Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Article
- Zweierlei Juden
- Date
- 1901-09-13
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „Die # Weif Nr. 37 für deine Privat Weisheiten, Herrn Rosenstein oder den kleinen Moriz." „Ganz wie seine Mutter und seine beiden Schwestern!" „Wir sind doch aus demselben Blute? Und dass du es nur weisst, meine gestrige Vereinbarung mit Sommerberg war der Beginn jener Geschäfte, die ich gegen dich zu entrieren gedenke. Ich habe die Bettelei satt. Endweder bin ich der einzige Sohn des vielfachen Millionärs Tulpenthal, der zukünftige Schwager des Grafen Brandt und der derzeitige des Grafen Steinwaldt oder ich bin es nicht. Und da ich es nun einmal bin, wirst du dich endlich dazu bequemen müssen, mir monatlich zehntausend Kronen auszuzahlen, denn ich werde in Zukunft nicht mehr um einige lumpige hundert Kronen zu dir betteln kommen. leb erhalte von den Wucherern so viel Geld als ich will, wenn ich deinen Namen unterschreibe." „Du Kameel, dann wirst du doch eingesperrt!" „Natürlich, wenn du nicht für. mich bezahlst! Nun, bezahle nicht, lasse deinen einzigen Sohn, den Schwager der Grafen Brandt und Steinwaldt einsperren! Du siehst, ich bin so klug wie du/* ..Ihr wollt mich also durchaus vorzeitig ins Grab bringen, deine Mutter, du und deine Schwestern? Ich bin ein Nichts, ein Hund, euer Lastthier? Bloss dazu da, euch mein Herzblut zu opfern und Bippenstösse dafür zu empfangen? Ich. wollte, ich wäre schon gestorben, ich wäre begraben und hätte Buhe vor euch." Gaston trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Seitenlehne des Fauteuils. „Weisst du, Papa, sentimental sollst du nicht werden, damit imponierst du mir am allerwenigsten. Wenn es dir ernstlich ums Sterben zu thun ist — es gibt ja ausgezeichnete Revolver." „Hinaus, hinaus aus meinem Zimmer! Du Schurke, du Fälscher! Wie unterstehst du dich, so zu mir zu sprechen? Bin ich dein Sclave, dein Hund?*' „Sei so gut, lieber Papa, und brülle etwas minder laut'. Es ist wegen der Dienstboten! Man soll nie gänzlich an seine feine Erziehung vergessen* „Du sprichst von feiner Erziehung, der seinen Vater so behandelt?" „Ich handle im Sinne der Erziehung, die du mir angedeihen liessest. Ein Jude lässt seinen Sohn nicht von einem Pater erziehen, denn der also christlich Erzogene kann seinen bis in die Fingerspitzen jüdischen Vater nicht goutieren. Ich wurde wie ein christliches aristokratisches Kind erzogen, und nun sitze ich in der Judenfamilie drinnen, und der Herr Papa ist der Oberjude und schachert mit mir, als ob es eine Partie alter Hosen gelten würde. Uebrigens, lassen wir das. Ich will mit dir ins Reine kommen. Ich gedenke monatlich mit zehntausend Kronen mein Auslangen zu finden, und die wirst du mir von heute an pünktlich auszahlen. Es ist nicht viel, aber ich benöthige nicht mehr, bis ich eines Tages eine Tänzerin heirate, einen Circus gründe oder mir eine Kugel vor den Kopf schiesse." ..Gasten, mein Kind, um Gotteswillen, Avas sprichst du für Unsinn? Wie kommst du dazu, ans Erschiessen zu denken?" „Erschiessen oder sonst irgendeinen Unsinn. Was, zum Teufel, soll ich denn? Unter euch Juden leben kann ich nicht, ihr widert mich an, ich verachte euch. Die Aristokratie duldet mich nicht in ihrer Mitte, sie verachtet mich. Und es nützt auch nichts, wenn ich mich taufen lasse. Zum Handel fühle ich keine Lust, aus dem Militär wurde ich hinausbugsiert, vom Künstler oder Gelehrten habe ich kein Atom in mir, so laufe ich denn ziellos umher und suche mir die Zeit zu verkürzen, wie es eben möglich ist, bis ich eines Tages ausgepumpt und angewidert ...... Ach was, lass mich in Buhe!" ..Aber Gaston, mein Kind, was sind das für Redensarten? Du bist jung, du bist ein (Kavalier, du wirst heiraten, aus Liebe heiraten, wenn sie die gehörige Mitgift besitzt! Die Zeiten sind jetzt schlecht, aber sie werden wieder besser werden und du wirst * glänzen und brillieren. Der einzige Sohn von Archibald Ritter von Tulpenthal. Bedenke doch, was das heisst!" „Ich habe es bedacht und weiss, dass es nichts heisst. Wenn ein reicher Jude einen Sohn hat. der fürs Geschäft nichts taugt, sollte er ihn ganz einfach ersäufen, wie einen jungen Hund. Was, zum Teufel, soll ich denn eigentlich in der Welt? Ihr habt alle den Wahn, Cavaliei*c aus uns zu bilden. Wo soll ich denn eigentlich/ Ca valier sein? Unter den ('bristen? Die fassen mich nicht in ihre Kreise: unter den Juden? Da gibt es keine Cavaliere. Nun, und allein den CaValier geben, das ist einfach lächerlich. Ich kann doch nicht allein jagen, mit mir selber Karten spielen? Und sonst tauge ich nichts, zu gar nichts. Na, es ist gut: nun weisst du, wie.es in mir ist. Hol's der Teufel! Lebe wohl, Papa.'* ..Gaston, mein Kind!" „Lebe wohl und knausere etwas weniger: ich werde dich " nicht lauge belästigen." Er gieng und -Tulpenthal blieb in Gedanken versunken zurück. Nervös ist er, dachte er schliesslich; er braucht eine Kaltwassorcur. Gott, wie undankbar sind doch Kinder! Als ich so alt war wie er. war ich noch im Geschäfte bei Wasserdrilling und Compagnie. Gehalt habe ich gehabt fünfunddreissig Gulden, und wenn ich nur weissen Zwirn zum Ausbessern meines schwarzen Rockes gehabt habe, habe ich ihn mit Tinte gefärbt. Und er ist ein Ritter, Millionär, elegant — und er ist unglücklich und spricht vom Sterben. Diese Kinder, diese Kinder! Kopfschüttelnd nahm er vor dem Schreibtische Platz und begann sich, einen grossen Stift in der Hand, wieder mit den Auf-. Stellungen zu befassen, an welchen er vor dem Eintreten seines Sohnes gearbeitet hatte. Er schrieb angestrengt, wiederholt drückte er ■mit > -der ^Linken die Stirnhaut zusammen;, als ob er seinem Kopfe den richtigen Gedanken erpressen möchte, schrieb dann wieder eine Weile oder rechnete mit grossen Zahlen. Er war tief in seine Arbeit versunken, als der Diener eintrat und meldete, dass Moriz den Herrn Baron zu sprechen wünsche. „Moriz?" Er blickte auf. „Was will der? Kann er nicht im Gomptoir drüben mit mir sprechen?" Der Diener zuckte die Schulter. „Lhiverschämtheit! Lassen Sie ihn ein." Wenige Secunden später trat Moriz ins Gemach. Er war klein, hellblond, schielte ein wenig und schleifte den linken Euss nach. Er war in festlicher Kleidung/ im Frack und weisser Cravatte und trug weisse Handschuhe aft den Händen. Er verneigte sich tief und blieb bei der Thüre stehen. Tulpenthal beachtete ihn nicht; er arbeitete weitet-. Erst nach einigen Minuten herrschte er ihn an: „Was wollen Sie? Vielleicht eine Gehaltserhöhung? Bei diesen schlechten Zeiten? Lind können Sie das nicht im Bureau vorbringen?" Moriz verneigte sich abermals. „Entschuldigen Sie gütigst, Herr Bärori; ich bin nicht einer Gehaltserhöhung wegen gekommen; es handelt sich um weit wichtigere Dinge." Er sagte ^ias in so feierlichem Tone, dass der Alte stutzte. Er kannte Moriz genau; das war kein oberflächlicher Mensch; er war äusserst klug, äusserst gewiegt : man konnte ihn mit den heikelsten Missionen betrauen, er führte sie consequent und dabei diplomatisch durch. Er war bloss der zweite Buchhalter und bezog eine geringe Bezahlung, doch war er aus dem Stoffe, aus dem die grossen Millionäre werden. Wenn ihn Tulpenthal trotzdem nicht bevorzugte, so geschah es, weil er ihm nicht zeigen wollte, was er ihm wert sei, damit er nicht höhere Gehaltsforderungen stelle. „Also rasch, was wollen Sie? Sie sehen, ich bin mitten in der. Arbeit.'' Moriz verneigte sich abermals, zum drittenmale. „Herr Baron," begann er, „ich erlaube mir hiermit feierlichst, um die Hand Ihrer Tochter Emmy anzuhalten." Tulpenthal sprang von seinem Stuhle auf. „Sind Sie verrückt?" brüllte er. „Sie schielen und sind lahm, sind bei mir Buchhalter mit zweihundertvierzig Kronen Monatsgehalt, haben nicht fünf Heller im Vermögen, und wagen es, um meine Tochter anzuhalten? Um die Hand der Tochter des Baron Archibald Tulpenthal, des schönsten Mädchens' in. der Stadt, das eine Mitgift von vier Millionen bekommt? Welche Frechheit?! Sofort hinaus, packen Sie sich hinaus,aus meinem Zimmer!" Plötzlich mässigte er seine Stimme. Diesem Antrag musste irgendetwas zugrunde liegen. Moriz ist zu gescheit, um eine Verrücktheit zu begehen. „Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie dazu berechtigt, um die Hand eines der schönsten und vornehmsten Mädchen anzuhalten, das eine Mitgift von mehreren Millionen bekommt?" begann er ruhiger. „Eine Mitgift von mehreren Millionen zu geben, waren' Sie gegenwärtig nicht imstande,"' erwiderte Moriz. „Ah, also das ist's?! Sie meinen, ich verliere mein ganzes Vermögen beim Hafenbau, kann meiner Tochter keine Mitgift geben, und muss demnach froh sein, Avenn sich Herr Moriz Fischl herbeilässt, sie zur Frau zu nehmen? Schön, schön, mein lieber Moriz. Ich habe mich in Ihnen getäuscht; ich hielt Sie für klug, doch Sie gehören ins Irrenhaus. Gehen Sie hinüber zu Rosenstein, lassen Sie sich Ihren Monatsgehalt auszahlen und verlassen Sie sofort mein Haus. Hören Sie? Augenblicklich! Ich kann in meinem Gomptoir keine Leute verwenden, die offenbar verrückt sind." „Gestatten Sie mir, Herr Baron „Hinaus! habe ich gesagt, packen Sie sich!": Moriz lächelte. „Wenn Sie mich eine Minute sprechen lassen, so werden Sie mich nicht hinausweisen.- Ich bin so klug/ um zu wissen, dass Sie 1 live Tochter Moriz Fischl nicht geben würden, auch wenn Sie bloss ein kleiner Agent und nicht der Herr Baron Archibald von Tulpenthal wären. Aber Moriz Fischl ist nicht Moriz Fischl." „Moriz Fischl ist nicht Moriz Fischl? Wasf^md Sie denn? Ein verwunschener Prinz? llässlich genug sind Sie dazu!" „Ich habe mir auf meine Schönheit niemals etwas eingebildet, wohl aber auf meinem Verstand, und wenn ich mir um die Hand Ihrer Tochter anzuhalten'erlaube, so weiss ich, dass ich ganz Besonderes bieten muss. Nun, und ich biete Ihnen ganz Besonderes." ..Sie bieten ganz Besonderes? Eine Grafenkrone? Einen Fürstenhut? Eine Provinz?" , „Sie scherzen, Herr Baron, ich aber Iiabe die Absicht, vollkommen ernst zu sein. Ich bitte Sie demnach, auf jedes meiner Worte zu achten, so sonderbar sie Ihnen anfangs klingen mögen. Ich werde, wenn Sie mir die Hand Ihrer Tochter, geben, etwa fünf Millionen besitzen. Sie werden zugeben, dass ich *mir mit einem solchen Vermögen das Recht herausnehmen darf,. Ihre ^pclvter zu verlangen? Doch ich gehe weiter. Ich beanspruche nicht ällein