Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 36 (6.9.1901)
- Article
- H. Stewart Chamberlain und seine Beurtheilung des Judenthums
- Date
- 1901-09-06
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die gcWVelt» Nr. 36 hier nur noch fester zusammen. Als dann die Gunst der Zeiten oder der gute Wille der Völker die Schranken dieser engen Welt grossmüthig entlernte, da warf sieh der Jude mit dem ihm eigenen Ungestüm auf der freien Bahn vorwärts und all seinen Idealismus gab er hin für das Neue, das er hier vorfand. Wie bald wurde er modein im extremsten Sinne des Wortes! So gründlich modern, dass er den historischen Grund, dem er entstammt, mit dem er durch so viele Zeiten und Bande verknüpft war, fast ohne inneren Kampf, ohne jeglichen Couflict aufgegeben hat. Das moderne Judenthum ist ein erschreckendes Beispiel einer nationalen Massenapostasie. Kein Volk hat etwas Aehnliches aufzuweisen, dass ein grosser Theil desselben seine historischen Ueberlieferungen, Feine ganze geschichtliche Vergangenheit so leichten Herzens über Bord geworfen hätte, wie dieses. Es ist freilich zu beachten, dass die Emancipation der Juden in eine Zeit fiel, wo der menschliche Geist von allem und jeglichem sich zu emaneipieren suchte, was kurzerhand als Vorurtheil und Aberglauben angesehen wurde. Von der Religion vor allem. Und da im Judenthum die Religion mit der Nation so eng zusammenhängen, so musste auch alles Nationale aufgegeben werden, sobald das Religiöse seine Bedeutung verloren hatte. Musste es aber in Wirklichkeit also geschehen? Man kann jene eifervollen Stürmer und Dränger des modernen Judenthums — vom Standpunkte des Glaubens — verdammen ob ihrer Preisgabe der Religion ihrer Väter; rechtfertigen aber wird sie ein jeder, der auch nur ein wenig Achtung hat vor der menschlichen Ueberzeugung, die nicht willkürlich ist, sondern aus der Notwendigkeit hervorgeht eine Uebereinstimmung zwischen unserem Denken und Empfinden. Aber wenn man den Volksglauben aufgibt, muss man nicht auch die Liebe zum Volk, zu seinem Volke aufgeben. Denn Liebe ist eine allzumächtige Empfindung, und sie fragt nicht erst nach der Harmonie ihres Gegenstandes mit den abstracten Verstandesbegriffen. Wir lieben unseren Vater, nicht weil wir mit ihm übereinstimmen, und unsere Mutter auch nicht deswegen. Dass nun in diesen modernen Repräsentanten des Juden - thums ihr Gefühl neben der Abstraction nicht so viel Kraft entfalten konnte, mit seinem Ausdrucke zu verklären, was für sie als Glaube nicht zu halten war —, das ist Materialismus. Ich will nicht bestreiten, dass man Hohes, ja Höchstes zu schaffen vermag, einzig aus dem Trieb reinen Menschenthums; aber dann auch sprudelt unsichtbar im Verborgenen der' Quell nationalen Lebens: in der Sprache, in der Kunstform, in der ganzen Art der Anschauung. Wo dagegen dieser Quell versagt, dort wird selbst das Glänzendste, was der Einzelne hervorbringt, die nachgebildete, die erborgte Form verrathen. Kann der moderne Jude, er sei auf welchem Gebiete, immer thätig, eines jener Momente sein Eigen nennen? Der Versuch, an unsere geschichtliche Vergangenheit wieder anzuknüpfen, bedeutet für das Judenthum nicht weniger als die Rückeroberung jener Kraft, die allein imstande ist, schöpferische Individualitäten hervorzutreiben. In die sem Sinne wollen auch wir mit Chamberlain von Rasse reden, oder präeiser vom Stamm, dem wir angehören. Wir Juden, meint Chamberlain, sind wieder zu alttestamentarischem Stolze erwacht. Was füllt ihm ein! Welch ein Volk von Schläfern wären wir, wenn dieses unser Erwachen wäre! Es will der Schlaf nur in der bis nun gewohnten \Teise nicht wieder sich einstellen. Doch schlummern wir noch halb. Aber auch den Halbschlummer beginnt ein Licht zu scheuchen, ein überhelles Licht! Noch ist es nicht die Sonne, die uns weckt. Ein erster Morgenflammenschein ist's, der vom Osten her über die Schläfer sich ergiesst. dass sie sich regen, dass sie sich recken, und halb erschrocken, halb verwundert die Augen öffnen und fragen: Wo sind wir? und was bedeutet das Licht, das flammend sich naht? Aber bis sie es erfahren werden, dass es die Morgemöthe ist i h r e r Zeit, dass es der Boden ist i h r e s Landes, müssen sie nicht bloss von Wundern im Schlafe träumen, sondern wachend selbst welche wirken: eigene Geisteskraft regen. Ich glaube, unsere Vergangenheit ist uns eine Gewähr hierfür, dass wir auch jetzt und in Zukunft Bedeutendes leisten könnten, vorausgesetzt, dass wir den Willen und Ernst hierzu haben. In welche]- Richtung und in welcher Weise .....- auch darauf könnte uns die Natur und die Geschichte unseres Stammes mehr als eine Deutung geben. Und nun, mein Freund, da ich dem Schlüsse zueile, möchte ich in einigen Worten mein Urtheil über die Ausführungen Chamberlains zusammenfassen. Ich will nur vorausschicken, dass ich an einer Frage, die von ihm mit der grössten Ausführlichkeit behandelt worden, mit Absicht vorbeigegangen bin. Das Verhältnis zwischen Judenthum und Christenthum habe ich nicht berührt, und zwar nicht, weil ich wenig, sondern weil ich im Gegentheil allzu viel darüber zu sagen hätte. Insoferne aber dieses Verhältnis das religiöse Problem der Gegenwart betrifft, will ich doch einiges bemerken. Wir, d. h. nicht etwa wir Juden allein, sondern wir alle, Kinder der Zeit, in der wir leben, wir fangen an einzusehen, dass die Religion nicht in die Rumpelkammer gehört, wohin sie viele unter uns verwiesen haben. Man war der Meinung, als müsste unter dem rasenden Zug moderner Ideen die Religion, zermalmt werden. Uebereifrige Glöckner zogen bereits die Todtenglocke . . . Aber Avas sie als das Ende der Religion ansahen, war bloss das Ende — einer Zeit. Auf der Grenzscheide zweier Jahrhunderte steht indes die Religion selbst in einer Gestalt wenigstens sichtbar vor unseren Augen, in jener schlichten Grösse und herzgewinneden Demiith, die ihrem innersten Wesen eigen ist. Die Gestalt Leo Tolstois bedeutet wieder einmal den Anfang einer religiösen Bewegung. Das Problem der Religion, aus dem engeren Kreise der Theologie mitten ins öffentliche Leben gestellt, wird Theologen und Laien mit alter, immer sich erneuernder Gewalt ergreifen. Und für die Religion findet auch Chamberlain ernste, tiefempfundene Töne. Wie falsch auch seine Auffassung ist in Bezug auf den religiösen Antheil des Judenthums, die Religion als Lebensmacht steht ihm ausser Zweifel. Mag er doch immerhin unserem Volke gerade diejenige Anlage absprechen, aus welcher die höchste conerete Form der Religion hervorgegangen ist. Wichtiger als die Bekämpfung derartiger Ansichten über die religiöse Bedeutung des Judenthums der Vergangenheit, ist unsere Stellung zum religiösen Problem in der Gegenwart. Denn es genügt nicht, wenn wir etwa als Apologeten unserer historischen Vergangenheit aus dem Kampfe mit unseren Gegnern siegreich hervorgehen. Auch sind es in Wirklichkeit nicht wir, die den Sieg erfechten, sondern die hehren Gestalten selber sind es, für die wir eintreten: ihnen allein gebürt der Sieg. Aber anders steht es mit der Gegenwart. Hier soll sich unsere eigene religiöse Kraft bethätigen und bewähren. Hier soll sich zeigen, ob in einer vielleicht nahen Zeit religiöser Spannungen, in einer Zeit, wo vielleicht wieder einmal die geistigen Geschicke der Mensehen und Völker sich entscheiden, wir Juden mit verschränkten Armen dem Kampfe als blosse Zuschauer anwohnen werden. Ist es wahr, was wir sagen, dass in jener Gestalt die Religion in ihrer höchsten Entfaltung sich darstellt, so müsste sieh, auch in uns, trotz dem ungeheuren Abstand der Zeiten, trotz unserer historischen Entartung, etwas von ihrer Kraft, etwas von ihrem Geiste erneuern: denn sie sind uns nahe, und wir sind Blut von ihrem Blute. Und können wir Ejngonen nie mehr werden, was jene gewesen sind, so müsste doch der Funke ihres Geistes, wenn er in uns lebendig würde, genügen, um in unseren Seelen ein Feuer zu entfachen, dem wenigstens gleich, das wir in den religiösen Gestalten lodern sehen der Völker, in deren Mitte wir leben. Der religiöse Genius des Judenthums hat lange genug geschlummert; es ist an der Zeit,, dass er erwacht. Vor dem Löwenkäfig. (Ans dem Englischen des Israel Zangwill übersetzt von Berthold Feiwel.) Gespenstig durch die Gassen irren ISTebelschaiier, Und Hegen wölken hangen nieder, schwer und müd, Jäh stirbt die Lebensfreude, elf sie noch erblüht, Aus allen Erdenporen strömt die ew'ge Trauer . . . Ihr Tropenkinder, die des Nordens Frost durchscliauert, Aucii ich will Sonne, der, wie Ihr, zum Sclaven ward! Mein Herz versteht Dein Weh — ich bin von Beiner Art, JDu armer König, der im Käfigswinke! kauert,