Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 36 (6.9.1901)
- Article
- Die Congresstribüne
- Date
- 1901-09-06
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Die & Welt" ■vi Nr. 36 die weiteste Gelegenheit gegeben, zu sprechen, anzuregen, zu fördern. Jeder, der etwas Ganzes und Echtes zu sagen hat, welcher Art es auch sei, ist willkommen. Die Schranken sind geöffnet. Es lebe der fruchtbare Kampf! Bal-uch: Der fünfte Zionisten-Congress. Das Actions-Comite hat den fünften Congress für die Tage vom 26. bis 29. December 1901 nach Basel mit folgender Tagesordnung einberufen: I. Tag (Donnerstag): A. Vormittagssitzung, 10 Uhr: I. 1. Eröffnung des Congresses durch den Präsidenten des Actions-Comites. II. 2. Wahl des Legitimations - Ausschusses, des Gongressbureaus und der übrigen Ausschüsse. III. 3. Geschäftsordnung. IV. 4. Rechenschaftsbericht des Actions-Comites: a) Allgemeiner Theil, b) Cassabericht. B. Nachmittagssitzung, 4 Uhr: V. Discussion über den Rechenschaftsbericht. II. Tag (Freitag): A. V o rmit t ags si tz u n g, 10 Uhr: VL Fragen der körperlichen, geistigen und wirtschaftlichen Hebung der Juden: Generalreferent : Dr. Max Nordau, a) Allgemeiner Theil, b) Specieller Theil : 1. der körperlichen Hebung. 2. der geistigen Hebung: «) Jüdische Geschichte,Literatur und Sprache, ß) Jüdische Kunst, r) Jüdische Wissenschaft, o) Volksbildung und Volkserziehung. 3. der wirtschaftlichen Hebung. Die den Referaten folgende Discussion wird an diesem Tage bis 3 Uhr nachmittags ohne Pause fortgesetzt werden. III. Tag (Samstag): Abendsitzung. Beginn 6 Uhr: VII. Organisation. (Referate und Discussion.) IV. Tag (Sonntag): A. Vormittagssitzung, 10 Uhr: VIII. 1. Nationalfond. IX. 2. Die Jüdische Colonialbank. B. Nachmittagssitzung, 4 Uhr: X. 1. Bericht der ständigen Ausschüsse. XI. 2. Wahlen des Actions-Comites und der Commissi onen. XII. 3. Initiativanträge und Eventualia. Die Namen der einzelnen Referenten werden spättr verlautbart werden. Eine Ghettostimme Uber den Zionismus.-) Von Dr. Max Mandelstamm (Kiew). Jedesmal, wenn ich über den Zionismus reden soll, besohleicht mich ein Gefühl der Beklemmung und des Unbehagens. Unsere Gegner sind, trotz allein, nicht zu bekehren; unsere Anhänger bedürfen kaum einer neuen Anregung; die grosse Zahl meiner Glaubensgenossen, welche von der zionistischen Bewegimg schlecht oder überhaupt *) Aus der jüngsten Nr. von „Ost und West". nicht unterrichtet ist, kümmert sich, viel eher um. die Zahl der bei den Buren erbeuteten Binder und Transport-Wagen oder der auf Geheiss der culturspendenden Mächte aufge- : schlitzten Mandarinen-Bäuche, als um das Schicksal ihres eigenen Stammes, und nimmt kaum , ein Blatt zur Hand, welches das Leben und Treiben desselben bespricht. Nichtsdestoweniger aber erfülle ich meine Pflicht und rede. Die zionistische Bewegung ist eine jüdische Volksbewegung, die immer grössere Kreise um sich -zieht. Das Anwachsen derselben unterliegt nicht dem geringsten Zweifel und kann, wenn nöthig, statistisch erhärtet werden. Es wäre mithin ebenso widersinnig, den Beweis ihrer Existenz-Berechtigung zu verlangen, wie es widersinnig wäre, vom Wildbach zu verlangen, dass er nicht eher den Berg herabstürze, bis nicht der Beweis erbracht sei, dass da unten im Thal für ihn ein Flussbett in Bereitschaft liege. Der Zionismus existierte und existiert, ohne uns erst um unsere Einwilligung zu fragen. Der Zionismus hat seine Führer geschaffen und nicht umgekehrt. An uns liegt es nur, nachzuweisen, warum er entstanden und vorhanden, ebenso wie es Sache des Naturforschers ist, dem mächtigen Schneefeld auf hohem Berg nachzuspüren, das den Ursprung und Sturz des Wildbachs bedingt. Der Zionismus ist eine historische Notwendigkeit. Er ist die Nothwehr eines Volkes, welches nicht sterben will und dennoch nicht leben kann, falls es unter jetzigen Verhältnissen weiter fortvegetieren müsste. Er bricht sich Bahn über Stock und Stein, über Geröll und durch Geklüft, und schafft sich ein Flussbett kraft des Gesetzes der Schwere und des geringen Widerstandes. Die zweck- und ziellose Auswanderung der Juden nach aller Herren Ländern, welche facti sch seit zwanzig Jahren vor sich geht, hat die unglückselige Judenfrage nicht nur nicht gelöst, sondern selbst da aufgerollt, wo sie bis nun entweder in geringem Masse oder gar nicht vorhanden gewesen; diese Auswanderung soll durch den Zionismus in eine zielbewusste, allmähliche Besiedelung Palästinas, ihres einstigen Heimatlandes, umgestaltet werden. Anstatt überall eine beherrschte, geknechtete Minderheit zu sein, sollen die Juden auf eigenem Boden eine freie Mehrheit, in die Zahl anderer, sich selbständig auslebender Culturvölker eingereiht werden, dadurch die ihnen gebürende Achtung sich verschaffen undindirect d i e Lage und Stellung derjenigen Glaubensgenossen aufbessern, welche in ihren jetzigen Vaterländern zurückbleiben wollen und werd e n. Der Zionismus verlangt nicht, dass die 10 Millionen Juden, die auf der ganzen Erdkugel zerstreut leben, sämmtlich nach Palästina übersiedeln, sondern dass die 10 Millionen Juden der ganzen Erdkugel denjenigen zahlreichen Stammesgenossen helfend beispringen, welche, unter den unmöglichsten Verhältnissen lebend, moralisch, geistig und körperlich verkommen müssen und zu Parias herabgedriiekt werden. . . . Es hiesse die Geschichte der Juden verleugnen, ihr Martyrium in Vergangenheit und Gegenwart gänzlich ignorieren, wollte man — wie es leider bis jetzt geschieht! — den Zionismus als Verrücktheit, zum mindesten als Utopie stempeln und verschreien. Viel eher klingen utopistisch die Hoffnungen unserer gegnerischen Glaubensgenossen, die m ihrer Naivetät von der alleinseligmachenden Cultur das Verschwinden nationaler und religiöser Vorurtheile mit solcher Sicherheit erwarten. Cultur und moralischer Fortschritt bedingen sich gegenseitig durchaus nicht; während von ersterer mit grösster Entschiedenheit behauptet werden kann, dass sie Kiesenfortschritte macht, lässt sich von der letzteren überhaupt nicht sagen, welche Richtung ihre Magnetnadel einschlägt; und nur von moralisch geläuterten, nicht aber von bloss culturell fortschreitenden Völkern ist ein gerechter Ausgleich nationaler und religiöser Gegensätze zu erwarten. Sonderbarerweise waren