hoffnung mehr, dass unsere Brüder sich selber eine bessere Lage schaffen? Müssen sie denn immerfort wie Nüsse einander naclu ollen?! . . . ." Heb Jeehiel Mordechai seufzte, antwortete aber nicht. Wir hiengen beide unseren Gedanken nach und schwiegen. Einige .Minuten später standen die Kapcansker auf, um die Wanderung fortzusetzen. Alles war marschbereit: Männer, Weiber und Kinder, selbst Leiserl. tfer Stadtuarr folgte dem Zuge. Ich begleitete meine Landsloute mit meinem Gaul noch eine kleine Strecke Weges und nahm dann Abschied von ihnen. * Ich begegnete den armen Kapcanskern nie mehr im Leben und weiss nicht, was aus ihnen geworden ist. Sie wälzten sich wohl fort wie Nüsse, bis sie an einen Abgrund kamen . . . Von unserer westlichen Volksbildungs-Bewegung. l. Aufruf! Die zionistischen Vereine der AViener Bezirke XII bis XV eröffnen am KL 0 et ober 1901 im Saale des Herrn K.' IF e r 1 i n g e r , XIV. S e Ii w e n d e r g a s s e 1, ein Jiiäi«'lt(>s Hildunfjsheim mit folgendein Programm: 1. Jeden Montag: Vorträge und Discussionen über jüdische Geschichte und Literatur. "I. Jeden Dienstag: Gesang- und Musikvorträge. o. Jeden Mittwoch: Curse für hebräische Sprache und Literat ur. 4. Jeden Donnerstag-: Vorträge aus verschiedenen Gebieten der Wissenschaft. Jeder Vortragsabend beginnt u m 8 LI h r abends. Jeder, der uns dabei durch seine Kraft unterstützen will, wird gebeten, sich bei Herrn X.a t h a n M e c Ii o r X V., I I e r k 1 o t z g a s s e 2, zu melden. Wir erhoffen, viele Anmeldungen und bitten insbesondere die Studenten- und Mädchen vereine um ihre Unterstützung. Pas Ej'ccutir-Coiiiil(> der zionistischen Vereine in den Wiener Bezirlieu XII bis XV. 2 Wir berichten in dieser Xuinnier unter der Ueberschriff „Der französische Zionistenbundu über den Plan unserer Pariser fYeunde, eine jüdische Volkshochschule zu gründen. Wir bogrüssen diesen Gedanken als eine bedeutsame Bereicherung unserer jungen Volksbildungs-Bewegung und holten, bald Xäheres über die ersten Sehritte zu seiner Verwirklichung mitthoilen zu können. f). Wie w ir erfahren, ist in Lemberg ein Verein „Jüdische Toynbeehalle" im. Werden begriffen. Anmeldungen nimmt

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