Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 36 (6.9.1901)
- Article
- Die jüdische Ethik und Herbarts fünf ethische Ideen [Nachricht]
- Date
- 1901-09-06
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 „Die & Welt« Seite 11 Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. HäcW*ßii)1aaf. Die jüdische Ethik und Herbarts fünf ethische Ideen. Von Dr. Moriz Spanier in Magdeburg. 1901. Verlag E. Loewenthal & Co. (Inhaber: Ignaz Merzbach), Magdeburg. Stimmen der Presse über Börries Freiherrn von Münchhausen (1896—1901). Verlag F. A. Lattmann, Goslar. Druck J. Jäger & Sohn, Goslar. t"iTttfin„ nmn ,msy npvrrbM ,bpna spr amn /nimm miiö«n nnbin, JD^JÖ ♦! *K ♦K"D^n «n fCa-öp—^öp) -mror* ,töbjni ijh vyb dki T3H$ "p*6 n\Söi"l„ lyölKsjn K ,Dp«n«rrfiDtn^ a :|}H$npB K"-h pä eisd'H nytsDKD nw pä toDKSnyä ^wiiys pvtaD-avac n jiwn bd-oi-sc k p« ♦1900 o^p:ra [fiKTaapa'' *pr d< bv iß-a "nSws. ontf^nrn D^öKn rros;nbäöJi üdk nao o ^tukh ds«? nao (k — ^sn^ päa bnjn njtto ,ri:wmn rtitwi rrap^n ibd (i jotöh ff:n nsc c /napwxn Diana ♦larrfejb 2"bnn Der „Jewish Comment" erzählt von einer Veranstaltung der amerikanischen Makkabäer-Liga. Es handelt sich um die Bildung einer Organisation „zur Entwicklung des Sinnes für körperliche Cultur unter den Juden". Bei dem auf die Versammlung folgenden Feste wurden zionistische Lieder gesungen. Hierzu bemerkt der „J. C." pflichtschuldigst: „Um jedes Missverständnis zu beseitigen, das im Publicum beim Anhören der von Zöglingen gesungenen zionistischen Lieder entstehen könnte, mag es gut sein, zu sagen, dass die Makkabäer-Liga die Muskeln aus persönlichen (!), nicht aus zionistischen Gründen zu entwickeln beabsichtigt." Diese kleine Bemerkung ist von einem köstlichen Humor. Und die Frage bleibt offen : Warum gerade zionistische Lieder? Wir wissen es : Weil es im Judenthum kein wirkliches Singen gibt, es sei denn der Zionsgesang, und jüdischen Kindern kein Jubel, es sei denn die Freude in Zion. Den „persönlichen" Gründen gegenüber genügt uns diese unsere Macht. B. In Nr. 34 der vom Verlag „Achiasaf" in Warschau herausgegebenen hebräischen Wochenschrift „Hador* nimmt R. B r a i - nin die in Amerika geplante Gründung einer jüdisäen Universität (vgl. „Die Wert" Nr. 24: New-Yorker Brief ) zum Anlass, um die Notwendigkeit der Gründung einer hebräischen Universität in Palästina zu erörtern. Wir geben aus den sehr interessanten Ausführungen folgende Stellen wieder: „Wir sind Geistesproletarier, die sehr genügsam sind. Selbst die besseren unter unseren Culturvorkämpfern — wie bescheiden sind sie in ihren Forderungen! Nicht nur die Genügsamkeit in Hinsicht auf die materiellen Güter, sondern viel mehr noch die Genügsamkeit den geistigen Gütern gegenüber ist fortschritts- und entwicklungsfeindlich. Dem Culturideal der Wiedererwecker unserer Nation fehlt es noch an Kraft und Saft, weil es seine Nahrung von den Ueberbleibseln der Vergangenheit zieht, weil ihm nicht die Zaubergewalt der Zukunft, die Macht des Lebens und der hohe Flug der schöpferischen Einbildungskraft innewohnt . . ." „Wenn man unsere Culturkarnpfer fragt: „Was ist euer Ideal?", so antworten sie fast gleichmässig: „Die Verbreitung der Kenntnis der hebräisclien Sprache, der jüdischen Literatur und Geschichte.'* Allein die hebräische Sprache wie die jüdische Literatur und Geschichte können ja in ihrem gegenwärtigen Zustande keineswegs die Herzen erobern und die Geister erheben. Denn die hebräische Sprache, die jüdische Literatur und Geschichte haben ja nur dann einen speciellen Werth, wenn sie den Geist der Wiedergeburt in sich fassen, wenn sie uns nicht nur Reste der Vergangenheit sind, sondern Waffen der Gegenwart und Werkzeuge der Zukunft, Ihr wollt die Kenntnis der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Literatur verbreiten? — Sehr wohl, aber all das, Brüder, ist kein Ideal, kein Lebensbalsam für ein krankes Volk, keine neue nationale vis movens, sondern lediglich die E r h a 11 u n g von nationalen Gütern, die uns unsere Väter vererbt haben und die zu wahren unsere heilige und selbstverständliche Pflicht ist, weil ein Volk, das sein nationales Erbe preisgibt, einen Selbstmord begeht. Die nationale Wiedergeburt aber setzt die Entstehung eines grossen I de als voraus, das die bedeutendsten Individualitäten der Nation erfüllt. Nur dann haben alle kleinen Reformarbeiten unserer Culturkampfer Wert für uns, wenn sie alle einer centralen Idee zustreben, wenn sie alle ein grosser lebendiger Gedanke beseelt. Das neue Ideal aber, dessen Saatkörner auf jüdischem Boden schon ausgestreut worden sind, wird nicht aufgehen, wenn ihr dem nationalen Geiste keine Heimstätte errichtet. Und.wenn ihr dem jüdischen Geist keine Heimstätte baut, kann auch Zion nicht erbaut werden. Zion kann nicht erstehen, wenn wir uns nicht beeilen, nationale Hochschulen zu errichten, von denen der nationale Geist ausströmen soll, um die Männer der That zur Arbeit anzuregen und anzutreiben. Saget nicht, ihr Genügsamen: „Lasset uns erst das Land haben, dann wollen wir Hochschulen stiften." Die Zahl der Ideen, die in einem lebendigen Volke weben, ist gross und jede von ihnen hat ihre Anhänger, Diener, Priester. Ein Volk darf nicht seine ganze. Kraft auf einen Punkt, auf eine n Gedanken oder auf e i n Werk eoncentrieren. WTenn der einzelne Gedanke, das einzelne Werk sich ihm nicht erfüllt, wird es schwach, verzagt. Gebt Arbeit allen Arbeitsfreudigen, allen, die danach streben, sich auf jüdischem Gebiete zu bethätigen. Neben den Leuten, deren Blick auf dem Boden haftet, gibt es in jedem Volke auch Sternseher . . . Bauet ein Heim dem Geiste des jüdischen Volkes! Ist der Gedanke nicht fürchterlich, dass das Volk des Geistes, das Volk des Buches gar keine sichere Heimstatt für seine Lehre, für seine Wissenschaft hat? Wenn noch einige Geschlechtsalter dahingehen, ohne dass diese Stätten erbaut sind, dann hat Israel weder eine Lehre, noch eine Wissenschaft mehr. Denn die Wissenschaft ist in unseren Tagen kein freies Kind der Natur,, sondern eine Zucht des Hauses. Das neue Wissen einer neuen Zeit erfordert neue Lernmittel. Die armseligen ungeordneten Jeschiboth können ebensowenig wie die Rabbinerseniinare Pflanzstätten des jüdischen Geistes sein, der zu neuem Leben aufwacht. Und sie werden es auch nicht sein. Die Thora wurde Israel vor der Landnahme offenbart. Der blinde Volkswille muss ohne Leiter und Wegweiser entgleisen, auf Irrwege gerathen. Jakob und Josef, die Träumer, waren vor Josua, dem Manne der That. Die Eneyclopädisten waren vor Napoleon, und Kant, liessing, Goethe giengen Bismarck voran. Der Gedanke einer jüdischen Universität hat neuesten» in Amerika einen Förderer gefunden, in der Person des Dr. Singer, Redacteurs der im Erscheinen begriffenen Jüdischen Encyclopädie. Die bewährte Tüatkraft Dr. Singers sowie verschiedene glaubwürdige Meldungen amerikanischer Blätter lassen die Hoffnung als begründet erscheinen, dass eine jüdische Universität in nicht gar ferner Zeit in New-York erstehen wird. Einige reich gewordene Schneider oder Schuhmacher haben schon einige Millionen für den Bau und die Erhaltung der Anstalt gespendet und werden zweifellos noch mehr spenden. Dr. Singer findet Thatmenschen für seine Traumgedanken. Und bei uns, in den östlichen und westlichen Ländern der alten Welt? Unsere Millionäre sind Philanthropen alten Schlages. Sie geben ihren Volksverwandten Almosen, das den Menschen wie den Juden gleicherweise entwürdigt. Baron Hirsch war der einzige, der nicht nach dem alten System Wohlthun übte. Aber nicht nur, dass er die Erhaltung und Fortentwicklung des jüdischen Geisteslebens nicht anstrebte, wirkte er vielmehr zu dessen Vernichtung. Auch seine Mitarbeiter und Rathgeber waren meist getaufte Juden oder absolute Assimilanten. Sie alle reichten nicht an einen reichgewordenen jüdischen Schuster in Amerika heran, der seine Millionen dem Bau einer jüdischen Universität widmet. Die jüdische Cultur ist jetzt in den Augen der Gebildeten des Westens ein hohles Wort, ein Synonym für Lebensfremdheit. Die jüdische Cultur in ihrer jetzigen Form kann sich auf die künftigen Geschlechter nicht vererben. Anders, wenn es eine jüdische Universität, wenn es Hochschulen für jüdische Wissenszweige geben wird. Wird erst von den Lehrkanzeln herab eine lebendige jüdische Wissenschaft gepredigt, wird erst die lebendige jüdische Literatur und die jüdische Geschichte als diejenige eines lebende:! für seine Existenz kämpfenden Volkes vorgetragen, dann soll man in allen Kreisen der Nation anders von diesen Dingen sprechen hören. ITerzl hat das nationale Streben nach Paliistina in ein modernes Gewand gekleidet, er gab ihm eine Form, er schuf ihm eine Tribüne. Nun denn: richtet auch ihr Culturverkünder eine neue Bühne auf, ein neues Centruin für den Wiedeigeburtsgedanken, wie es eines zu neuem Lehen erwachenden Volkes würdig ist. Dann wird man hinter euch nicht mehr die Achsel zucken, dann werden die Besten euch nachstreben. Die alten Kanzeln, die alte Bate- Midraseh, die Chadarim und die Jeschiboth verfallen immer mehr. Jedermann weiss und fühlt, dass sie sich überlebt haben, dass sie. einer gründlichen Erneuerung bedürfen, dass sie gewissermassen unbewusst auf einen Anstoss von einer hohen Unterriehtscentrale warten. Der lebendige Geist in den alten Rühmen entflieht und sucht sich eine neue Wohnstätte. So eilet denn, diese neue Stätte zu errichten! Wir haben viele begabte Leute, schöpferische Kräfte oder Männer mit reichen vielseitigen Kenntnissen, die aber aus Mangel an günstigen Bedingungen für die Entwicklung ihres Geistes und ihrer Persönlichkeit dahinleben, ohne dem Volke, das ihnen ein köstliches geistiges Erbe hinterlassen