Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-09-13 · 37 (13.9.1901) · p. 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
37 (13.9.1901)
Article
Alfred Nossig's "Revision des Socialismus" [Rezension]
Date
1901-09-13
Page
11 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315943-3399763--28072-3399829
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 37 Die & Weit« Seite 11 Hauptsache auch Gemeingut der gesammten — wenigstens der deutschen — socialistisehen Welt geworden. Es, muss nur zugegeben werden, dass sie von Nossig klar und systematisch dargelegt wurden. - Wir können selbstredend in diesem Blatte nicht allzu ausführlich auf das interessante Nossig'sche Buch eingehen. Wir wollen hur einen Punkt hervorheben. In den Prolegomena (Seite X) sagt Nossig: „Mein Socialismus geht auf viel ältere Quellen zurück, in, denen das Schlagwort allerdings noch nicht genannt, aber das Wesen einer gerechten und vernünftigen Gesellschaftsordnung weitsichtiger und glücklicher erfasst wurde, als im „Communistischen Manifest". In der alten, nicht in der modernen Bibel des Socialismus fand ich, wenn nicht die Lösung, so doch den Schlüssel, die Anleitung zur Lösung des wirtschaftlichen Problems." Nossig entwickelt hier freilich nicht weiter die Ideen, die er in der Bibel zur Lösung der socialen Frage gefunden haben will. Wir geben Nossig zu, dass in der Bibel, wie in den Propheten sich prachtvolle sociale Ideen vorfinden.1) Wir glauben aber, es sei ein Fehler,* wenn man m od.ern e Begriffe in den antiken Schriften vorfinden, oder a n t i k e Ideen als Mittel -zur Lösung der modernen socialen Noth ansehen wollte. Nossig ist auf dein Wege, diesen Fehler zu begehen. In dem vorliegenden Buche behandelt er freilich noch nicht die Themen der „alten Bibel des Socialismus'''. Er hat sie aber an einem anderen Orte, wenn auch nur cursorisch behandelt.2) Das Erlassjahr (ntOW) sollte gewiss eine Wolilthat für ' die arme Bevölkerung sein. Das Erlassjahr konnte aber nur in einer Zeit existieren — und existierte auch nur dann. — in der die Creditverhältnisse noch nicht entwickelt waren,, in einer Zeit, in der man „von Taglöhnern, selbständigen Handwerkern, kleinen Gewerbetreibenden und Kauflcuten" überhaupt nicht reden konnte. Es ist daher unrichtig, wenn man, auf das Erlassjahr hinweisend, sagt, „diese Verfügung kommt hauptsächlich den Taglöhnern, selbständigen Handwerkern, kleinen Handwerkern etc. zugute'*'. In der talmüdischen Zeit., in der Zwischenhandel, das selbständige Handwerk und das Creditgeschäft auch nur primitiv war, musste auch die Verfügung des Erlassjahres ausser Kraft treten oder umgangen werden. In dieser Periode der Credit Wirtschaft — auch dort wo das Creditsystem sehr schwach entwickelt' ist — kann von einem Erlassjahre nicht mehr die Rede sein. Dem Kenner des Talmuds werden die Bemühungen der Talmudisten bekannt sein: [v^ *hVP üb® ..damit dem Geklsuehenden die Thüre des Geldgebers nicht verschlossen bleibe*'. Aber auch schon von dem babylonischen Exil wurde die Bestimmung über das Erlassjahr nicht mehr innegehalten.8) ' Dasselbe muss auch vom Halljahre (^-r) gesagt werden. Der Talmud theilt uns selbst, mit, dass das Halljahr schön im Jahre 735 a. Chr. nicht mehr einschalten wurde.1) Wir glauben, im Gegensatz zu Nossig, dass die Bestimmung des M'lljahres überhaupt nur eine „Massregel gewesen ist, die von diesen jüdischen Staatsmännern unter dem Drange der derouten socialen Verhältnisse*' vorgeschlagen wurde, ohne dass sie je ganz verwirklicht worden ist.5) Wir haben jedenfalls nirgends eine Spur von der wirklichen Einhaltung des Halljahres.0) Diese Frage mag übrigens jetzt dahingestellt bleiben. Klar ist es, dass, ohne gleichzeitig unsere'ganze Wirtschaftsordnung aufzuheben, eine Einführung des Rrlass- oder Hall jahres unmöglich wäre. Kiri Erlassjahr ist nur für eine Periode möglich, in der Credit mit Almosentiehmen fast identisch ist. Eine Einführung des Erlassjahres in unserer Zeit käme der Aufhebung des Privateigenthums gleich. In einer socialistisehen Gesellschaft ist aber ein Eriass von Schulden unhöthig — weil es keine Schulden gibt. Zürich, im September 1901. 1) Vergl. auch die schöne Broschüre von Pfarrer Paul P f 1 ü g e r, Zürich: Der Socialismus der israelitischen Propheten, Zürich 1899, Verlag der Grütli-Buchhandlung. 2) Vergl. Alfred Nossig: „Das soeial-wirtschaftliehe llevisionssystem nach der altjüdischen Verfassung" in der „Welt*'*' 1901, Nr. 14, und „Die Agrargesetze der Juden*" in „Ost und West" 1901. Nr. 4. 3) Vergl. Jeremia XXXIV 0 fg, Nehemia V, ferner meine Schrift : „Das Recht der unfreien und freien Arbeiter nach jüdischtalmudisclieni Hecht'', Seite 30 fg. ') Talmud. Babli, Tr. E r k i n 32 b. 5) Vergl. Nossig in der „Welt" a.. a. 0. °) En passant: Die Unveräusserlichkeit der Familiengüter nach alt jüdischem Rechte, die Nossig in seinem citierten Aufsatze über die Agrargesetze der Juden -anführt, erinnert an ähnliche Bestimmungen bei allen Völkern, bei denen noch die Feldgemeinschaft der Famiüe herrschte. Auch hier ist der Einfluss des Aufkommens der Städte bemerkbar. Beim Verkauf von Häusern in den Städten sollte die Bestimmung des Halljahres überhaupt nicht zur Anwendung kommen. Vergl. Leviticus XXV., 29 fg. Die Abgebrannten. Skizze aus dem jüdischen Leben von Mendelc Mocher S'forim (S. J. Abramowiez). Aus dem Jargon übersetzt von A. D. Thorn. Es war im ersten Jahre nach dem grossen Brande in Kapcansk. Diese Feuersbrunst ist in den Annalen der Stadtchronik verzeichnet. Es ist ein epochaler Zeitpunkt für die Kapcansker Juden. Sie datieren alle wichtigen Momente in ihrem Leben von dieser Katastrophe her. Wenn jemand näher angeben will, wann einer geboren wurde oder gestorben ist, geheiratet oder sich geschieden hat, so sagt er, es geschah soundsoviele Jahre nach dem Brande. Wie gesagt, alles dreht sich um das grosse elementare Unglück. Das , grosse Sterben der Kinder, der böse Geisterspuk, die Herrichtung des rituellen Bades, das waren doch weltbewegende; Ereignisse. Um sie aber in noch helleres Licht zu setzen, wird auf den Brand hingewiesen.. Es leben unter uns alte Leute, die sich noch lebhaft an die Verwüstungen des entfesselten Elementes erinnern. Wenn draussen die Schneeflocken tanzen, sitzen diese Veteranen hinter dem Öfen im Beth ha-Midraseh und geben in der Dämmerung ihre Feuersbrunst J)enkwürdigkeiten zum Besten. Die jüngere Generation, die an jene Zeit natürlich nicht zurückdenken kann, lauscht voller Interesse. Ich war zur Zeit der Feuersbrunst nicht in Kapcansk. Ich reiste auf dem flachen Lande mit meinem Wägelchen umher, um als fahrender Buchhändler unter unseren jüdischen Brüdern Bücher abzusetzen. Jüdische Zeitungen gab es noch nicht. Von Literaten und Zeitungseorrespoiidenten war keine Spur. Es gab also keine Berichte über verlassene Frauen oder Nekrologe über bedeutende Männer. Und es fand sich auch kein Scribler. der über eine Feuersbrunst geschrieben hätte. Wenn ein Jude seinem Weibe auf Nimmerwiedersehen durehgieng, so erfuhr die grosse Welt davon gar nichts. Starb einer, wurde er still, ohne. Aufsehen zu Grabe getragen. Kapcansk wurde ein Raub der Flammen, ohne dass ich davon erfahren hätte. Eines Tages schritt ich langsam neben meinem (jaul einher. Der trottete gemächlich neben dein Fahrwege, wo ihn das saftige Grün zu einem Imbiss lud. Es war am La^-Baonicr. Das ist jener Frühlingstag, an welchem alle Trauer abgestreift wird. An diesem Tage darf die Seele des Juden das Farbenspiel der Natur in sich aufnehmen. Das Laub der Bäume fächelte mir Erfrischung zu. Die Teppiche der Fluren dehnten sich ins Weite. Die grünen Basen dufteten. Die jungen Aehren blinkten grün. Zarter Blumen hauch lag in der Luft. Die gefiederten Sänger schmetterten ihre Weisen in die lachende Landschaft, hinaus, fch zitterte» vor Glückseligkeit. Es schien mir. als ob die Töne einer Fiedel mein Ohr umschmeichelten. Plötzlich erblickte ich in der Ferne einen grossen Trupp Menschen, die Wanderstöcke in der Hand und Ränzlein auf den Schultern trugen. Ks gehört nicht gerade zu den Seltenheiten, wenn man unterwegs armen wandernden Juden begegnet, allein der Anblick solcher "grosser Massen machte mich stutzig, umsomehr. als ich bald erkannte, dass es Kapcansker Juden waren. Söhne meiner Vaterstadt. „Ach Gott, ganz Kapcansk wandert!" entrang es sieh meiner Brust, als ich dieser Legion ansichtig wurde. Männer, Weiber und Kinder in fadenscheinigen zerlumpten Kleidern wälzten sich barfuss die Strasse entlang. Die Noth sprach aus den bleichen, abgemagerten Gesichtern. Ich erschauerte. „Kapcansk ist zerstört worden," schrien viele Stimmen auf einmal, „wir sind wohl aus Kapcansk, aber Kapca'i-k ist nicht mehr!....." „Das Cnglück kommt von oben, es stand so in den Sternen geschrieben," wimmerten die Weiher. „Gott hat seinen Zorn auf Kapcansk entluden." klagten die Männer. „Das ist der Fluch unserer sündhaften Thaten," jammerten einige. ,,(), nur dadurch entstand das Kaininfeuer ..." „Das Kaininfeuer entstand beim rothen. Xaftaii," fielen andere ein, ..der Kamin war nicht gereinigt und so kam das Feuer zum Ausbruch. O, wie rächt sich unsere Sündhaftigkeit. Die Keuersäule zog mit Windessehnelle über die Dächer und äscherte 'alles ein. Kin Getümmel, ein Geschrei, ein Lärm, aber niemand legte Hand an, um zu löschen. O weh! O weh! Gott hatte kein Rühren, kein Erbarmen mit Kapcansk. Vom Himmel sandte eiserne Feuerstrahlen und verwandelte unsere Stadt in einen Schutthaufen." „Brüder," sagte ich, ..Ihr begännet mit einem Feuer beim rothen Xaftaii und schlösset mit einem Feuer des Himmels. Wie ist das zu verstehen?'* ,,Das Feuer des Himmels nahm den Weg durch des rothen Naftali Kamin," antworteten sie mir. „Jahre hindurch ist dieser Schornstein nicht gefegt worden, wie die anderen auch nicht, und doch ist, dank der himmlischen Vorsehung, nie etwas passiert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.