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Die Welt · 1901-09-13 · 37 (13.9.1901) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
37 (13.9.1901)
Article
[Ohne Titel]
Date
1901-09-13
Page
3 (sequence 1)
Language
German
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*Die s£ Welt" Seite 3 Die Jüdische Colonialbank. Wie wir erfahren, wird die Boardsitzung vom 8. October voraussichtlich die Actionsfähigkeit der Bank aussprechen. Wiedergeburt, Von Dr.' A1 exander Marmor eh (Paris). * ) Teh habe irgendwo über dem Thore eines Hospitals die Worte -gelesen-.:„Das.grösste Glück besteht nicht darin/gesund zu sein, sondern es wieder zu werden!" , Das klingt paradox. Der Satz scheint, wie ein Marktsehreier der alten Zeit, den guten. Vorübergehenden zuzurufen, sie mögen eintreten und die Vorsehung dafür segnen, dass sie ihnen ernste Uebel geschickt hat denn diese allein verschaffen ihnen das Glück, geflickt, geleimt, frisch und munter wie nie zuvor hinauszugehen! Aber wenn man schon einmal auf Kosten , der ernsthaften Leute gelacht, die diese etwas banale Devise ausgearbeitet haben, verfolgt euch diese, pocht an euer respectloses Hirn und zwingt euch endlich, euch zu ergeben und euer gar zu leichtfertiges Urtheil zurückzuziehen. Haben wir nicht alle gesehen, wie Kranke nach langen Wochen der Bettlägerigkeit dem Leben wieder zulächeln? Wer hat sich nicht gefreut beim Anblicke eines Genesenden, der, seiner Matratzengruft entsteigend, seinen verjüngten Körper aufrichtet, die Glieder noch schlaff, aber mit frischer Energie, mit glänzenden Augen, die zu gleicher Zeit den ganzen Schrecken der vergangenen Fiebervisionen und die Hoffnung auf kräftige Lebensjahre aussprechen. Der brave Mann, der den Grundzug seiner Philosophie in den Stein.eingraben liess, sagt die Wahrheit, Er ist vielleicht durch furchtbare Qualen .durchgegangen,, bevor er zu diesem Jubelsehrei gelangte: „ich lebe und will leben; denn ich bin stark —. Statt niedergeworfen zu werden, habe ich gesiegt"v / # . ■ . ■ . Diejenigen, die das eintönige Repertoire der Schmerzen und das eisige Grauen der Furcht nicht gekannt haben, können kaum diese ewige Wahrheit verstehen, dass es höher gilt, das Glück zu erwerben, als es zu besitzen, als es immer bis zur Sattheit zu haben ... Die Devise unseres Hospitals kommt mir seit einigen Jahren oft in. den Sinn, wenn ich an unser Volk denke. Die Worte „jüdisches Volk'* lassen sofort den Gedanken auftauchen an eine endlose« Krankheit, die alles unaufhörlich untergräbt und zernagt und zuletzt die gesunden Theile durch geschwächte Organe und widerstandslose Zellen ersetzt. Und das, was normal geblieben ist, geht oft zugrunde bloss deshalb, weil die Umgebung brandig geworden ist. Um diese so zahlreichen Uebel bemühen sich viele Aerzte, die ihre unfehlbaren Methoden, jeder vor allem die seine rühmen. Sie waren alle wenigstens in einem Punkte einig — dass wir sehr krank sind. Und manche sagten sogar," dass es unsere eigene Schuld sei und dass wir uns auf" die Brust schlagen sollten. Und der Kranke, unser Märtyrorvolk, befolgte geduldig alle Anordnungen aller seiner Heilungsberlissenen. Aber was auch diese braven Quacksalber sagten, es wollte'nicht besser gehen . . . Und es bedurfte einer langen Zeit, vielleicht des Misslingens aller unserer Versuche, damit viele unter uns ganz sanft, ganz langsam gewonnen würden für die Wahrheit: Genug des Wartens und des leeren Höffens! Uns selbst kommt die Pflicht, die Aufgabe zu, einzuschreiten, zu behandeln, zu heilen! So begann die Wiedergeburt. Wir haben allzu lange im Schatten der Nacht gelebt. Nichts erschien an dem dunklen Horizont, nur Blitze von Zeit zu Zeit. Sie kündigten meistens ein neues Gewitter an, das losbrechen sollte, und nur selten das Hoffnungslicht, das ein besseres Morgen vorhiess. Und bei jeder Erschüt- *) Gleichzeitig in .X'fielio Sioiü*te** erscheinend. terung kamen die Eingeweihten, o, sie waren voller Aufrichtigkeit, sie klagten darüber, dass die Geschicke des Volkes Israel in den Händen von Unfähigen ohne Mitleid oder von Unverständigen ohne Gefühl lagen. Wie ihr Urtheil doch falsch war. Sie erwiesen diesen hinfälligen Häuptern eine, allzu grosse Ehre. Diese sollten Volkshirten, sein? Aber sie hatten als die ersten die überwältigende Aufgabe abgelehnt, eine Nation zu leiten, d. h. das Steuer eines Schiffes zu führen, das sie ohne Enthusiasmus bestiegen hatten. Nein, in Wahrheit gab es weder Volk noch Häupter. Was man. sab, waren zerstreute Gemeinschaften, ohne Zusammenhang und. ohne gemeinsamen Willen, verlassen, verfolgt, verT höhnt von aller Welt und unfähig, sich zu vertheidigen; an ihrer Spitze Greise an der Neige des Lebens oder, was noch schlimmer war. junge Leute, die nach Ehre und Gewinn begierig waren. Und nun bläst, es sind fünf Jahren her, ein Windstoss in ..die eingeschlafenen Beihen hinein. Er ist zum Sturm geworden, der niederstösst, umwirft und eine andere Zeit herbeiführt. Die Morgenfrühe kündigt sich an! Und die Blindesten fühlen, wenn sie auch nicht sehen, ihre gesegneten rosigen Strahlen. Man bebandelt uns Zionisten als Wahnsinnige, als Utopisten, man verleumdet und beschimpft uns. Gleichviel! Aber man wage es zu leugnen, dass das Morgenroth schon sichtbar ist. Unser Volle erhebt sieh. Nach Jahrhunderten des Schlafes und der Lethargie Iii esst ein frisches, jugendliches, . lenzhaftes Blut in den Adern der Nation, die erstarrt schienen. - Die hübschen Legenden unserer Grossmütter, dass nach Tagen der Zerstreuung und Verlassenheit glückliche Zeiten kommen werden, nehmen Gestalt an. Denn die erste Bedingung aller Umgestaltung, der bewusste Wille;zum Schaffen, verbreitet sich.-Die Juden, die es ohne Zweideutigkeit bleiben wollen, haben allerorten das neue Ideal ' verstanden.-Getrennt durch Sprache, Sitte, Civilisation und ^Meinungen, treffen sie. alle in einer gemeinsamen Arbeit, )n .einer einzigen Aufgabe zusammen: der Befreiung, des Volkes durch seine eigene Kraft. ' 'Seine Söhne studieren von-neuem seine Geschichte, um in der einstigen Glorie Begeisterung für ihr Werk zu schöpfen, und es blickt in eine Zukunft hinaus, auf die es schon stolz ist, denn wie sie auch sein möge, es wird sie mit eigenen Händen geschmiedet haben. Die materielle Zerstreuung verbleibt, die Geister sind vereinigt. Von dem äussersten Osten, von da, wo die compacte und gleichförmige Masse mit Ungeduld das Glück eines rulligen und friedvollen. Herdes erwartet, bis zu den Ländern der neuen Welt, die Freiheit und Duldsamkeit zu kennen scheinen, arbeiten, kämpfen, hoffen tausende von Menschen zusammen um der gleichen Sache willen. Diese ist die Sonne, um welche das Leben der Nation, unserer wiedergewonnenen Nation, sich dreht und bewegt. Und was für ein Leben? Wahrhaftig, der Saft steigt in die Zweige des Volksbaumes empor und frische grüne Blätter spriessen auf, da. avo .der traurige Tod zu herrschen schien. Dichter, Schriftsteller, Künstler schaffen nationale Werke und fühlen sich in. Ideengeineinschaft mit den Massen. Die Geister gerathen in neuen Kämpfen aneinander und. der fruchtbare Kampf der Meinungen erzeugt die fieberhafte Lebhaftigkeit der friedfertigen Bevolutionen. Die Alten, die, welche noch mit eigenen Augen die finsteren Mauern des Ghettos geschaut hatten und die sich als die einzigen. Erhalter der guten Tradition fühlten, sollen sich durch ihre Söhne, an Eifer, an Muth, an Treue, an Anhänglichkeit, für das Jüdische übertroffen. Der ewige Gegensatz, der zwischen zwei Generationen besteht, bietet bei uns einen, neuen Anblick. Ein jüdischer Turgenjew,könnte unsere .,Väter und Söhne" schreiben — aber mit vertauschten Bollen. Diese sind die guten, willensfesten Erhalter ,und oft sehen die Alten erschreckt diesem

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