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Die Welt · 1901-09-20 · 38 (20.9.1901) · p. 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
38 (20.9.1901)
Article
Das Fest der Flüchtigen
Date
1901-09-20
Page
11 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 38 Die 3& Welt" Seite 11 warum ihre Männer sich nicht beeilt hatten; diese Nachricht brachten sie noch immer früh genug. Doch jetzt war zum Klagen keine Zeit. Wer seine armseligen Habseligkeiten in ordentlichem Zustande beisammen haben wollte, musste sie selbst zusammenlegen, selbst aufladen, um dies Geschäft nicht den Bauern zu überlassen. „Wohin fahren wir, Mutter?'"' so fragten die Kleinen, als sie ihre Eltern die »Sachen zusammennehmen sahen. „In die Stadt." war die von Timmen erstickte Antwort. „In die Stadt, wir fahren in die Stadt!" so jubelten die Kleinen, denen eine solche Heise sonst immer ein Fest gewesen war. Die armen Kleinen, sie -wussten nicht, dass sie dorthin fuhren, wo kein Lager ihrer wa/rjtete, kein Heim, sie zu empfangen, dass sie elende Ausgestossene waren aus dem Orte ihrer Geburt. Alles war aufgeladen; leer, öde, ausgestorben starrten die niedrigen Häuschen; auch dasjenige, welches als Hethaus gedient hatte, war ausgeräumt. Die Thora iirdie Arme nehmend, stieg der Aelteste der Gemeinde auf den Wagen, die andern folgten ihm und der jammervolle Zug setzte sich in Bewegung. Noch ein letzter Blick aufs Dorfchen! Was wohl dieser Blick unifassteV! War es die Erinnerung an die schmerz- und jammervollen, aber auch die glücklichen Augenblicke, die hier verlebt worden waren, war es ein Fluch auf diese Gegend, die den aller Menschenrechte beraubten Juden nicht einmal ein Fleckchen Erde gönnte, war es ein gleichgültiger Blick der ^Resignation, die nichts fürchtet, weil sie nichts hofft? Immer weiter gieng der Zug, immer tiefer senkte sich die Sonne gegen Westen. Stumm, wie verloren, blickten die Männer vor sich, stumm verzweifelnd die Weiber auf ihre Kindel*, und immer kleiner wurde das Häufchen der Bauern, die höhnend dem Zuge folgten. Und als gerade ein Wald durchschritten wurde, da war die Sonne untergegangen, das Fest hatte begonnen. Sofort blieben die Wagen stehen, die Männer und die Frauen stiegen ab, ein Tisch wurde auf einen freieren Platz gestellt, zwei von einem Bauern angezündete Kerzen darauf und die Thora zwischen diese gelegt. Der Vorbeter begann das Gebet. Wie oft hatten sie dieselben Worte ohne Verständnis, ohne sich dabei etwas zu denken, herabgeleiert. Aber jetzt schütlcicn sie ihren ganzen -Jammer, ihr ganzes Elend in diese Worte. Stromgleich brachen die. bisher zurückgehaltenen Klagen hervor, wild schlugen sich die Männer an ihre Brust, zerrauften sich die Frauen ihre Haare. So schaurig erklangen diese Schreie der Verzweiflung zum Himmel, dass selbst die sich immer mehr ansammelnden Bauern hievon ergriffen ihre Häupter entblössten und niederknieten. „Schema Jisroel!" Höre Israel, wenn Du Dich noch irgendwo in Hoffnung wiegst, dass Du von Fremden Gerechtigkeit und Gleichheit zu erwarten hast, höre, wie man Deine Brüder, die in bitterer Arbeit ein Stückchen Brot für ihre Kinder zu erwerben trachten, knechtet, drückt und verjagt! Höre Israel die Klagen der Mütter, die nicht wissen, wo das Haupt ihrer Kinder zu legen, denen im Lande ihrer Geburt das Recht auf Heimat verweigert wird! Höre Israel und raffe Dich auf! Immer tosender erklangen die Gebete1, die mit ihrem zitternden Rhythmus die Lüfte erschütterten. Es war. als ob die betenden Juden sich an ihren eigenen Klagen berauscht hätten: es war, als ob der tausendjährige Schmerz der Tuden sich in den Schreien dieses kleinen Häufleins Luft machen wollte „Erbarme Dich unser, Herr der Heerschären, erbarme Dich Deines verhöhnten und geknechteten Volkes\'f Doch was war das? Tst es nicht, als ob ein von seitwärts her dringender gellender Schrei alles übertönt hätte? Eine Frau hatte infolge der Aufregungen, der ungewohnten Anstrengungen des Tages vorzeitig einem Knaben das Leben gegeben. .... Die Betenden waren verstummt, auch die Wchemutter hatte zu jammern aufgehört. Durch die düstere Stille drangen nur die ersten Schreie des neuen Weltbürgers. O, du unglückseliges Wesen! In entsetzlichen Schmerzen geboren und im Angesichte des unsäglichen Elendes deiner Brüder, was wartet deiner auf dieser Welt! Ein neues Opfer der Verfolger wirst du sein, gehetzt von Ort zu Ort wirst du werden, die Schmerzensgeschichte deines Volkes wirst du um ein Blatt vermehren! Da hellt sich die düstere Scene auf! Durch die Baumkronen hindurch dringen die Strahlen des aufsteigenden Vollmondes und zaubern mit ihrem silbernen, weichen Lichte ein Lächeln auf die Lippen des neugebornen Kindes hervor. O möge dieses Lächeln ein Hoffnungsstrahl einer besseren Zukunft sein! Vielleicht wenn dies Kind zum Manne herangereift ist, hat das Elend des jüdischen Volkes ein Ende gefunden, hat sich der ewig wandernde Ahasver im eigenen Heim endlich zur Ruhe gesetzt. Und dann weiden die Leiden nur noch in der Erinnerung sein. Mit stummen Blicken, mit verschlungenen Händen umstehen die Weiber das Schmerzenshiger der Wöchnerin und herüber klingt die laute Stimme des Vorbeters, der. das Gebet schliessend, den Brüdern zuruft:!,: ' <«"■':»' ]' ' „Leschono habo bi-Jeruseholaim." Mi chomaucho. Von Hugo Zuckermann. Banges, müdes Kerzenfliminern, Dumpfe Schwüle, schwer und drückend, Durch die kleinen Fensler schimmern Schon die Sterne. Sinnberückend, Sinnbethörend murmeln leise, Siegesfroh, bald todestraurig, Fromme Beter eine Weise, Uralt, heilig, wonneschaurig. „Nie wird Gott sein Volk verlassen, Hat durchs Meer getreu geführt es!" Vom Ahnemor rul't's der Cliasen, Und die Menge recitiert es. „Mi chomaucho! Herr wer gleicht Dir, Weiche Macht Dir, Wunderthäter! Hüpft, ihr Berge! Hügel weicht ihr, Jauchze, Meer,4' so singt der Beter. Mi chomaucho! Wie Posaunen Tönt's, wie Sicgesschofarkläiige. Also jauchzten einst die braunen Töchter Judas Jubelsänge. Mi chomaucho! Gold'ne Lettern Prangten an Makkabis Fahnen Flatterten in Schlachten wettern! Mi chomaucho! Sang der Ahnen! Armes Volk, das auserkoren Gottes Gnadenworte hatten! Hast den Seelenglanz verloren, Schleichst dahin den Weg der Schattin. Wandre nur auf wunden Sohlen, Senke demuthsvoll Dein Haupt, Denn man hat Dein Selbst gestohlen, Deinen Adel Dir geraubt! Heut' erzählen Deine Lieder Thaten heldengrosser Väter, Doch Du schlägst die Augen nieder Fromm, erinn'rungsloscr Beter! Und wie oft Dein Blut vergossen. Künden schmerzvoll Deine Chöre — Hast die Fenster fest verschlossen, Dass man's nicht von draussen höre! Sieh, wie Purpurdämmerghmz Fern am Abendhinmiel lodert, Während drin ein Siegeskranz Unter Pergamenten modert. Die Abgebrannten. Skizze aus dem jüdischen Leben von Mcndclc Mociirr X'ftnim, (S. J. Abramowicz). Aus dein Jargon übersetzt von A. 1). Thum. (Schluss.) Nichts vermag so sehr Gefühle des Alitleids in meiner Seele wachzurufen, als der Anblick eines kleinen Kindes, das tief athniend einschläft, insbesondere wenn es vor Schwäche oder nach erhaltenen Prügeln die müden Aeuglein schliesst. Während ich mit meinen Kapcansker Bekannten im eifrigen Gespräche begriffen war, schlich sich eines der Kinder an mich heran. Es legte das Köpfchen auf meinen Schoss und schlief ein. Im ersten Moment nahm ich es nicht wahr,, allein als das CJespräch

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