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Die Welt · 1901-09-20 · 38 (20.9.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
38 (20.9.1901)
Article
Nachahmung und Assimilation
Date
1901-09-20
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seile 10 „Die # Welt" Nr. 38 greifen hätten, um auch ihrerseits p r i n c i p i e 11 e Neuerungen hinzuzufügen. Den gemeinsamen Mittelpunkt der X a e Ii a Ii m u n g bildet dann lediglich die V e r gangen Ii ei t, die (lesammtheit jener „centralen Männer", die zu ihrer Zeit ihr persönliches Gepräge der ganzen Gesellschaft aufgedrückt haben. Und in derselben Weine, in der die Ergebnisse der Nachahmung von all den (Jenerationen der Entstehungszeit sich zu einer Gesellschaftsordnung vereinigt haben, so vereinigen sich jetzt auch die Schöpfer dieser Ordnung in den früheren Generationen zu einem einzigen Nachahniungscentrum, welches gleichsam ein abstractes Sonderweseii bildet. Sie werden in den Begriff „Ahnen" zusammengefasst, im Verhältnis zu denen die neuen Generationen mitsammt ihren Führern sich ihrer Individualität entäussern und in ihres Nichts durchbohrendem Gefühle mit denuithiger Verehrung zu den glorreichen Helden der Vergangenheit emporblicken. Daneben hört allerdings auch die gegenseitige Nachahmung unter den Individuen der lebenden Generation nicht auf. aber sie geht bloss in unwichtigen Einzelheiten und ohne genieinsamen Mittelpunkt vor siel) und rührt zumeist von einer ganz anderen Ursache her. Anstatt der aus der demüthigen Verehrung entspringenden 8 e 1 b s l e u t;i u s s e r u n g, die unter den Individuen der gegenwärtigen Generation kein passendes Object mehr findet, weil sie alle in gleicher Weise von dem Vergangenheit abhängig sind, pflegt jetzt die gegenseitige Nachahmung unter den Lebenden durch die Coiicu rreiiz erweckt /ai werden, die den Neid und die Selbst liebe zur Ursache hat. Vielen gelingt es, die Aufmerksamkeit der übrigen Gesellschaft auf sich zu lenken und durch irgend eine Leistung, sei es theoretischer oder praktischer Natur, sich über ihre Genossen zu erbeben. Per Erfolg dieser regt auch die anderen zur Nachahmung an, aber nicht mehr, weil diese sich ihrer Eigenart entäussern wollen, sondern im Gegentheil, weil sie ihre Eigenart b e w ahre n wollen, weil auch sie das Bestreben haben, sich zu der Höhe ihrer Genossen emporzuschwingen. Und ebenso wie sich die Nachahmung der letzten Art von der früheren in der Urs a ehe unterscheidet, so unterscheiden sie sich auch in ihrer Beschaffenheit. Im Zustande der Selhstentäusserung will der Mensch den Geist des N a c h g e a h m t e n, der sich in dessen Thatcn offenbart, sich zueigen machen, und deswegen ahmt er diese Thaten vollständig nach, ohne in irgendetwas von der 'Form abzuweichen, die jener ihn so anziehende Geist ihnen gegeben hat. Hingegen im Zustande der Goncurrcnz will der Nachahmer lediglich seinen eigenen Geist durch jene Thaten ausprägen, die der Nachgeahmte gemäss seinem Geiste vollbracht hat, und er bestrebt sich daher, das gegebene Vorbild zu variieren, insofern sein eigener Geist von dem Geiste des andern und sein eigener Zustand von dem Zustand des andern verschieden ist. Aber auch die Nachahmung der letzten Art ist von grossem Vortheil für die Gesellschaft. Wenn die Nachahmung der Selbstentäusserung, die die „Ahnen" zum Mittelpunkt hat, die retardierende Kraft bildet, die die Gesellschaft in ihrem Bestände festhält, so stellt die Nachahmung der Concurrenz unter ihren Individuen die impulsive Kraft dar, die sie immer weiter vorwärts treibt, nicht durch gewaltsame Eruptionen und plötzliche Erschütterungen, sondern durch geringe, d. h. ununterbrochene Aenderungen, die im Laufe der Zeit zu einer grossen Summe anschwellen und die von den „Ahnen" gezogenen Schranken durchbrechen. (Schluss folgt.) Die Jüdische Colonialbank. Es wird zur Kenntnis gebracht, dass das Bankhaus A. Lindenberg in Bukarest aufgehört hat, Zahlstelle der Jüdischen Colonialbank zu sein, dass also daselbst keine weiteren Gelder eingezahlt werden mögen. flm See. NarHn Buber zu eigen. Wie die dunklen, schweren Wellen Sind wir, In denen flüchtige Lichter sich spiegeln, Und wie die schwarzen LiDellen, Auf deren feinen, feinen Hügeln " Die Sonne spielt mit leisen, schnellen, Zitternden Küssen, Und sind wie die Bäume, die aus müder Erde, 7\us rinsternissen ' In weiche Lüfte ihre Zweige dehnen .... Uraltes, finsteres Weh Rief unserer Seele zu das „Werde", Uralte, schmerzgebor'ne Wünsche riiegen zur Sonnenhöh, Und tragen in die Seele Einen Strahl des Lichts Und füllen die Seele Mit ewigem Sehnen Nach Sonnenglufen Und goldenen Hufen Zärtlichen, wärmenden, liebenden Lichts. September iöoi. lierfhold Teiwel, Das Fest der Flüchtigen/) Von Dr. Albert Flachs. Es war am Rüsttage des Versöhnungsfestes. Die Sonne hatte die Mittagshöhe schon lange überschritten, und überall, wo Uudenherzen schlagen, machte sich jene eigenthümliche festliche Erregung bemerkbar, die an diesem Tage selbst den gleichgültigsten Juden ergreift. Nur im Dörfchen Mitschesti war hievon nichts zu bemerken. (Janz wie gewöhnlich spielten auf der holprigen Landstrasse die in Lumpen gekleideten jüdischen Kinder und in den armseligen Häuschen starrten die Frauen düster und sorgend in die Luft. War doch heute der letzte Termin, der den Juden zum Verlassen des Dorfes gegeben war, und alle jüdischen Mimner waren in die Stadt gegangen, um von dem Uegierungsbeamten angesichts des nahen Festes eine Verlängerung der Erlaubnis zum Bleiben nur um wenige Tage zu erbitten. Innner tiefer senkte sich die Sonne gegen- Westen zu und noch immer waren die -Männer nicht zurück. Da hörte man die Kinder rufen: „Sie kommen, sie kommen!" Im höchsten Grade erregt, von Furcht und Hoffnung verzehrt, eilten die Frauen ihren Männern entgegen. Diese waren noch in der Ferne zu sehen und nur langsam schienen sie vorwärts zu kommen. ,,llabt* Ihr etwas ausgerichtet? Eilt doch, bald geht die Sonne unter, das Fest beginnt! Wir haben noch nichts vorbereitet, wir warten nur auf Euch!" so schrien die Frauen durcheinander und mit Händen und Armen winkten sie zu, aber die Männer beeilten sich nicht. Da sprengte hinter ihnen ein Reiter hervor. Tn raschen Sätzen kam er immer näher, mit einer Staubwolke umhüllte er die immer noch langsam gehende Schar der jüdischen Männer, schon war er da. Es war der Bürgermeister des Dorfes, der ebenfalls in der Stadt gewesen war. um den Erfolg der Bitte der Juden in Erfahrung zu bringen. Flehend streckten sich ihm die Hände der jüdischen Weiber entgegen. „Dürfen wir bleiben?" Aber er antwortete nicht. An den Weibern vorüber jagte er zum Bürgermeisteramte, (Tie Weiber keuchend ihm nach. Vor dem Amte angelangt, rief er den dort versammelten Bauern zu: „Rasch, sputet Euch,'spannt die Ochsen vor eure Wagen, ladet, ohne Euch um das Geschrei der Juden zu kümmern, ihre Sachen auf und fahrt damit vor das Bezirksamt der Stadt: vor Sonnenuntergang muss der letzte Jude das Dorf verlassen haben."' Das Schicksal hatte sich erfüllt! Nun wussten die Weiher. *) Nach einer wahren Begebenheit aus dem Leidens jähre 181)0 in Rumänien.

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