Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 35 (30.8.1901)
- Article
- Breslauer Brief
- Date
- 1901-08-30
- Page
- 12 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 12 „Die £' Weit Nr. 35 Das ist nun einmal des deutschen Juden Logik! Warum? Aus Furcht, es könnte schlimmer kommen. »Ja. Furcht ist überhaupt eine Eigenschaft unseres deutschen, überhaupt westeuropäischen Durchschnittsjuden. Sie ist angeerbt, sie stammt noch vom Ghetto her. Sie können sich nun einmal selbst an die halbe Freiheit, die die meisten für die ganze halten, nicht gewöhnen. Sie haben immer noch Angst, anzustossen, etwas zu verlieren. Was ist es weiter als blasse Furcht, w7enn man krampfhaft bemüht ist, den guten alt-ehrlichen jüdischen Namen gegen den erst-besten arisch-klingenden einzutauschen? Wieviel Petitionen gelien da an Minister und Regierung? Und wie häufig liest man in den Zeitungs-Annoncen, dass „völlig unbescholtene Herren gegen Entschädigung adoptiert zu werden wünschen". In 00 von 100 Fällen sind das feige Juden, und es gibt Arier genug, die sich ein Geschäft daraus macheu und sich ein hübsches Vermögen versebaffen, dadurch, dass sie ein Dutzend strebsamen jüdischen Jünglingen zu arischen Namen verhelfen. Warum aber lassen jene denn sich nicht gleich taufen? Ja, wenn die Angst vor den E!tern oder dem Hergott oben nicht wäre, oder wie sie es nennen: Pietät . . . Und die Kinder, die erhalten auch ohnedies urteutonische Namen. Musste man sich nicht freuen, als es im „Ueberbrettl" so köstlich verspottet wurde, dass Herr Isidor Golden stein seine Kinder Pa rzival und D r u n h i 1 d e nennt? O, -das wirkt erziehend; ich kenne einen Fall, wo ein eben glücklich Vater Gewordener, als er dieses Lied vortragen hörte, seinein Sohn sofort einen andern Namen gab, als er ursprünglich beabsichtigt hatte. Aber das alles würde wenig zu bedeuten haben, wäre nicht noch ein anderes: dass geistig bedeutende Juden uns immer mehr durch die Taufe verloren gehen. Wie viele getaufte Juden zählen wir noch unter den Männern der Wissenschaft der letzten 50 Jahren? Ist da wo ein junger Jude, der befähigt scheint, etwas leisten zu können, da wird ihm schnellstens nahegelegt: Tritt über und Du erreichst alles. Und die meisten sind kleinmüthig genug, es zu thun. .Man sage nicht: Diese Leute sind es nicht wert, dass wir ihnen eine Tbräne nachweinen. Wir können uns leider diesen Luxus der achselzuckenden Verachtung nicht leisten. Unsere reichen Juden könnten da auch ihr eigenes Interesse mit dem des Judenthums verbinden. Dann brauchten sie ihre Töchter nicht getauften Juden zu geben. Denn seltsam: gar viele von diesen Gelehrten jüdischer Abstammung entdecken plötzlich ihi' jüdisches Herz, wenn sie heiraten wollen. So wird erst ganz neulich ein solcher Fall aus Süddeutschland gemeldet, wo die Tochter einer sehr bekannten jüdischen Wohlthäters zu einem jungen Professor jüdischer Abkunft Liebe gefasst hat. Ob sie ihn wohl weniger geliebt hätte, wenn er heute noch Jude und darum nicht Professor wäre? Ihr Vater aber ist ein bekannter Gegner des Zionismus, deutscher Jude nur jüdischen Glaubens. So geht der deutschen Juden Geist verloren, Geld verloren. Ehre verloren. Wann werden sie zur Einsicht kommen? Das Erbe. In unsYer Seele schlummern schwere, Viel hu n (1 er jähr *ge Schi n erzen s wei sen, Die jäh aus ihrem Schlaf aufschrecken. Will uns're Freude "mal entgleisen. Das sind die nie geweinten Thränen, Die Judenmütter sich verwanden, Wenn ihre Söhne stolz den Helden- Tod. für Gott und Yolkschaft fanden. Berlin. Theodor Zlocisti. An Mirjam. Von Robert Jaffe. Lasset uns so hoch wohnen, dass die Scheitel der Berge vor den Fensterchen unserer Hütten mit unseren Augen auf einer Fläche liegen! Wir wollen der goldenen Sterne nicht vergessen, die über uns an dem blauschwarzen Firmamente strahlen! Lasset nns nicht allein den iYJenschlein gleichen, sondern auch den majestätischen Vögeln! •ä- Nicht nach d e r Sonne sehnen wir uns, die durch halb geöffnete Fensterladen ihre hellen, von den Schatten der Hausrathsgegensliinde abgegrenzten, krausen Lichtnäehen auf dem getäfelten 1 Joden der Zimmer abzeichnet, sondern nach der Sonne, die einem goldgepanzerten jungen Bitter gleicht, der mit einem breiten, kreisrunden goldenen Schilde, den er vor sich hält, hinter den Bergen Ii er auf steigt! * Wie ergreifend, wenn die Felsengebirge die Linien ihres Saumes gegen den nahen, blauen Himmel abzeichnen! Das Meer und die Berge mit dem wundersamen, leisen Eindruck, den sie wie einen gewissen keuschen Stempel auf das Herz pressen, gestatten nicht, dass Du kleinmüthig unter den Menschlein wandelst! ♦ So ist die Grösse der Seele eine Gabe und Gnade, dass sie uns aufstachelnd über unseren Willen selbst hinausträgt! Auch wenn unser bewusster Sinn und Wille kleinmüthig ist, trägt uns die Grösse der Seele in schönem, elastischem Schwünge zu hohen Gipfeln! Auch wer den grossen Sinn seinen Ansprüchen auf ein irdisches Lebensglück unterordnen wollte, könnte es nicht! * Das Grosse ist das Ewige, und ein schwacher Anhauch von Glosse, der noch nicht einmal zum Sturme, ein flüchtiger Flainn.enschein von Grösse, der noch nicht einmal zur Feuersbrunst werden will: etwas trägt er in sich, dessen Spuren noch nach Ewigkeit aufgefunden werden können. Die auf der niedersten Stufe an dem Aufgange zum Gefühl der Grösse stehen, wie sind sie allen denen doch noch unermesslich überlegen, die nur die kleine, eigennützige Klugheit kennen! Psalm 137*) (Aus „Ost und West'4.) Weinend sassom wir an Babels Wassern, sehnsuchtzitternd schaute Fnser Herz gen Zion--stumm hieng An den Weiden uns're Harfe: Frohsinn wollt ihr sehn, ihr Wächte]'? Zions Lieder wollt ihr hören? — Ximm crmehr im fremden Lande Tönt das Preislied unseres Gottes! Lechzend klebe mir die Zunge An dem Gaumen, und es welke Meine rechte Hand, vergäss' ich Jemals Dein, Jerusalem. — Mög* auch Gott nicht Dein vergessen, Kdom, und Vergeltung üben Für den Tag Jeruscholajims, Das in Trümmer Du verwandelt, Und da unserer Kinder Hardter Lachend Du am Stein zerschmettert-- — Heil dem, der Vergeltung übet Auch an Dir einst, Tochter Babels. E. Simonson. *) Im Versmass der bekannten Heine'schen (dritten) Strophe übersetzt.