Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 38 (20.9.1901)
- Article
- Der fünfte Congress
- Date
- 1901-09-20
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 38 „Die & Weit" Seite 3 Indessen hat sieh zur Durchführung dieser Angelegenheit ein privates Oomite constituticrt, das sieh alle Mühe nimmt, die führenden Mitglieder aller Landsmannschaften zu eooptieren. Voraussichtlich dürfte sich auch das Actions- Comite demnächst mit dieser Angelegenheit beschäftigen. Colönisationsvorschläge. Ein kritischer Vergleich von Dr. E< Himonson, Schöneberg. Oppenheimer hat bei seinen kürzlich in einem Vortrage im Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens*) gemachten Vorschlägen eine jüdische Colonisation i n D e u t s c h 1 a n d im Auge; es scheint demnach auf den ersten Blick verfehlt, Soskins auf palästinensische Verhältnisse berechnete und zugeschnittene Pläne**) damit zu vergleichen. Indessen behalten Oppenheimers Vorschläge in den Grundzügen ihren Wert auch für Palästina, natürlich unter der selbstverständlichen Voraussetzung einer den veränderten Verhältnissen angcpassten Umgestaltung in vielen Einzelheiten. Bitter noth thut eine Colonisation, welche imstande ist, den Hunderttausenden unserer in Bussland, Kumänien und Galizien verhungernden und verkommenden Brüder zu helfen. Diese zwingende Noth, dieses unabweisbare Bedürfnis vor Augen, vergegenwärtige man sich folgenden Satz; Soskins: „Man sprach häufig von 400—500 Arbeiterfamilien. Wenn man die Frage so hinstellte, so nahm man sich selbst den M.uth, sie in befriedigender Weise in einer gewissen Frist lösen zu können. Es sind heutigen Tages nur 100 Arbeiter zu colonisieren." Und das ist alles? — Freilich ist auch diese Aufgabe noch schwierig genug, wenn, um ei ne Arbeiterfamilie ansässig zu machen, 12—15 000 Pres., oder nach Achad-Ilaam gar 2h 000 Pres, erforderlich sein sollen. Zur Ansiedelung von 100 Familien wären-dann, die Soskin'schen geringeren Zahlen zugrunde gelegt, V/4—U/2 Millionen Francs nothwendig. „Aber was hilft es, utopische Ziele zu verfolgen, statt das Erreichbare anzustreben?'4 Nun, Oppenheimer verwahrt sich gegen den. 'Vorwurf, Utopien nachzujagen. Zur Begründung einer ländlichen Produetivgenossenschaft nach Oppenhcimer würden jene V/4 Million Pres., welche Soskin. für 100 Familien brauchen will, vollständig ausreichen, ja sogar noch, einen, reichlich bemessenen .Reservefonds ermöglichen. Aber so angelegt würde das Capital einem Feuerstein gleichen, welcher immer wieder neue Funken gibt, neue Herd f euer aufflammen lässt, ohne sieh selbst zu verzehren, während es in der capitalistischcn Verwendungsweise Soskins einem Streichholz gliche, welches für alle übrigen Interessenten wertlos ist, nachdem es e i n e in genützt hat. Wenn ich von einer capitalistischon Verwendungsweise Soskins spreche, so nieine ich damit Folgendes: Soskin. will das Capital von europäischen Actionären zusammenbringen, denen er von einein bestimmten Zeitpunkte ab eine mit 8—10 Proeent beginnende und auf .15—20 Proeent steigende Dividende in Aussicht stellt. Damit ist dem Unternehmen wenn auch nicht die Lebensader so doch die Fähigkeit zum organischen Wachsthum unterbunden! Wenn wir Oppenheimers andere Arbeiten über die ländliche Produetivgenossensehaft zum Vergleich mit heranziehen, so finden wir, dass auch er das nöthige Capital von Actionären erlangen will, denen er reichlichen Gründergewinn neben weitgehender Sicherheit des angelegten Capitals *) Einen Auszug aus diesem Vortrage haben wir in Nr. 23 gebracht. Wir freuen uns, unseren Lesern niitlheilen zu können, dass Dr. Franz Oppenheimer, der unserer ßpwegung mit Sympathie gegenübersteht, uns einen Artikel über Siedlungsgenossenschaft und Zionismus zugesagt hat, D, Red, **) Dr. Soskin und Dr. Joffe, Nr. 10, 11 und 27 der „Welt". in Aussieht stellt. Aber zweierlei fundamentale Unterschiede sind dabei für die Zukunft des Unternehmens ausschlaggebend. Erstens: Oppenhcimer verspricht zwar den Actionären einen reichen, ja sogar sehr reichen Gründergewinn, und er kann das mit vollem Hechte, thun, wie wir weiter unten sehen werden, ohne dem Vorwurf der Leichtfertigkeit zu verfallen. Aber er sieht für die Hechte der Aktionäre an der Gründung, soweit sie nicht in bestimmter Frist selbst Mitbewohner der Colonie werden, von vornherein eine Grenze vor. Hat der Gründergewinn eine gewisse, vorher festgesetzte und reichlich bemessene Höhe erreicht, so kann die Colonie durch Amortisation der Schuld mittelst eines Theiles der Gründertantiemen in gegebener Frist selbständig und frei werden, und der ganze Gewinn findet dann, da das Land Gemeineigenthum ist, demnach einer Sondercapitalisierung auf Grundlage eines zu kaufenden Monopols an irgend einem Theile des Bodens (Hypotheken etc.) ausgeschlossen bleibt, immer wieder nur in Vergrösserungen und .Neuschöpfungen Anlage, welche der Gesammtheit zugute kommen und ein ständiges organisches Wachsthum der Zahl der Genossen, der Froduction und der Consumfähigkeit bewirken müssen. Und damit kommen wir auf den zweiten fundamentalen Unterschied, welcher zugleich erklärt, dass den Actionären mit Beeilt ohne Schädigung des Zweckes ein ungewöhnlich hoher Gewinn versprochen werden kann, obgleich ihnen von vornherein nicht, Avie bei capitalistischer Wirtschaftsweise, der gesammte, den. Arbeitslohn, übersteigende Betrag zufällt, sondern nur Zinsen und Tantiemen vom .'Reingewinn. Nach Soskins Vorschlägen würde die Sache sieh so gestalten, dass die Colonisten in Wirklichkeit stets Tagelöhner bleiben, dass sich auch ihre Zahl nicht erheblich vergrössern könnte, weil der ganze, den Arbeitslohn übersteigende Ertrag des Bodens den Actionären. zufiele; und das für immer! Und Soskin hat auch kein anderes Mittel bereit, um sie wenigstens zu nicht allzu schlecht bezahlten Tagelöhnern zu machen, als den Vorschlag, Aceordarbeit einzuführen, um den unnöthig gewordenen Aufseherlohn zum Preise für die1 Stückarbeit schlagen zu können. — Ist S. auch ganz sieher, dass der ersparte1 Aufseherlohn nicht in die grosse1 Dividendeneisterne iiiessen würde? Den auftauchenden Bedenken gegenüber sieht er sieh auch sofort genöthigt, hinzuzusetzen, „man dürfte allerdings die Preise nicht zu niedrig ansetzen". Dieser Zusatz charakterisiert sich aber offensichtlich als Verlegenheitsausweg; denn dadurch würde die Freisbildung den Gesetzen eines organischen Wirtschaftslebens und dem regulatorischen Apparat von Angebot und Nachfrage, durch welche die wirkliche Kaufkraft der Arbeitseinheit bestimmt wird, entzogen und der Willkür ausgeliefert. „Aceordarbeit ist Mordarbeit", das ist eine alte Erfahrungsthatsache; hinter d e r Aceordarbeit aber, die Soskin empfiehlt, „indem man die Preise nicht zu niedrig ansehlägt", steht wieder das Almosen oder der Zusammenbruch. Soskin will eine erste Plantagen-AcUimgesellschaft mit 100(100 Eres, gründen, zu der er 500 Dunam (9 ha) Land braucht, während er im ersten Aufsatz in Nr. 11 der „Weltu 400 Dunam schon für eine einzige GolomVtenfamilie als nöthig ansetzt. Diese Plantage soll die (Kolonisten — wieviele ist nicht gesagt — ernähren, es sollen von dem Capital die nöthigen Brunnen, Bassins, Canäle, Wasserhebewerke mit Motor und manch.es andere eingerichtet, der Bodenpreis bezahlt, und schliesslich sollen die Actionärc schon vom 8. Jahre ab eine mit 8—10 Proeent beginnende und bis auf 15—20 Proeent steigende Dividende erhalten. Das ist in der That viel versprochen, aber Soskin. kennt das Land, und seine fachmännische Bedeutung als Landwirt ist unbestritten; nehmen wir also seine Berechnungen ohne weiteres als richtig an. Ganz unvermittelt erscheint aber auch dann die Hoffnung, dass sich auf diesem Wege allmählich ein ganzes Netz derartiger Pflanzungsgesell Schäften