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Die Welt · 1901-08-30 · 35 (30.8.1901) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
35 (30.8.1901)
Article
Zweierlei Juden
Date
1901-08-30
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 „Die # Welt*' Nr. 35 ponthal endlich erhob und dadurch das Zeichen gab, dass das Souper beendet sei. Die Pierren eilten, um ihre Cigarren anzubrennen, und die Damen verfügten sich in den Salon, wohin ihnen alsbald auch einige mi'.nnliehe Gäste folgten. Am meisten beschäftigte man sich hier mit der Gräfin Bernardi, der einzigen Aristokratin, die erschienen A\ar, denn die Grafen Bullenstein und Lohenberg, die Barone Kniern und Hild hatten ihre Gattinnen daheim gelassen. Es genügte, wenn sie selbst sieh so weit erniedrigten und ihrem Freunde, dem Grafen Brandt zuliebe, unter den Juden erschienen. Gräfin Bernardi, welche die Geliebte Eulerns war, auch sonst in der Aristokratie nur so hinterher trabte, war auf Graf Brandts dringenden Wunsch von ihrem Geliebten veranlasst worden, bei Tulpentha'is 7\i erscheinen. Sie wurde wie eine Königin gefeiert. Alle übrigen Damen hatten bloss für sie Augen und Ohren, alle drängten sich an sie heran, denn es geschah zum erstenmale, dass sie einen ganzen Abend mit einer Gräfin verbringen durften. Eine wollte die andere an Feinheit, Eleganz und aristokratischen Allüren übertreffen, und so geschah es, dass sie zudringlich wurden, einander überschrieen und der armen Gräfin derart zusetzten, dass sie hilflos um sich blickte. Schliesslich wurde sie von Gräfin Mary entführt. Sie rettete sie in eine Sopbaecke und pflanzte sich derart vor sie hin, dass ihr die übrigen Frauen nicht mehr an den Leib konnten. Nun mussten sich die Damen nach einer anderen Unterhaltung umsehen. Frau von Hess, eine grosse, schlanke Dame mit gelbem Haar, kokettierte mit dem Grafen Brandt, obwohl sich Emmy fortwährend an seiner Sejte befand. Es wäre ihr eine zu grosse Genugthuung gewesen, Emmy eifersüchtig zu sehen und den anderen Frauen ihren Triumph zu zeigen. Da es ihr mit den Augen nicht gelang, den Grafen anzulocken, versuchte sie es mit den Füssen. Sie setzte sich ihm derart gegenüber, dass er nicht allein ein ziemlich grosses Stück ihrer weissen Spitzen]oupons, sondern auch ihre schwarzseidenen durchbrochenen Strümpfe zu sehen bekam. Durch ihre Augen dirigierte sie seine Blick auf das, was sie ihm zeigen wollte. Er folgte ihren Augen und verstand. Er vertraute Emmy seinem Freunde Eulern an und verfügte sich zu Frau von Hess. Er unterhielt sich zehn Minuten mit ihr, und sie versprach, ihn am nächsten Nachmittag um fünf Uhr in seiner Wohnung zu besuchen. Natürlich in allen Ehren,, sie wollte bloss seine Bilder besichtigen. Baronin Singer, eine bleiche verschüchterte Frau, sass stumm in einer Ecke. Ihr Gatte war ein bekannter rücksichtsloser Grobian und jagte ihr so grosse Furcht ein, dass sie sich schliesslich vor allem und jedem fürchtete. Um ihre Furcht zu verbergen, wurde sie, gewaltsam in ein Gespräch gezogen, ganz sinnlos lebhaft und schwatzte Dummheiten, worüber sie dann derart erschrak, dass sie plötzlich verstummte und rathlos, mit Timmen in den Augen, um sich blickte. Frau Eisenberg, eine wunderschöne, sympathische Erscheinung, setzte dem Grafen Lohenberg französisch zu. Sie sprach leidenschaftlich französisch, weil sie, wenn sie deutsch sprach, zu sehr verrieth, dass sie aus Galizien stamme. Da war ferner Frau Aepfelstanun, die auf eigene Kosten eine katholische Mission ausgestattet hatte, in allen Kirchen zu sehen war und cie antisemitische Propaganda unterstützte. Sie erklärte es als den Fluch des Lebens, Jüdin bleiben zu müssen, rächte sich aber, indem sie von den Juden überall Schlechtes sprach, ihnen das Allerärgste insinuierte und einmal sogar behauptet hatte, ihrer Ueberzeugung nach schlachten die Juden thatsächlich zu Ostern Christenkmder. Eine der sympathischesten Damen der Gesellschaft war Frau Blühdorn, die einzige Jüdin der Hauptstadt, die zuweilen in ein aristokratisches Haus geladen wurde, die man selbst auf der Strasse hie und da in der Gesellschaft einer Aristokratin bemerkte. Dafür galt sie auch als das Orakel der reichsten Jüdinnen. Alles drängte sich zu ihren Abenden, jede fühlte sich geschmeichelt, wenn sie ötfentlich mit ihr erscheinen durfte. Dabei wusste jede Einzelne ganz genau, weshalb Frau Blühdorn hie und da in aristokratische Kreise geladen wurde, wodurch sie unter den reichen Jüdinnen der Hauptstadt eine Sonderstellung einnahm. Diese nicht besonders schöne, doch sehr distinguierte und elegante Frau war stets die Geliebte irgendeines Aristokraten, und zwar immer eines älteren, ein flussreichen. Man kannte alle Männer, die ihre Gunst genossen; os waren mindestens zwanzig. Den einen hatte sie drei Monate, den anderen ein Jahr lang an sich gefesselt gehabt, je nach der Zahl der Einladungen, die sie durch ihn zu aristokratischen Festen erhalten hatte. Nahezu zwei Jahre lang war sie die Geliebte eines sechzigjährigen Fürsten gewesen, eines Mannes, der mit einer ekelerregenden Krankheit behaftet war, aber er besass ungeheueren Einiluss, sein Wort genfigte, um ihr die Thüren jedes aristokratischen Hauses zu öffnen. Und sie erschien in diesen Häusern an der Seite ihres Mannes, eines selten gutmüthigen kleinen Millionärs, r.nd wusste sich durch ihre discrete Bescheidenheit so beliebt zu machen, dass sie auch auf der Strasse, beim Wettrennen, von den Aristokrat innen gegrüsst wurde. So war sie der Stolz, das Ideal der millionenreichen Jüdinnen der Hauptstadt geworden. Erwähnenswert wäre noch die kleine, bleiche, schmächtige Frau v. Pollalc. Krankhaft zart, als ob sie stets in Baumwolle gehalten werden müsste, war sie strickgrob wie ein Kutscher jedem Juden gegenüber, an den sie nicht Rücksichten der Verwandtschaft oder Bekanntschaft banden. Sie hatte einer armen schwangeren Jüdin, der sie einmal auf der Treppe ihres Hauses begegnete, einen solchen Stoss versetzt, dass diese noch auf der Treppe frühzeitig niederkam. Einem hochtalentierten jungen Schriftsteller, einem Juden, hatte sie auf der Strasse das Wort „Schwein" zugerufen, weil ei nicht rasch genug auszuweichen vermochte, und eine für ihr Töchtcrehen engagierte Erzieherin warf sie am ersten Tage eigenhändig aus dem Hause hinaus, weil sie erfahren hatte, dass sie Jüdin sei. Alle diese Damen amüsierten sich in verschiedener Weise. Einige versuchten mit den anwesenden Aristokraten eindringlich zu kokettieren, einige, die hässlich oder bereits zu alt waren, begnügten sich damit, die Hübschen zu verlästern. Emmy Tulpenthal war neben der Gräfin Bernardi die hervorragendste Person des Abends. Sie strotzte vor Glück, ihre Augen glänzten und ihre Wangen waren roth vor Erregung. Wenn sie am Arme des Grafen Brandt einhergieng, schmiegte sie sich an ihn, was den Neid aller anwesenden Damen erregte. Sie war so gut wie seine Verlobte, die "Verlobte des Grafen Brandt, der in der Aristokratie für vollwertig galt, mit Prinzessinnen und Oberhofmeisterinnen verschwägert war! Ist sie denn eine besondere Schönheit? Sie besitzt eine gute Gestalt, ein hübsches Näschen und einen kleinen Mund, allein aristokratisch ist ihre Erscheinung nicht, obwohl man ihr heute in diesem einfachen weissen Kleide eine gewisse ruhige Eleganz nicht absprechen kann. Auch hat sie es vermieden, Juwelen angelegen. Ja, sie spielt sich bereits auf die Aristokratin hinaus. Ihr Name wird glänzen, sie hat es nicht nötnig, sich mit Juwelen und erlesenen Toiletten zu schmücken. Frau von Tulpenthal trug ein goldschimmerndes Brocatkleid, lange Smaragdbommeln i n den Ohren und fünf Reihen Perlen und zwei Reihen Brillanten um den mageren Hals. Ihre spitzen Schultern ragten aus dem decolletierten Kleide heraus, dabei lief sie mit dem Lorgnon vor den Augen von einer Gruppe zur anderen, um zu fragen, ob die Herrschaften genug Zucker und Rum im Thee hätten, und ertheilte den Lakaien so laute Befehle, dass ihre Stimme im Saale widerhallte. Mary hatte sich völlig der Gräfin Bernardi gewidmet. Sie sass, den Oberleib zurückgelehnt, die hübschen Füsse gekreuzt vorgestreckt, in einem Fauteuil, spielte mit ihrem Fächer und machte sich über die anwesenden Juden lustig. Sie wusste allerlei drollige Dinge: Die schöne Frau Eisenberg, erzählte sie der Gräfin Bernardi, hat einmal ihren Papa aus ihrem Hause weisen lassen. Sie hatte Jour fix und es waren auch einige Christen anwesend. Als,man nun nichts ahnend bei Tische sass, erschien plötzlich ihr Papa, der in Galizien. daheim ist. Und er trug einen Kaftan, der Herr Papa, und von reinen Schläfen baumelten zwei ausgewachsene Stöpselzieher nieder. (Fortsetzung folgt.) Spenden. Für die Colonie „Bene Jehuda" : Sammlung der „Israelit. Rundschau", Berlin K 144.16, L. Schallt, Steinhaus K 2.—-, Sammlung bei der Hochzei Reicher mit FrL Jenny Rosenbaum, Bielitz K 2.—. Zusammen K 148.16. Für die Arbeiter in Palästina: Sammlung bei der Hochzeit Reicher mit Frl. Jenny Rosenbaum K 2.—. Für zionistische Zwecke: Alfred Stand, Lemberg K 4.—, Isidor Grupper anlässlich seiner Verlobung mit Frl. Louise Fränklin Botosani K 19.03. Zusammen K 23.03. Für die National-Bibliothek in Jerusalem. David Jäckel, Philadelphia K 2.45. Für die rumänischen Juden: Frau Florentine Levy, Heilbronn K 11.72. Für die Rosa Kollmann-Stiftung: Sammlung bei der Hochzeit Reicher mit Frl. Jenny Rosenbaum in Bielitz K 2.—, David Jäckel, Philadelphia K 2.45, Jüd. akad. Ferial-Verb. „Achiwah" m Strassnitz K 3.30. Zusammen K 7.75. Briefkasten- „Ächiwah" in Ungarisch-Hradisch: jur. Bela F e Isenburg, Öainfahrn bei Vöslau, Hotel Grabner. E. S. in Berlin: Wasserheilanstalt Dr. Konried, E d 1 a c h bei Reichenau, Niederösterreich.

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