Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Article
- Die Abgebrannten
- Date
- 1901-09-13
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die a> Welt0« Nr. 37 Narren behaupten, dass das Feuer „dadurch überhandnahm, weil die Häuser zu nahe nebeneinander standen, weil die DU eher mit Stroh gedeckt waren, weil die Oefen nichts taugten und weil ein grosser Mangel an Feuerspritzen herrschte. 0, diese Narren vergessen, dass Kapcansk jahrelang existierte, ohne dass etwas vorgefallen wäre. .Denn wie der l'sahnist singt: „Wenn Uott der Herr eine Stadt nicht behütet, achtet der Wächter vergeblich." Gegen einen unzweideutigen Psalmvers lässt sich freilich nichts sagen .... Matt und erschöpft waren die Kapcansker. »Sie waren den Anstrengungen des forcierten Marsches nicht gewachsen. Auch ich war des (iehens müde. Wir Hessen uns in der Nähe eines Haines am Ufer eines kleinen Haches nieder, um auszuruhen. Die Kapcansker hängten ihre Ranzen und ihre Lumpen an die Bäume und streckten sich auf das Gras. Die Männer seufzten und schalten. Hier zankte der eine den anderen aus, dort haderte eine Gruppe mit der anderen. Die Weiber jammerten und fluchten der Stunde ihrer Geburt. Die Säuglinge greinten nach der Brust ihrer Mütter, aber umsonst, die Brüste waren verdorrt. Die grösseren Kinder verlangten Brot und weinten. Selbst Leiserl, der Stadtnarr von Kapcansk, war unter den Auswanderern. Seine Kleider Mengen in Fetzen herab wie daheim, das Haar war zerzaust und die Mütze auf die Seite geschoben. Kr schlich unter den Auswanderern umher, hielt den Mund weit ollen und blickte seltsam um sich. Zuweilen stiess er unarticulierte Laute hervor, jedoch zusammenhängende Worte kamen nicht über seine Lippen. In der Mitte meiner bedauernswerten Landsleute sass ich, still vor mich hinbrütend. Der Schmerz über ihr grosses Unglück übermannte mich. Vor meinen Blicken ward es so finster. Lebe wohl, Natur, mit deiner prächtigen Schönheit. Andere magst du erfreuen, den »luden nicht. Die Sonnenstrahlen erwärmen mich nicht mehr, sie brennen mich wie Feuer. Der leise linde Windhauch schüttelt mich wie Frost. Der Duft der Blumen däuchte mir schal. All meine Gedanken waren beim grossen Brande. Vor meinem Auge sehe ich die. Rauchwolken aufsteigen. Das Gezwitscher der Vögel klingt mir so traurig ins Ohr; es war tief ergreifend. Langes Stillschweigen herrschte, da fragte ich: .Wohin geht ihr, theure Brüder?" .,Wohin wir gehen? Na, wohin können abgebrannte Juden denn gehen?!" antworteten die Leute aufseufzend und schlugen resigniert die Augen auf. „Wir gehen dorthin, wo barmherzige Juden wohnen. Wir führen Urkunden vom Rabbiner und von der Gemeinde mit, die uns das Geldsammeln erlauben. Unsere Vorsteher haben die Abgebrannten nach besten Kräften versorgt. Sie nahmen eine Eintheilung der Städte vor, wohin wir unsere Schritte lenken sollten. Hiebei entschied das Los. Die eine Partie hat ostwärts von Kapcansk zu gehen, die andere westwärts, die dritte südwärts usw. Uns theilte die Gemeinde diesen Landstrich zu. Nach der grossen Vertheilung hätten wir nun unter uns eine zweite Eintheilung notbig. Ein jeder von uns soll seine eigene Marschroute bekommen, nämlich der eine soll dahin und der andere soll dorthin gehen. Wir können uns nicht einigen. Wohin der eine geht, geht der andere mit. So gehen wir alle zusammen und es entsteht immerwährend Streit. Also, Reh pendele, seid so gut und schlichtet den Handel." „(3eht auseinander, Ihr armen Thoren," wandte ich mich an sie mit weicher Stimme, ,,wozu drängt Ihr Euch zusammen? Davon kommt nur Streit und Zank unter Euch! Ihr schadet Euch nur selber. Der eine steht dem anderen im Wege. Ihr hetzet ausserdem noch andere Euch auf den Hals, denn Ihr überfallet eine Stadt wie ein Schwärm Heuschrecken. Habet daher mit Euch selber Erbarmen und gehet auseinander." Ich kam aber zur Einsicht, dass all mein Zureden nichts nütze, daher unterliess ich eine jede weitere Vorstellung. Ich schüttelte den Kopf und dachte: Selbst eine Feuersbrunst vermag nicht eine Trennung zwischen meinen theuren Juden herbeizuf ühi en! „Uns werfen sie die Knochen hin, wir sollen in Batlansk sammeln, und sie möchten nach Glupsk gehen/' schrien einige. „Aber gemach, wir haben denselben Anspruch auf Glupsk wie Ihr." ..Wir wollen nicht nachgeben! In unseren Adern rinnt auch jüdisches Blut. Wir sind aus ebenso guter Familie wie Ihr!" eiferten andere. ,,Meine lieben Brüder," wandte ich mich an jene, die am meisten gelärmt, „seid Ihr etwa auch Abbrändler? Wie kommt das, Ihr seid doch nie Hauseigenthümer in Kapcansk gewesen?" „Bah, was liegt daran, gleichviel ob Hauseigenthümer oder Mietpartei, jetzt sind wir alle Bettler! Wohl hatten wir keine eigenen Wohnungen, aber in Aftermiethe hatten wir doch welche. Wir hatten auch unsere gemeinsame Wohnstätte in Jakobs Kellerwohnung. Ein jeder hatte seinen besonderen Winkel. Nun ist Jakobs Haus niedergebrannt, wir haben nunmehr keine Wohnstätte. Wohin sollen wir also jetzt gehen?" „Ich hatte nicht einmal eine Wohnung in Aftermiete," rief Esriel, der Bation (Müssiggänger) dazwischen. „Ich schlief im Beth ha-Midrasch und da das Beth ha-Midrasch verbrannte, habe ich mehr kein Nachtlager. Also bin ich auch ein Abgebrannter." Esi^t ein,.Grliicly, fachte ich mir, dass die kleinen Thierchen, die bei den ivapeansker Juden in freier Verpflegung waren, nicht sprechen können, sonst wären sie auch mit solchen Beschwerden gekommen. „Für mich bedeutet die Feuersbrunst ein doppeltes Unglück," ergriff David Juda, der Krämer, das Wort. „Wären die Leute daheim geblieben, hätte ich ein anderes Geschäft eröffnen können, sehlecht und recht könnte ich noch leben. Jetzt aber, wo Kapcansk hin ist, bin ich selber verloren/' „Ich bin entschieden am ärmsten daran," seufzte /Nacbem der Meiamed. Solange es Bürger in der Stadt gegeben, habe ich ihren Kindern Unterricht ertheilt und habe mit knapper Noth mein Auskommen gehabt. Jetzt, wo es keine Bürger mehr gibt, wo sollen die Kinder herkommen? Und gibt es keine Kinder, so gibt es kein Glieder, und gibt es kein Glieder, so gibt's kein Lernen. Dann muss der Magen Hunger leiden." „Dieser Ansieht bin ich auch: Gibt es keine Häuser, so gibt es keine Mesusoth," meinte Josef der Schreiber. „Solange Kapcansk auf dein alten Fleck stand, habe ich Mesusoth geschrieben, jetzt aber, wo es keine Häuser mehr gibt, wozu taugen Mesusoth?" „Und wir," riefen einige Kapcansker aus, die unter dein Namen „heilige Geräthe" bekannt sind, wie: Tempeldiener, Vorbeter, Schach ».r, Todtengräber, Psalniensager, Misehna-Lerner usw. „Wir sind wie der Hirt ohne Herde, wie der Fisch ohne Wasser geblieben. Tvehe uns und unseren Kindern. Wir haben kein Essen und keine Kleidung. Keine Bürger — kein Verdienst! Unsere einzige Hoffnung setzen wir auf Gott im Himmel und auf gute Menschen auf Erden, bis der Allerhöchste mit Kapcansk Erbarmen haben wird., bis die Stadt von neuem aufersteht und bis ein jeder sein früheres Auskommen hat." ,,0, an mein Unglück reicht kein anderes heran," jammerte ein anderer und schüttete sein Herz vor mir aus. „Mein Unglück ist die Leidensgeschichte eines unglücklichen Mädchens. Seht, dort steht meine Tochter Hinde Rachel. Sie war schon verlobt und heute am Lag-Baomer sollte die Hochzeit stattfinden. Zwischen uns Eltern war alles abgemacht, aber was thut Gott? Er facht ein grosses Feuer in der Stadt an, und just muss ich auch unter den Betroffenen sein. Es wäre Frevel, zu fragen, weswegen Gott es gethan, denn er weiss wohl, was er thut. Nun bin ich abgebrannt und war es mir unmöglich., die bei der Verlobung vereinbarte Mitgift aufzubringen. Aber nicht etwa, Gott behüte, deswegen, weil der Wille mir dazu fehlte, sondern weil ich Avirklich?iichts habe. Und was meint Ihr, thut mein herrlicher Schwiegersohn? Er sagt sich: „Ist das Geld nicht da, was taugt mir das Mädchen!" Gesagt, gethan, im Nu ist die Verlobungsurkunde in Stücke zerrissen. Meine Tochter sitzt da^ mit Schmach und Schande bedeckt, und weint den ganzen Tag. Und mein Weib, sie soll leben, weint mit ihr. „Räuber," ruft sie mir zu, „weshalb hast Du den Verlobten so leichten Kaufes freigegeben? Warum hast Du kein Mitleid mit Deinem Kinde? Alle, ihre Freundinnen sind schon Ehefrauen und haben Kinder^ nur sie muss noch als altes Mädchen dasitzen." „Räuber," donnert sie mir zu, „wo birgt man das Gesicht vor Schande?!" . . . Seht, heute am Lag- Baomer, am angesetzten Hochzeitstage, ist der Schmerz noch grösser, wahrlich wie am Tischah Bow .. . Die eine weint in d e m Winkel und die andere im anderen WTinkel. Und ich schleiche mit blutendem Herzen herum. Ein Hund müsste davon toll werden! Was soll ich Armer jetzt thun und was kann ich thun? Halt! Ich will noch etwas versuchen: ich lasse meine Frau und Kinder mit den Abgebrannten wandern, während ich in eine andere Gegend ziehe, um „zur Brautaussteuer" zu sammeln. Was meint Ihr zu dieser Idee, Reh Mendele?" „Was kann ich da sagen?" antwortete ich. „Natürlich ist das Sammeln für Braut-Aussteuer kein übles Geschäft. Es wirft mehr ab als das Sammeln für Abgebrannte." Während ich mich mit den Männern unterhielt, ergänzten die Frauen das Verständnis der Situation. Die eine seufzte, die andere ächzte, die dritte fluchte, eine jede nach ihrer Art. Die Frösche in den Sümpfen mischten'sich drein, sie quakten laut und klagend. Die Grille im Grase zirpte dazwischen, das gab ein verworrenes, ohrenbetäubendes Getöse. (Schluss folgt.) Hüs dei) Vereinen. Voranreigen. Wien. („ J fi d i i s o h e r Verein j u <z e n dl i c h e r Arbeiter*, XX.. T r a u n f e 1 s g a s s e 1, 1. Stock.) Mittwoch den 18. September a. c. um 8 Uhr. abend*, Vereinsabend mit Vortrag von Collegen Moriz Hopm ay er, über „Magnetismus und E 1 e k 11 i c i t ä t". Mittwoch den 25. September, 8 Uhr abends, Discussionsahend. T a g'e Rorrinunpf: 1.,\Vas wollen d i e Z i o n i s t e n?* Referent College Emil Butterklee. % Discussion. 3,