Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 37 (13.9.1901)
- Article
- Die Grenzen des Zionismus
- Date
- 1901-09-13
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 „Die # Welt" Nr. 37 „Der Zionismus erstrebt für dasgüdisctiej Volk die Schaffung einet öftentlich-rechtlieh gesicherten Heimstätte in Palästina", gab es Argumente von solcher Wucht und Schwere, so sinnfällig und für den Einsichtigen so zweifellos sicher, dass sie der strengsten Wissenschaftlichkeit standhalten konnten — ganz abgesehen davon, dass sie in wirklich wissenschaftlicher Form in Büchern und; Schriften verarbeitet wurden. Erst als: rhit der Jijntwicklüng die Fragen zweiten und dritten Hanges anfiengen, sich geltend zu machen, stellte sich der Mangel, wenn auch nicht an allgemeinen, so doch an Detail-Kenntnissen der Materien ein. Zwar brachten uns die zionistischen Congresse — es fehlt noch die zusammenfassende Arbeit/die das in den Protokollen nieder-. gelegte, theilweise sehr wertvolle Material sichtet — eine bedeutende Vermehrung des zionistischen Wissens, Auch in, den zionistischen Zeitschriften wurde nicht selten der Versuch der wissenschaftlichen Behandlung irgend einer Materie gemacht. Die Buch-Literatur aber ist zurückgeblieben. Ein Blick auf die zionistische Bibliographie belehrt' uns, dass nach schönen wissenschaftliehen Anfängen nunmehr die populäre Aufklärungsbroschüre und die Belletristik dominiert. Und doch, wenn irgendwo, sollte man Wissensehaft lichkeit zuerst in unseren Büchern finden, in denen allein der Platz für ernste Ausführlichkeit ist. Wenn aber die wissenschaftliche Weiterentwicklung des Zionismus mit seinen äusseren Fortschritten nicht gleichen Stand hält, so ist das ein Zustand, der wohl im Hinblick auf die drängenden Arbeiten der ersten Jahre zu entschuldigen ist, der sogar vielleicht unvermeidlich war, den wir aber jetzt in den Zeiten der Sammlung nicht mehr andauern lassen dürfen. In den ersten Zeiten handelte es sich zudem vornehmlich um die Vertretung unserer Cardinallehre, für die wir ausreichendes Rüstzeug hatten. Jetzt aber heischen die Nebenfragen des Zionismus von uns Beantwortung und Lösung, die wir nicht verweigern dürfen. An praktischen Beispielen wird man am besten ersehen, dass die Forderung nach wissenschaftlicher Vertiefung mehr ist als übertriebene Pedanterie. Wir wählen Fragen, die verschiedenen Gebieten des Zionismus angehören, etwa die der zweckmässigsten Colonisations-Methode, die der geistigen Hebung, die der politischen Bethätigung der Juden. Es sind Fragen, die sich im Laufe der Jahre mit Naturnothwendigkeit aufgedrängt haben und deren Erledigung wir nicht aus dem Wege gehen dürfen. Wirklich haben da und dort einzelne die Erledigung versucht, indem sie sich mit grösserer oder geringerer Freundlichkeit an den Gegenstand machten. Dabei passierte es, dass über denselben Punkt Ansichten ausgesprochen wurden, die einander ganz entgegengesetzt sind. Die einen beispielsweise halten eine politische Bethätigung der Juden für unvortheilhaft, andere reden ihr. lebhaft das Wort. Der Gegensatz der Anschauungen wäre nun kein Felder, wenn die Wissenschaft nachkäme, wenn eine zusammenfassende Arbeit, eine ernste, verlässliche Prüfung der Argumente und eine positive Entscheidung der Berufenen nachfolgt, die ungerechtfertigte Meinungsverschiedenheit oder noch schlimmere Zustände, Unklarheit und Zerfahrenheit im eigenen Lager, ausschlösse. Ja, es geht sogar noch weiter: Auf manchen Gebieten kann überhaupt — es sei denn, dass der Unternehmende ein unverantwortliches Risico auf sich nimmt — keine Thätigkeit entfaltet werden, solange die zionistische Wissenschaft nicht die Wege dafür vorgezeichnet hat, so, um ein Beispiel zu wählen, auf dem (Gebiete der „wirtschaftlichen Hebung" .... Die Beispiele und die Argumente für die Nothwendigkeit eines wissenschaftlichen Zionismus Hessen sich vervielfachen. Das scheint uns nicht nöthig. Wohl aber scheint es uns nothwendig, im Angesichte des fünften Congresses die Forderung nach Wissenschaftlichkeit laut zu erheben. Welche Art von Vereinigung man wähle^ welche Form man äusserlich der wissenschaftlichen Forschung geben \j36ll, ob sie -aus correspondiereüden\ Mitgliedern aller Lanäer bestehen, ob es eine an einem /Orte yereiriigte, ständige^ (Kommission sein soll, welchen isTamen sie m'.führen hätte, zionistische Akademie etwa öder einen andern, das erscheint nicht so wichtig und es lässt 'sich später darüber reden. Aber die Erkenntnis von der Itfoth wendigkeit Äer Wissepschaftlichkeit sollte den Congress beherrschen. Es wenden, ^gerade da ausgezeichnete Männer und hervorragende Gelehrte: sein; an ihnen ist es, die ersten Schritte zu thun. Im "wissenschaftlichen Zionismus wird dann jeder folgende Congress seine Hauptstütze finden. Dem Congress wird das wohlerwogene Wort übermittelt, und er hätte es in That umsetzen zu lassen. Wissenschaft und Leben kämen da prächtig zusammen. . Ei n II eberblick über die wichtigsten Materien, die wir zu bewältigen haben, lehrt uns die Grösse, aber auch die Nothwendigkeit der wissenschaftlichen Aufgaben. Wir wollen im Nachstehenden nur bescheidene Andeutungen, die weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Systematik machen, darüber geben, was vor allem wissenswert erscheint. Darnach Ii esse sieh das Gebiet des Zionismus nach folgenden Gesichtspunkten eintheilen: I. Der Zionismus (in seinem ersten und wesentlichsten Bestände) als Heimstättenbewegung. 1. Die gegenwärtige Lage der Juden. a) Oekonomische, sociale, culturelle Situation. b) Statistik hierzu. c) Das Wesen der Judennoth.- d) Das Wesen des Antisemitismus.r .. 2. Katastrophen und (Einzel-) Auswanderung. 3. a) Die Frage der Colonisation. b) Die bisherigen Colonisationen. cj Golonisationsmethoden. 4. a.) Die Beschaffenheit Palästinas: I. Flora, II. Fauna, III. Klima, IV. Grundlagen für industrielle, gewerbliche und Handelsunternehmungen. ])) Die (staats-, Völker- und privatrechtlichen) Fragen der öffentlich-rechtlichen Sicherung der Heimstätte. c) Fragen der Colonialpolitik. IL Entwicklung und Geschichte des Zionismus. III. Die Organisation der politischen Zionisien. a) Gliederung. b) Propaganda. c) Fonds. IV. Der Zionismus als Lebensanscluiuung. V. Der Zionismus in. seinem, (activen und passiven) Verhältnis zur Judenheit. a) Die Fragen der körperlichen, wirtschaftliehen und geistigen Hebung. 1)) Die jüdischen Hilfs-Gesellschaften. c) Die jüdischen Gemeinden und Institutionen. 17. Der Zionismus in seinem (activen und passiven) Verhältnis zu den Nichtjuden. a) Bethätigung im politischen Leben. b) „ „ gesellschaftlichen Leben e) „ „ eulturellen Leben. VII. Der Zionismus in seinem, Verhältnis zu den zeitbewegenden Fragen. In den folgenden Artikeln wollen wir versuchen, auf das Schema selbst und einzelne Specialfragen näher einzugehen. ' (Fortsetzung folgt.)