Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 38 (20.9.1901)
- Article
- Wahl- und Zahlrecht
- Date
- 1901-09-20
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6 „Die # Welt40 Nr. 38 lieber Deutscher, Ivohn jun. in der Provinz war ein noch unentwegterer Czeche. L>nd als dann der jahrelange Strassen tafeln- und Bezirksgerichtstreit entbrannte, der als „Xatiomilitätenkampf" weit über Böhmen hinaus Berühmtheit erlangte, regnete es deutsche und czechisehe Prügel auf die armen Juden, die sich, wie einmal zu lesen war, „wahrhaftig keiner anderen Schuld bewusst waren, als dass sie bei ihren Sympathiebezeuguiigon vielleicht ein wenig zu hmt gewesen waren". ( . Ihre Assimilation an die Deutschen oder Czechen war auf ein idyllisch-harmonisches Verhältnis der zwei Stämme eingerichtet gewesen. Leider war auch die Bimdesfreiiiidschaft, die jede der beiden Nationen mit den Juden begründet hatte, nur für sehr friedliche Zeiten berechnet. In Kriegszeiten neben den eigenen nationalen Bositzthümern auch noch die jüdischen zu schützen, hiess zuviel von den liberalen Anschauungen der Deutschen und Czechen gefordert. Jeder der zwei Stämme liess die eigenen Juden, so gut er es nur konnte, im Stich, dafür schlug er auf die wehrlosen Juden im feindlichen Lager los, wieder so gut er es vermochte. Und im fröhlichen „Haust Du meinen Juden — hau ich Deinen Juden", während dessen die Juden beiderseits immer kampfunfähiger und muthloser wurden, erwachte in beiden Nationen die Erkenntnis, dass die jüdischen Bundesgenossen nicht nur überflüssig, sondern geradezu störend und schädigend wurden. Und so bekamen die Juden von der feindlichen Seite Schläge, von der „freundlichen" — faule Fischt1. Das ist die heute noch nicht ganz abgeschlossene Entwicklung der Emancipationsabe\vgung, die mit allem Glanz der Fahnen, Lieder und Programme von. 1848 in Böhmen, eingezogen war. Die objective Bilanz der Assimilation schliesst mit einem bedeutenden Verlust-Saldo ab. Wer dessen Grösse und noch alle interessanten Nebenunistände wissen will, der mache die Detailstudien, die, wie bereits oben erwähnt, nirgends so lohnend sind, wie in diesem Lande. Während die beiden unglücklichen Wesen, Assimilation und Liberalismus, zerschunden und zerschlagen, als Bettler über die böhmischen Landstrassen ziehen, spielt sich, *ehe die Tragödie der zwei Armen, die einst wie Könige waren, ganz zu Ende ist, noch manches Intermezzo ab, das man lustig oder tragisch nehmen mag, je nachdem man antisemitisch gelaunt ist oder nicht. Bald stellen die deutschen, bald die czechischen Juden die Acteure. Die Kationaljuden müssen das Publicum4 abgeben und die Abwicklung des Schauspiels über sich ergehen lassen, — wem nicht zu rathen ist, dem ist nicht zu helfen. Die „deutschen" Juden, die verlachten, beschimpften, demolierten, treiben inmitten der gefährlichsten politischen und ökonomischen Krise, durch die sie täglich und stündlich bedroht werden, ein kindisches Spiel mit Worten und Begriffen. Sie, die sich durch die Emaneipation hoch erhaben glauben über den Typus der Talnmdjudcn, schlagen die schweren Stunden, in denen sie um ihre Zukunft ringen sollten, mit politischem „Eilgut" todt. „Deutschthum, Freiheit, Fortschritt" war das Programm der einstigen Deutsch-Liberalen. Als diese mit den antisemitischen Deutschen in Böhmen in Coalition traten, galt „Deutschthum" im Verstände der Antisemiten, also als „radical-deutsehnational". LTnter „Freiheit und Fortschritt" verstanden die deutschen Juden noch immer trotz der eigentümlichen Bundesgenossensehaft: Judenfreundschaft, die christlichen Liberalen zumindest: Theoretische Bekämpfung des Antisemitismus. Die Zeiten änderten sich. Die alldeutschen Antisemiten wurden mächtiger, die Juden kleinlauter und genügsamer, die Liberalen deutseh-radicaler. „Fortschritt" — das hiess nunmehr: Front gegen wirtschaftliche Kückständigkcit, Eintreten für Eeformen auf dem Gebiete der Social pol itik. Blieb den deutschen Juden noch eine Hoffnung, eine Entschuldigung auch nach aussen: das Wort „Freiheit" im Programm. Die „Freiheit" aber verkroch sich plötzlich in den Begriff des „Freisinns". Freisinn nun, das war ursprünglich: Gleichstellung der Confessionen. Im Verlaufe der politischen Angelegenheiten bekam auch dieser Begriff einen anderen Inhalt für die liauptbetheiligten: Alldeutsche und Fortschrittliche verstanden unter Freisinn die Bekämpfung eines Flügels im antisemitischen Lager, der Clerical- Christlieli-Soeialen. Die stramm antisemitischen Bauern, z. B.die für die „Los von Kom"-Bewegung gewonnen wurden oder gegen die katholische Kirche wettern, werden von der „Judenpresse" als Deutsch-Freisinnige bezeichnet. Man könnte es noch verstehen, dass die Juden dereinst, als während der Coalition mit den antisemitischen Deutsehen ihre liberalen Abgeordneten nach aussen noch eine Gemeinschaft mit den Juden vertraten oder mindestens aiierkannten, um dieser Abgeordneten willen in ihren Sympathiebeweisen für das Deutschthum so weit giongen, dass sie Beiträge in die Sammelbüchse zu Ehren des antisemitisch esten Antisemiten K. 11. Wolf warfen. Wie aber soll man sich diese deutschen Juden heute erklären? Von. ihren ehemaligen Abgeordneten sind einige ganz zur offen-antisemitischen Gruppe übergegangen, die anderen commentieren ihren „Freisinn" nach der „Los von Kom"-Theorie. Und doch klammern sich die Juden, oder wie man sie gerne — pars pro toto — nennt, das „Prager Casino", an das Wort, das für sie leerer Schall ist, an einen „Freisinn", der längst keiner mehr ist. Die tolle Consequenz treibt sie, die allerdings durch die Bogriffsschwindeleien der „liberalen" Presse verführt werden, dahin, solchem „Vertretern" Gefolgschaft zu leisten, die sich der jüdischen Bundcsgenossenschaft schämen und auch die schwächsten Zusammenhänge mit den Juden öffentlich leugnen oder verschweigen. Man konnte in den allerletzten Tagen in einer Correspondenz lesen: „Es ist mehrfach aufgefallen, dass in dem kürzlich von dem Executiv-Oonute der Fortschrittlichen in. Prag hinausgegebenen Aufruf an die fortschrittliche Wählerschaft der seit dem Bestände dieser Partei stereotyp gewesene Satz von der „Gleichberechtigung aller Confessionen und der reaktionären Tendenz des Antisemitismus" etc. zum erstenmale gefehlt hat. Er war allerdings im Entwurf des Aufrufes vorgesehen, fiel aber in der vertraulichen Berathung des Executiv-Coinites mit allen gegen zwei Stimmen, die von zwei Mitgliedern des sogenannten Prager Casinos abgegeben wurden. Das Hindernis besteht also thatsächlich nicht mehr, das bisher angeblich einer Fusionierung im Wege stand. Eine weitere Bekräftigung des Vorhergesagten bildet wohl auch die Thatsache, dass Oandidaten jüdischer Confession vom fortschrittlichen Wahlausschüsse abgelehnt wurden." So weit ist es gekommen, dass sogar die Antisemiten eine Art Mitleid mit den Juden empfinden, das allerdings mit noch mehr Hohn gemengt ist. Die „Ostdeutsche Kundschau", das Organ der Alldeutschen, schreibt angesichts der oben wiedergegebenen Thatsachen: „Die Juden der Deutschen. Fortschrittspartei müssen sich bei diesen Landtagswahlen aus Rücksicht auf die Prade-(antisemitische deutsche Volks-) Partei mit dem a c t i v e n Wahlu n d Zahlrechte begnügen." Diese deutschen Juden dürfen Antisemiten wählen und haben das Kocht, die Kosten der Wahlen zu tragen. Das ist ihre politische Gleichberechtigung. Wenn ein Historiker diesen Abschnitt in der Geschichte der böhmischen Juden schreiben wird, dann, wäre die beste LTeberschrift für das Capitel: „Die Juden in der Mausefalle". Das Stückchen glänzenden Specks, mit dem sie einst geködert wurden, ist längst verzehrt. Und nun huscht ein dummes, entsetzlich scheues Völkchen an den Gittern, und sucht die Freiheit. AVenn sie nicht jüdische Freunde aus der Mausefalle befreien werden — die Deutschen haben dazu weder Zeit noch Lust. * * *