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Die Welt · 1901-09-20 · 38 (20.9.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
38 (20.9.1901)
Article
Achad Haam
Date
1901-09-20
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 38 „Die # Welt46 Seite 9 hat dies folgende Gründe. Mögen auch die Theorien Achad Haaras durchaus nicht lebenfordernd sein — dazu scheinen sie uns allzuviel der Negation, des jüdischen Erbfehlers, zu enthalten — so ist ihr Schöpfer doch eine geistige und sittliche Macht, die nicht bloss unser Interesse, sondern auch unsere Sympathie erwecken kann. Seine kritische Analyse der Bewegung lehnen wir, die wir der unbedingten Synthese dienen, entschieden ab. "Von seinen positiven Lehren genügt uns vieles nicht, weil unser 'Wollen ein grösseres und umfassenderes ist. Aber wir werden trotz aller Mängel und Irrthünier in ihm den gedankenkühnen, tiefsieht igen, aufrechten Sohn des Volkes verehren, das wir lieben. Denn er ist ein neuer Beweis für dieses Volkes intellectuellc und moralische Fruchtbarkeit. In diesem Sinne wollen wir die eine und die andere1 von Achad Haams wichtigeren Abhandlungen in unserem Blatte bringen und zugleich kritische Würdigungen seiner Gedankenarbeit von verschiedenen Standpunkten, aus denen sich — gerade ob ihrer Verschiedenheit — eine einheitliche Beurtheilung seines Platzes im modern jüdischen Geistesleben und seines Wertes für dessen Entwicklung ergeben dürfte. Nachahmung und Assimilation. Von Achad Eaam. Autorisierte TJebersetzung aus dem Hebräischen von Doctor Isra el Fried Ja ender. Mit dem Worte „Nachahmung" bezeichnen wir, zumeist in ungünstigem Sinne, alles, was der Mensch spricht und thut, denkt und empfindet, nicht aus der Tiefe seiner Eigenart heraus; nicht als nothwendige Folge aus dem Zustande seiner seelischen Kraft» * mit! ihres Verhältnisses zur Aussenwelt, sondern infolge der ihn» eingewurzelten Neigung, es anderen gleich zu thun, es selbst so zu machen, nur weil andere es so machen. Wenn es wahr ist, was manche Philosophen behaupten, dass das sittlich Gute absolut gut ist und ebenso das Böse absolut böse ist, dass wir nicht durch Verstandesschlüsse, sondern durch einen uns innewohnenden sittlichen Instinct zwischen beiden unterscheiden, dann dürfen wir wohl die Nachahmung als moralisch minderwertig bezeichnen, da unser sittlicher Instinct diese äffischc Eigenschaft nicht gut heisst. Wenn aber jene anderen wahr sprechen, die die Unterscheidung zwischen Gut und Böse auf die Abwägung ihres Vortheiles beziehungsweise Nachtheiles für das Wohlergehen und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft zurückführen, dann sind wir wohl berechtigt, das ungünstige Urtheil unseres sittlichen Instmetes in diesem Punkte anzuzweifeln. Wenn auch die Theorie des französischen Philosophen Tarde, der die ganze Menschengeseluchte als Ergebnis der nach bestimmten Gesetzen wirkenden Nachahmung betrachtet, nicht, ohne Uebertreibung und Einseitigkeit ist, so genügt doch schon ein wenig Nachdenken, um die Kichtigkeit der Grundthatsache anzuerkennen, dass nämlich diese hässliche Eigenschaft thatsächlich eine der (hundlagen der menschlichen'Gesellschaft bildet, ohne welche diese weder entstanden sein noch nach der Entstehung sieh entwickelt haben könnte. Denn in der That! Wären die Meuchen so beschaffen, dass sie in keinem Punkte von einander beeinflusst würden, sondern ein jeder aus der Tiefe seiner Eigenart heraus denken und handeln würde, ohne auf sich irgendwie eine fremde geistige Macht einwirken zu lassen — wie wären dann je solche Menschen zu c o n v e n t i o n e 1 1 e n socialen Gütern gelangt, zu festen Gesetzen und Sitten, zu allgemeinen religiösen und sittlichen Begriffen und dergleichen Dingen mehr, die alle in ihrer Gesa in m t h e i t zwar natürliche Folgen aus allgemeinen Ursachen sind, aber in ihren E i n z e 1 h e i t e n besondere, individuelle Ursachen voraussetzen '( Was aber vor allem ins Gewicht fällt: Wie wäre denn in irgendeiner Gesellschaft die -Entstehung und Entwicklung der Sprache denkbar, wenn nicht ein jeder dem anderen nachahmte, sondern lieber wartete, bis ihn seine eigenen seelischen Kräfte dazu bringen würden, einen jeden Gegenstand genau mit demselben Namen zu bezeichnen wie sein Nachbar? — Und so wäre der Mensch ohne Sprache geblieben und hätte sieh nie aus dem thierisehen Zustande emporgerungen. Indes würde auch die Nachahmung nicht genügen, die Verbreitung dieser Güter unter alle Individuen der Gesellschaft durchzusetzen, wenn sie bloss bewirkte, dass ein jeder alle seine Nachbarn in genau demselben Masse nachahmte. Denn dann wären ja die Träger der Nachahmung ebenso zahlreich wie die Nachahmer selber, und ein jeder würde sich gemäss dem Zustande seiner seelischen Kräfte zum Object für .seine Nachahmung ei ne n Träger aus vielen heraussuchen, so dass wiederum keine einheitlichen socialen Güter möglich wären. Um daher der ganzen Gesellschaft ein e i n h e i 11 i c h e s Gepräge zu geben, ist es nothwendig, dass e i n gemeinsamer Mittel p u n k t existiert, der imstande ist, a 1 1 e Herzen sich zu unter weifen, die nahen unmittelbar, die fernen mittelst der nahen, und auf diese Weise den einzigen oder mindestens hauptsächlichen Trüge]1 für die Nachahmung aller übrigen darzustellen. Einen derartigen allgemeinen Mit!elpunkt finden wir in der That in jeder Gesellschaft in den Anfangsstadien ihrer Entwicklung, besonders in jener altersgrauen Zeit, da der Geist des Menschen sich aus der Tiefe der Thierheit zu der Flöhe (»in.es menschlichen, socialen Lebens mühsam emporrang. Auf dieser niederen Stufe, die wir in ähnlicher Eorm noch jetzt bei den wilden Stämmen wiederfinden, da der Mensch von allen Seiten von Gefahren umringt ist, fühlt er besonders den Wert der k ö r p e r 1 i c h e n Kraft und erweist dem Stärkeren göttliche Ehren. Die ganze Familie oder der ganze Stamm blickt dann mit d ein ü t h i g e r V e rehrung zu ihrem Oberhaupt und Beschützer, dem ..göttlichen Fürsten**, empor und entäussern sieh gleichsam ihres Selbst sammt all ihren Eigentümlichkeiten und Neigungen vor der Erhabenheit dieses ..Tdeals*'. Es ist daher nicht zu verwundern, dass gerade e r nunmehr den Mittelpunkt bildet, dem die Nachahmungssucht seiner Mitmenschen v o n s e 1 b s t zustrebt, und dass ohne jegliches Hinzuthun seinerseits, einzig und allein infolge der vS e 1 b s t e n t ä u s s e r u n g d e r nie d r i g e reu I n d i v i - d u a 1 i t ä t v o r d e r h ö h e r e n. seine Worte. Thaten und Manieren zum Gesammtgut der Gesellschaft werden. Dieses Gesa mmtgut vererbt sich sodann von den Vätern auf die Söhne, und auch unter "diesen befindet, sieh in jeder Generation ein ^göttlicher Fürst'*, der das Erbe der Väter treu bewahrt und da, wo es den fortgeschrittenen Lebensbedürfnissen nicht mehr genügt, das Seinige hinzufügt, das auch wieder vermittelst der Nachahmung zum Gemeingut wird. Auf diese Weise erweitert und entwickelt sich leicht ein sociales, fest ausgeprägtes Zusammenleben in jeder Gesellschaft, deren Individuen im Laufe der Zeit gewissermassen als viele Abklatsche eines einzigen Gesanunttypus erscheinen. Es gibt keine Nation und keine Gesellschaft, selbst unter den aller jüngsten nicht, die sich nicht im Anfangsstadium in diesem oder in einem ähnlichen Zustande befunden hätte: in dem Zustande der Entstehung und des Zusammenschlusses der get rennten Elemente zu einem einzigen socialen Körper rings um grosse ..centrale" Manne]-, vermittelst der Nachahmung, der Selhstentäusserung. Nur dass in späterer Zeit, nachdem der menschliche Geist in etwas fortgeschritten ist. die Ursache der Selbstentäusserung und daher auch die Ursache der Nachahmung und des socialen Zusammenschlusses nicht bloss eine körperliche Kraft, sondern auch irgendeine grosse geistige Kraft werden kann. -X- Allein die Nachahmung dieser Art, deren Mittelpunkt ein ^centraler"" Mann bildet, verringert sich nothwendig von Geschlecht zu Geschlcellt. Denn da eine jede neue Generation von den vorangegangenen die bisherigen Ergebnisse der Nachahmung, d. h. die Errungenschaften, die bereits zum Gemeingut geworden sind, überkommt, und 'da mit deren Ausbreitung und Erweiterung das Gepräge* der Gesellschaft immer mehr an Vollkommenheit gewinnt, so kommt schliesslich die Zeit, da dieses sociale Gepräge vollständig ausgebildet und von allen Seiten scharf umrissen ist, ohne dass noch die Häupter der lebenden Generation Gelegenheit zum Ein-

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