Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Article
- Basel rettet 1789 die Juden des Elsass
- Date
- 1901-09-13
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 37 „Die $ Welt» Seite 7 weil Du der TocHter unseres Volkes so bittere Wunden schlugst und so. mancherlei Trübsale uns heimsuchten. Denn die Hand des Herrn hat schwer auf uns gelegen, das Haus uneres Gottes ist vom Feuer verzehrt worden, und er hat den Stamm Jakob der Plünderung und den Stamm Israel den Räubern preisgegeben. Durch unsere Sünden haben wir das an dem Herrn verschuldet. Doch gelobt sei der Herr, dass er seine Hand nicht ganz von uns abzog, und dass er uns das Wohlwollen, das Erbarmen und die Huld der weisen und gelehrten Häupter und Aeltesten, Lehrer und Prediger, Reichen und Armen, Tugendhaften und Gottesfürchtigen uswl der erlauchten Stadt und Republik Basel angedeihen liess, welche der Allerhöchste ewiglich in seinen Schutz nehmen wolle. Amen." „Unschuld und Recht finden Schutz vor ihren Gerichten, Mitleiden und unverdiente Gnade gehen aus von ihrer Macht. Wollten wir's mit Worten beschreiben, so würde es uns an Ausdrücken gebrechen: denn sie haben sidh erhoben, uns zu helfen durch die Stärke, welche Gott den Starken verleiht; sie haben uns die Pforten ihrer friedlichen Wohnungen aufgethan, und uns aus der Hand derer errettet, welche sich gegen uns in Hinterhalt gelegt hatten. Sie haben uns in ihre Häuser und Paläste aufgenommen,' sie haben ihr Geld und ihre Silberlinge in die Hand der Dürftigen und Trostlosen gegeben, sie haben mit Blicken des Friedens ihr Brot mit den Hungrigen gebrochen, sie haben die Nackenden gekleidet, den Schwachen unter die Arme gegriffen, die Wankenden gehalten. "O, Herr, unser Gott und Gott unserer Väter! blicke wohlgefällig auf sie herab; lass* das Gute, was sie uns thaten, und ihre milden Gaben vor Dir Gnade finden! Blicke auf sie aus Deiner heiligen Wohnung; tränke sie aus der Fülle Deines Segens, gib ihnen Thau des Himmels, Fettigkeit ihrem Boden, und Ueberfluss von Wein und Getreide. Segne ihren Aus- und Eingang! Lass' sie ihre Tage in Gesundheit und ihre Jahre in Freude verleben! Mache sie, ihre Weiber, Kinder, Verwandte des reichen Erbes würdig, das Du ewiglich den Guten bestimmt hast! Lass' allen Unfall und Krankheit von ihnen entfernt bleiben! Der Herr des Hinmiels sei ihr Schutz und Schirm an jedem Orte und zu jeder Stunde, daran geschehe sein heiliger Wille und wir alle sagen: Amen." Zu diesem Gebete schreibt der Revolutions-Almanach von 1793: Es thut dem Menschenfreunde wohl, wenn er auf der einen Seite Hilfe und Mitleiden so uneigennützig an Nothleidenden ausgeübt sieht, die ein Vorurtheil mit Absonderung und oft mit Religionshass gebrandmarkt hat, und wenn er auf der anderen Seite die innige Erkenntlichkeit erblickt, womit diese Wohlthaten von den Empfängern, fern vom Sectengeist, gepriesen und laut bekannt werden; desto lebhafter empört sich sein Unwille gegen die vorgeblichen Philosophen unsere Zeitalters, gegen die unberufenen Schulmeister des Menschengeschlechtes, gegen die politischen Tartüffe, die immer auf den Lippen oder auf dem Papier die Worte Tugend, Wohlthun und Menselienreelit führen, aber unter der Larve der Menschlichkeit den habsüchtigsten Egoismus oder den unmnssigsten Ehrgeiz verbergen. Einer von ihnen, der berühmte Brissot W a r w i 11 e, sucht in seinem Journale „Le patriote francais", das er ein freies, unparteiisches und National- Journal zu betitein beliebt hat, die gute That der Baseler und Mttlhäuser anzuschwärzen und ihre Bewegungsgründe böslich zu vergiften, indem er vorgab, dass die r e i ci h e n Baseler dafür bekannt wären, dass sie in der Art und Weise r e i ch zu werden, selbst Juden gliche n. „Lernen Sie, Herr Brissot, (schrieb voll gerechten Unwillens einer meiner Schweizer Freunde an ihn), und ich würde Ihnen das ins Gesicht sagen, wenn ich je das Unglück haben sollte, Ihnen zu begegnen, lernen Sie von einem Republikaner, der freimüthig spricht, weil er bieder denkt, lernen Sie, dass auf die Tugend des Nächsten Verdacht werfen, die eigenes selbst mehr als zweifelhaft machen heisst. und dass Misstrauen in die edle Handlung seines Nebenmenschen setzen, eine Art von öffentlichem Bekenntnis ist, man wäre dessen nicht fähig; denn was man nicht t h u n würde, da s, glaubt man, würden andere auch nicht t h u n. Das heisst uns mit Ihrer Elle messen, Herr Brissot; und doch sind wir, Gottseidänk! noch fern von jener Verfeinerung, welche die Menschlichkeit in Wucher verkehrt und in milden Gaben eine Finanzspeculation zum Besten des Gebers erblickt. Sie nennen sich einen freien Mann, so denken, reden und schreiben Sie als freier Mann, das heisst, ehren Sie die Tugend und den Unglücklichen; verleumden Sie nicht eine Nation, um das Vergnügen "zu haben, einen witzigen oder vielmehr einen boshaften Einfall vorzubringen, und vermehren Sie nicht die Thränen der Unglücklichen, indem Sie die Armen zurückstossen, welche Ihnen zuhilfe eilen/' Heute nach mehr als hundert Jahren wirkt sie so noch tief auf das Geiniith, diese einfache schlichte Erzählung von dem elementaren Ereignis. Jezt, wo der o. Zionisten-Congress zum viertenmale nach Basel einberufen ist, war es mir ein Bedürfnis, diese schöne That der Baseler dem jetzigen Geschlechte aufzufrischen. A. Werther. $ribüi)e. Erklärung. Als ich neulich in Budapest weilte, wurde mir in Gegenwart eines dortigen jüdischen Gymnasialprofessors und anderer hochehrenwerter Personen erzählt, dass ein bekannter Antizioriist das Gerücht verbreitet, als ob ich eine Gegnerin der Ideen meines Gatten, namentlich eine Gegnerin des Zionismus wäre! Ich würde den Schmerz ob dieser Verleum dung still ertragen, wenn ich nicht erwägen müsste, dass mit derlei Ausstreuungen nur auf die Discreditierung der Kämpfer für unsere Volkssache speculiert wird. Ich muss daher eine solche böswillige Absicht umsomehr verdammen, als ich noch vor dem ersten Congress den in Ungarn bahnbrechenden zionistischen Bestrebungen meines Gatten jubelnd zustimmte, und als die falschen Anklagen des „Vaterlandsverraths" ihm zugeschleudert wurden, ihm tröstend und aufmunternd zur Seite stand und mit Gottes Hilfe bis an mein Lebensende bei der Volkssache auszuharren entschlossen bin — trotz aller Unbilden, die uns treffen sollten. Um gütige Aufnahme dieser Erklärung bittend, zeichne ich mit Zionsgruss und vorzüglicher Hochachtung Baläzsfalva, am 8. September 1901. Johanna R ö n a i, geb. Bing. * Offener Brief an Herrn M. FrledVdnder, Mitarbeiter von Dr. Blochs „Oesterreichischer Wochenschrift" dzt. Trwunliirclica. Sie nehmen in der letzten lummer der genannten Wochenschrift den 80. Geburtstag des Herrn v. Gniewosz, ehemaligen Curators der Baron Hirsch-Stiftung1, zum Alibi ss, um den Zionisten vorzuwerfen, dass sie nach Einlluss auf die erwähnte Stiftung streben. Ihrer Entrüstung geben Sie wie folgt Ausdruck: „Zionismus und Stiftungsscliulen schliessen einander völlig aus, sind entgegengesetzte Pole. Das Programm und die Existenz des Zionismus sind: Bekämpfung aller Assimilation usque ad finem, daher denn auch der laute Abscheu, welchen die zionistischen Organe unaufhörlich gegen jede Art Assimilation, kundgeben; die Losung der Stiftungsschule aber ist: Assimilation! . . Ihre schätzenswerte Offenheit, mit der Sie zugestehen, dass die Losung der Stiftungsschulen Assimilation mit Rufzeichen ist, dürfte nur diejenigen frappieren, denen die Klagen religiös gesinnter Eltern in Galizicn unbekannt sind, dass zur Zeit Ihres Secrcta.ria.-tes die Lehrbücher der j ü d i s c h e n Stiftungsschulen Ausdrücke wie „Boze Xarodzenie (Gottes Geburt) und „Matka Boska" (Muttergottes) enthielten. Was aber auch mich frappiert hat, ist Folgendes: Ihr werter Schwiegersohn, Herrn Dr. Arnold Ascher, der sich, als er den Secretariatsposten in der Baron Hirsch-Stiftung erlangte, doch wohl Ihrer woblwolLenden Zustimmung erfreute, gehört, wie Ihnen nicht unbekannt sein dürfte, seit Jahren der Leitung des „Jüdischen Yolksverein.es" in Wien an. Dieser Verein hat sich bekannt!ieli ebenfalls die Bekämpfung der Assimilation zur Aufgabe gesetzt. Ich erlaube mir daher, an Sie die höfliche Anfrage zu richten, ob Ihre Pietät für die angeblich assimilatorischen Intentionen, des seligen Baron Hirscli sieh nicht auch auf Anhänger, des ..Jüdischen Volksvcrcines" erstreckt, und ob diese, wenn sie die Assimilation propagieren, Ihnen nicht als ein „Unding" erscheinen. Um gutige Antwort bittet ■ Natha?i Gross, Wien, IL, Miesbachgasse 14.