Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 36 (6.9.1901)
- Article
- Czortków
- Date
- 1901-09-06
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „DievK^ Welt Nr. 36 nach folgie eine polnische Declamation von Herrn S. Schneidmann. Dann gab Herr M. B e r Ii n e r einige humoritsische Monologe und Couplets zum Besten. Ferner wurde die Posse „Der doppelte Buchhalter" von J. Bäum er, M. Schor und O. Lande unter grossen ßeifallsbezeugungen gespielt. Mit einer Jargon-Declamation und einem von stud. ing. J. Rosenzweig gehaltenen Schlussworte schloss der Abend. Die Stimmung war während der ganzen Zeit eine animierte. Der Reinertrag fiel jüdischen Zwecken zu. Mittheilung der Redaction. Grössere Arbeiten veranlassen unseren bisherigen Redacteur, Herrn Berthold Feiwel, der schon in letzter Zeit auf Urlaub war, nunmehr die Redaction niederzulegen. In freundschaftlichem Einverständnis mit dem Scheidenden wird Herr Martin Buber die Leitung des Blattes übernehmen. Spenden. Für die Colonie „Bene Jehuda": Anlässlich der Velobung des Leo Joffe mit Fräulein Sophie Hefter jeFrcs 1/25: Moses Glikin in Cöthen, Lazarus Burstein, Jacob Roskin und Moses Ziv.jan. Zusammen K 5.86. Für zionistische Zwecke: Hellerbach anlässlich Hochzeit des Chaim Horowitz in Czortkow K —.50. Gorrespondenz der Administration. Die Schriftsteller Lazarus, Kohn, Willi) er, L. Abr. Cohn, N. Gnesin, Alferowitsch, Mirenburg, Zatulowsky, Blumgarten, (särcmtlich in Warschau) Trinks in Zwanietz, Pritzkerin Biala - Zerkow, Klein mann in Berdyczew, Lewin in Maletsch, Süsskind Rabinowitsch in Poltawa werden um gefällige Angabe ihrer genauen Adresse ersucht Zweierlei Juden. Roman von Max Viola. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Sie starb fast vor Schreck. Der Papa im Kaftan und mit Löckchen bei ihrem Jour fix, dem auch Christen beiwohnten? Sie erhob sich rasch, ein deutlicher Wink, demDiener, und der Herr Papa war draussen vor der Thür, bevor er seine Tochter noch mit einem einzigen Worte bewillkommnen hätte können. Apropos, Gräfin, setzte Mary ihre Bosheiten fort, Sie wissen doch, wie man sich bei Hofe dafür rächte, dass man Herrn Singer die Baronie verleihen musste? Nicht? Es ist doch zu köstlich! Er liess sich ein Wappen componieren, das im blauen Felde zwei silberne Schwerter zeigte. Dieses Wappen legte er zur Genehmigung vor, aber es wurden daran einige Aenderungen vorgenommen. Die.zwei Schwerter erschienen in der Mitte abgebrochen, stumpf, und von den Knaufeu*. Kind die Körbe entfernt. Nun sind das nicht mehr zwei Schwerter, sondern streng rituelle jüdische Sehlächtermesser, wie sie vorhchriftsniässig' zum Schlachten von Geflügel verwendet werden. JkI das nicht brillant? Er verwendet denn auch sein Wappen nie- ■n?i?s, sondern bloss die Krone. Bei diesen Erzählungen lag ein ruhiges Lächeln auf Marys hübschem braunen Antlitz und ihre grossen glänzenden Augen blickten fröhlich darein. Sie sprach zur Gräfin Bernardi von diesen Dingen, als hätten sie sich in Kreisen ereignet, die sie nicht aus eigener Anschauung kannte, in die sie bloss zufällig hie und da einen Blick gethan, wie ja auch eine Prinzessin einmal Zeugin eines Streites zwischen Höckerinnen werden kann. Die Leute, von denen sie da sprach, waren trotz ihres Reichthums Pack, Judenpack, sie aber ist die Gräfin Steinwaldt, anter deren Ahnen sich Bischöfe, Generäle und Ceremonienmeister befanden. Doch der Papa der Gräfin Steinwaldt, Herr Archibald Ritter von Tulpenthal, lief atliemlos, als ob er einem Geschäfte nachrennen würde, durch die Salons, und bloss wenn er sich seiner Würde als Hausherr, Adeliger und zukünftiger Schwiegervater des Graten Brandt entsann, warf er sich in die Brust und schritt mit gravitätischer Ruhe einher. Das aber hielt nie länger als eine halbe Minute an. Ueberall musste er seine Augen haben. Eswaren nämlich auch einige minderwertige Leute geladen: ein höherer Beamter/ein Advocat und zwei Verwandte. Er musste ihnen leider jene Speisen servieren lassen, von welchen die Aristokraten und die grossen Millionäre mit ihren Damen assen, nun aber im Rauchsalon hatte er sie glücklich an einem Tische vereint und ihnen billigen Cognac und noch billigere Cigarren vorgesetzt. Er wird doch diesem Pack nicht den feinen Cognac anbieten, von welchem Baron Singer trinkt, nicht die sündhaft theuren Cigarren, die von der erlesenen Gesellschaft an den Nebentischen geraucht werden? Ganz überflüssig! Die sollen froh sein, dass sie überhaupt geduldet werden. Doch dieser Dr. Bergl, die Frechheit diesem Menschen überstieg alle Grenzen! Er sass zwar mit den Minder wertigen beisammen, holte sieh aber den Liqueur und die Cigarren von dem Tische, um den die Grafen Bullenstein und Lohenberg, die Barone Singer und Eulern sassen und Karten spielten. Und dann nahm er immer glebh drei von den Cigarren, von denen das Stück drei Kronen kostete, rauchte eine an und steckte zwei in die Tasche. Dasselbe bemerkte er zwar auch bei Eisenberg un:l Weiss, doch die waren vielfache. Millionäre und pflegten das stets zu thun. Dieser Hungerleider aber, wie konnte der so frech sein, die billigen Cigarren liegen zu lassen und sich von den theuren am Nebentische zu holen? Er war wüthend und hätte den Menschen an» liebsten hinausgewiesen, doch die Gesellschaft war zu nobel, man durfte keinen Eclat hervorrufen. Und dabei musste er die Augen und Ohren stets offen» haben, damit Emmy sich nicht zu weit vorwage. Was kann er beginnen, wenn sie den Grafen Brandt vor allen Leuten umarmt und küsst? Das wäre die Verlobung in aller Form, und seine Pläne wurden im Augenblick zu Wasser. Doch die allergrüsste Bange verursachte ihm sein Stammhalter, Herr Gaston Ritter von Tulpenthal. Dort sass er mit seinem englisch zugeschnittenen Schnurrbart und dem ins Auge gewachsenen Monocle, zwischen Sommerberg, Wild, Pollak und Werbelstein und spielte Maeao. Er, der nie mehr als einige hundert Kronen in der Tasche hatte, spielte mit Baron Sommerberg, der für den gewiegtesten Spieler der Hauptstadt galt, seit einem Jahrzehnte bloss von» Spiele lebte und sich die Gelegenheit sicherlich nicht entgehen Hess, den Sohn des Hausherrn in der fürchterlichsten Weise zu rupfen. Und weil Gaston kein Geld besass, schrieb er kleine Bons, von welchen mindestens acht oder zehn unter der Cigaretteiidcse des Baron Sommerberg lagen, Bons auf drei-, viertausend Kronen. Und wer weiss, wie viele dieser unglückselige Lump im Laufe des Spieles noch unterschreiben wird. Und die soll er morgen alle einlösen, muss er einlösen. Sein Sohn soll doch Cavalier sein, und ein Cavalier muss seine Spielschulden binnen vierundzwanzig Stunden tilgen. Er fühlte, wie ihm der Seh weiss über die Brust lief; er hätte seinem Sohne zwei Maulschellen versetzen mögen, dass er ohnmächtig vom Sessel fiele; es zuckte ihm in allen Fingern, und er durfte nicht mit der Wimper zucken, musste lächelnd zusehen, wie der Bengel diesem Falschspieler das Geld in den Rachen warf. Ein Aristokrat, ein wirklicher Cavalier darf doch zu solcher Zeit nicht sprechen? Das ist doch eben das Genie, das Vornehme, dass man lächelnd zusehen muss, wie man ausgeraubt wird! Und weil er heute fein und vornehm sein muss, lächelte er zu den Spiel Verlusten seines Sohnes, leerte aber alle fünf Minuten ein grosses Glas eiskalten Wassers oder gieng in das Vorzimmer, um seinen Zorn an einem Bedienten auszulassen. So war die Unterhaltung in der animiertesten Wreise bis Mitternacht gediehen, als Graf Bullenstein den Baron Eulern beiseite nahm und fragte, ob man noch nicht aufbrechen dürfe. „Da musst Du Brandt fragen," meinte Eulern. „Wir sind doch ihm zuliebe da! Und zum Kukuk, unterhältst Du Dich denn nicht? Ich grosstirtig! Das Souper bestand aus vierundvierzig Gängen." „Vierundvierzig Gänge, bist Du toll?" „Na, so waren es siebenunddreissig. Weiss der Teufel, was diese Leute haben! Meinen sie, dass wir sonst hungern und wollten sie uns zutode füttern? Interessant ist es, wie da in der Gesellschaft dem Worte „Jud" aus dem Wege gegangen wird. Davon wird nicht gesprochen, wie im Hause des Gehenkten nicht vom Strick." „Und doch ist alles jüdisch, und der Firniss; der das Jüdische verbergen soll, der ist das Jüdischeste. Nette Gesellschaft das, in die Brandt uns geführt hat. Und in dieser will er in Zukunft leben?" „Lächerlich! Er nimmt das Pferd aus dem Stalle und betritt ihn nicht mehr."' „Ja, wenn in dem Stalle nicht die eiserne Casse des Herrn Tiiipcnthal stünde. Uebrigens, jetzt fällt mir ein, dass auch ich noch nicht fort kann. Ich habe nämlich mit einer von den Jüdinnen da ein Rendez-vous für morgen." „Auch Du, Unglückseliger?!" „Ja, nur weiss ich nicht, ob sie die Operngasse oder den Optinplatz gemeint hat, und das muss ich zu erfahren suchen." „So gehe zu Deiner Huldin mit der Gänseleber im Wappen. Apropos, Du musst auch noch verweilen, damit Du Somnierberg den Spass nicht verdirbst. Er hat mit dem adeligen Hausjüngel einen Pact geschossen: Da der junge Tulpenthal von seinem Vater kein Geld bekommt, verliert er im Einverständnisse mit Sommerbtrg grosse Summen an diesen und wenn morgen der Alte die Bons mit Ach und Weh eingelöst haben wird, dann theilen sie sich iu das Geld, Somnierberg und das Hausjüngel nämlich." (Fortsetzung folgte)