Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Article
- Wiedergeburt
- Date
- 1901-09-13
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4 Die # Weit44 Nr. 37 Schauspiele zu. Die Jungen judaisieren sich und tragen stolz, demonstrativ sogar, jenen gelben Fleck,, den die anderen verbargen. Vor einigen Jahren erschauerte jeder gute Jude beim Gedanken an unsere unthätige Jugend; heute ist sie überall auf dem Posten für ein Ideal und auf der Suche nach neuen Gebieten nationaler Bethätigung. Die ersten modernen Zionisten, jene, die die Fahne erhoben hatten, mussten sich ängstlich fragen, ob andere ihre Aufgabe aufnehmen würden am Tage ihres Hinganges, ob sich Schüler finden würden, die.'noch1 fähig wären, sich für das Yolk zu begeisternund es zu lieben wie sie* es lieben. Auf diese so ernste Frage ist heute die Antwort gegeben. Die Jugend bereitet sich für ihre morgige Aufgabe; sie ist sogar ungeduldig, sie verlangt darnach, ihrer verzehrenden Energie Ausgang zu schaffen. Der Historiker, der eines Tages unsere Zeit schildern wird, wird sagen müssen, dass dieser Zionismus eine stolze Lese war, der die einzige That vollbringen konnte: Eine Nation, die nach den Worten so vieler weisen Leute todt und wohlbegraben war, zu beleben, auferstehen zu lassen. Laboremus. Die Natur steht in der Eeifezeit. Immer länger im Tage verriegelt die Dunkelheit unser Sehen nach äusseren Eindrücken und verweist es nach innen. Es ist die Zeit der Beschaulichkeit, der Betrachtung, der vertrauten und der scharfen Aussprache gekommen. Wir Zionisten haben manches zu erzählen und viel dringend zu fördern. In alle Zirkel werden wir uns zu Gaste laden, in denen Worte über Judenfragen gegeben und angehört werden. Wir sind im voraus gefasst auf die Eintönigkeit unseres Beginnens, die unsere Energie wird lähmen wollen, wir wissen, dass der hämische, böswillige Streit gegen 'unsere Wahrheiten unserer Geduld hart zusetzen wird. Aber immer wieder werden wir den Adam in uns besiegen und den Kampf mit festem Willen vorweg beginnen. Denn Grosses haben wir mühevoll zu erstreben. Moderne Parteipolitik, der Sturm im Wasserglase liegt unserem Schaffen ferne; wir haben keinem egoistischen Streber eine Gloriole zu formen, nicht das kurzlebige Interesse einer eigenwilligen Gruppe zu wahren — unsere Mensehenkräfte kämpfen erbittert gegen ein schreckhaftes Schicksal. Bei uns ist das Unglück zuhause, das schon majestätisch wirkt in seiner Grösse; jeder schauert beim Angstruf unseres gequälten Volkes, jeder, der hört, findet sich mit seiner verletzten Menschlichkeit, seinem gekränkten Mannesthum und seiner Hrkenntnis ab, indem er sich selbst ehrlich verspricht, seine besten Kräfte für die Hilfe zu verwenden, selbst seinen Pflichten gegen sein Yolk nachzukommen und andere dazu zu veranlassen. Wir wollen die Hüter unseres Bruders sein. Einen ebenen Weg, ein sicheres Heim haben wir zu bauen. Nach bestem Wissen geben wir Vorschläge für sociales und wirtschaftliches Leben, für Schule und Haus. Für alle diese schweren Probleme haben zwar öffentliche Tagungen allgemeine Grundsätze ausgegeben, aber örtliche Verhältnisse bedingen schon im kleinsten Rahmen Differenzen, die erst gründlich in der Ortsgruppe erörtert werden müssen, bevor der Entschluss in die Propaganda aufgenommen wird. Denn für uns als die gewissenhafteste Partei im Judenthum ziemt es1 sich, im Eathe sehr behutsam zu sein. Weil wir auch nicht den Schein einer weltliehen Macht für uns besitzen, weil wir nicht befehlen können, müssen wir überzeugen. Unsere Erfolge werden geschaffen von unserem Geiste, unserer Entschlossenheit und unserem Können. Die Sehmiede aber für diese Waffen sind die Vereine. Für den Text Unserer Agitation sind mitverantwortlich die Verbandsstellen, für die Weise die Gruppen allein. In ihnen liegt natürlich das Schwergewicht unserer Propaganda. Sie wissen wohl, class es uns als der grössten Partei im Judenthum ziemt, energisch in der That zu sein. Niemand'^leugnet, dass wir die Erfolge unseres Auftretens steigern können. Dazu wollen wir in die Schule gehen zu jenen Völkern, bei denen die Politik die Höhe einer Kunst erreichte, zu den Griechen und Römern. Denen galt als erstes Erfordernis zur Bildung die Redekunst und die studierten sie bis ins hohe Alter. Dem Schwung ihres Wortes kommen wir und alle heute nicht einmal nahe und doch brächte die Uebung den guten Willen ans Ziel. Hier winkt den Vereinen eine ungeheuer wichtige Thätigkeit. Mögen sich die Discussionsabende drängen, zweidreimal die Woche, Referate über jedes Thema, von jedem Mitgliede als Referenten, mit jedem Zuhörer als Debatter. Gegenseitige Ermunterung möge die Befangenheit vertreiben, vornehmes Entgegenkommen dem Schüchternen aufhelfen. Die Praxis hat bewiesen, dass aus jedem mindestens ein mittelmässig guter Redner werden kann. Jeden Titel darf das besprochene Thema haben und soll es haben, denn Abwechslung fesselt. Zu erreichen ist, dass jeder das Wort in seine Gewalt bekommt, dann ist er schon draussen unser guter Anwalt. Denn unsere grossen Programmpunkte sind feststehend, einfach und klar. Mit ihrer hauptsächlichen Bethätigung als Parlamentsschule werden die Vereine ungeahnte Erfolge haben. Einestheils wird das Interesse der Mitglieder unter einer halbwegs entsprechenden, klugen und psychologisch denkenden Leitung stark gefesselt werden, weil die stets lernbegierigen Juden herausfühlen, dass derart ihre Bildung wertvoll bereichert wird; anderntheils wird bald ein Stamm von Rednern herangebildet sein, der in der Oeffentlichkeit siegt wie er will, der mühelos in jede öffentliche Debatte unsere Gesichtspunkte hereinträgt. Koch ein zweites Princip aus der Kenntnis antiken Völkerlebens könnte aus der Idee weiter als jetzt in Praxis übersetzt werden. Einstens machten politische Aspiranten die breiten Schichten durch Bestechung kirre; Brot und Spiele verlangte und erhielt der Plebejer Roms. Die Brutalität jener Instincte zwar hat Juden nie berührt, aber harmlose Spiele, Tändeleien und Erfrischung de"m müden Geist bot auch die Toynbeehalle, und man sah stürmischen Andrang. Darnach wäre es thunlich, wenn jeder Verein mindestens 2 Toynbeeabende wöchentlich veranstalten würde, mit dem Programm, das in Wien z. B. sich bewährt. Die Kosten werden niemandem Schmerzen machen, denn für Wohlthätigkeit ist die schlappe Gegenwart doch noch leicht zu stimulieren. Abgesehen vom ethischen Moment wird sich der so gewonnene Contact mit grossen Kreisen bestimmt wertvoll erweisen. Nicht nur die Enterbten befreunden wir mit uns, auch ökonomisch höhere Stände treten mit uns in Verbindung, und weil wir ja nur aufklären müssen, machen wir die Kopfscheu vor unserer Politik immer mehr verschwinden. Unmassgeblicher Ansicht nach werden die Corps unserer Junioren im Ansehluss an dieses System, modifieiert für kleine Nebenbedürfnisse, zur unvergleichlichen Elitegarde werden. Ihre erworbene Bildung wird durch jugendliche Thatkraft mächtig und weithin wirken. Ihre körperliche Ausbildung wird durch die Verhältnisse klar den Turnvereinen zugewiesen, deren Fechterriege sie ausnützen, deren Bedeutung sie unterstützen werden. Vier Abende der Woche sind dann noch frei. Davon muss mindestens einer ein öffentlicher, einer ein interner Discussionsabend werden, und der Rest freigehalten werden für eine systemisierte Agitationstournee in Stadt und Umgebung. Die Toynbeehalle der zugehörigen Bürgervereine wird Vortragende aus den Vereinen der «Jungen beziehen. Wenn sie den hohen Namen zionistischer Vereine verdient haben werden, wird in den Studentenvereinen die Mesalliance zwischen jüdischem Geist und deutschem Brauche überwunden sein, deren Folge eine zeitweise Lähmung gewesen ist.