Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 35 (30.8.1901)
- Article
- [Ohne Titel] / -z. -l.
- Date
- 1901-08-30
- Page
- 11 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 35 „Die 2& Welt" Seite 11 blossstellte. Das Blatt erhielt nun von unserem Gesinnungsgenossen Herrn Emanuel Liebermann in Vajdäcska eine berichtigende Zuschrift, die es in anerkennenswert loyaler Weise vollinhaltlich abdruckte. In dem Schreiben heisst es u. a.: „In Ihrer Nummer vom 13. August erschien unter der Ueberschrift „Ein Land auf Actien'' ein mit dem Signum „Nemo" gezeichneter Artikel, den ich als guter Patriot und ebensolcher Zionist nicht ohne Bemerkung lassen kann. Der Schreiber des erwähnten Artikels beschäftigt sich mit dem Zionismus, einer BeAvegung, die in kurzen fünf Jahren das ganze Erdenrund umkreist, in allen Welttheilen zahlreiche begeisterte und opferwillige Anhänger gefunden hat und auch jetzt in immer grösserem Masse in unvoreingenommenen christlichen wie jüdischen Kreisen die Herzen gewinnt. Es wäre also von dem Artikelschreiber zu erwarten gewesen, dass er, wenn er schon nicht die Einzelheiten dieser Bewegung kennt, wenigstens ihr Wesen kennen lerne. Leider äussert sich aber in seinen Zeilen eine solche Unkenntnis, dass ich mich geradezu genierte, just in diesem Blatte, das doch sonst sehr sachlich zu sein pflegt, und just aus der Feder dieses Schriftstellers, der meist richtige und wohldurchdachte Urtheile fällt, diese Zeilen lesen zu müssen. Ich will mich nicht auf die Widerlegung aller seiner Behauptungen und Sophismen einlassen, weil ich befürchte, weitschweifig zu werden. Jedoch muss ich die Anschauung, die sich in folgendem Satz wiederspiegelt: „Das glauben wir zwar nicht, dass der Jude sich aus seinem Vaterlande gar sehr hinaussehnte und für diesen Zweck bereitwillig in die Tasche griffe" — die Anschauung also, als machte der Zionismus irgend jemanden zur Pflicht, sich aus seinem Vaterlande hinauszusehnen, muss ich entschieden zurückweisen. Der Zionismus hat von allem Anfang von keinem einzigen Juden etwas anaer es verlangt, als dass er helfe, denjenigen Theil seiner Stammesgenossen, dem man in seinem Geburtslande weder bürgerliche noch auch nur Menschenrechte gewährt, den man weder leben noch sterben lässt, vor dem endlichen Ruin, vor körperlicher und geistiger Verkümmerung zu retten, und zwar dadurch, dass er die Gründung einer gesicherten Heimstätte für diese Unglücklichen materiell und moralisch fördere. Ich kann entschieden behaupten, dass niemand irgendeine zionistische Zeitung oder sonstige Druckschrift aufweisen kann, die zur Auswanderung aufforderte. Immer ist nur davon die Rede, dass für diejenigen Juden, die aus ihrem Geburtsland hinausgedrängt werden und nirgends Einlass finden, eine bessere, hoffnungsvollere Heimat geschaffen werde. Es ist absolut nicht zulässig, dass man auch nur einem einzigen ungarischen Juden unpatriotische Gesinnung vorwerfe, weil er seinen nothleidenden russischen, rumänischen und polnischen Stammesger ossen verhelfen will, sich im Schweisse ihres Angesichtes von ihrer eigenen Hände Arbeit zu ernähren und zu selbstbewusston Menschen zu werden. Ich berufe mich gar nicht auf einzelne englische und ungarische hochachtbare Persönlichkeiten, deren Patriotismus selbst die tollkühnste Böswilligkeit nicht in Zweifel ziehen kann, trotzdem sie sich zur Idee des Zionismus bekennen, dessen Fortschritt nach Möglichkeit fördern und die Verwirklichung seiner Ziele herbeisehnen. Vielmehr empfehle ich das stenographische Protokoll des vierten Zionistencongresses der Aufmerksamkeit des Artikelschreibers. Er kann sich daraus, wie aus den sonstigen zionistischen Druckschriften überzeugen, dass von dem zionistischen Juden nicht mehr und nicht weniger gefordert wird, als dass er seine menschliche Natur nicht unterdrücke und nicht verleugne, d. h. dass er sein Judenthum nicht verheimliche, sich seiner Abstammung nicht schäme, die Geschichte seines Stammes eingehend kennen lerne, den Ideengehalt, die ideale Weltanschauung und beispiellos menschenfreundliche Auffassung des Judentums in sich aufnehme und zur Herbeiführung einer besseren Zukunft für seine unterdrückten Stammesgenossen kleine pecnniä.re Opfer bringe." Der Artikelschreiber, von dem die Rede ist, bemerkt zu dieser Zuschrift u. a., Herr Liebermann habe ihn missverstanden und habe, das als Ernst hingenommen, womit der Artikel Schreiber bloss die Argumentation des trivialen Strassenantisemitismus enwilderen wollte. Im übrigen unterschreibe er jedes Wort des Horm Lieber m a n n und begf üsse dessen patfiotiseme, etile Gesinnung. —% —1. Breslauer Brief. Von Ben Elia. Die jüdischen und liberalen deutschen Zeitungen freuten sich dieser Tage unbändig, folgende Notiz geben zu können: „Ueber das Schicksal des Antisemitismus äussert sich in einem Flugblatt der Schriftsteller Wilberg in nachstehender Weise: Seit 16 Jahren stehe ich in der Berliner antisemitischen Bewegung und bin als Redner unserer Sache in Berlin wohl der einzige, der die Zeit von Henrici bis heute nicht nur mit gesehen, sondern auch mit durchgelebt hat. Von Henrici bis heute! Jeden ehrlichen Antisemiten packt ein ingrimmiger Zorn, wenn er diese Zeit zurückdenkt, und wer nun gar 18 Jahre hindurch seine Lunge, seine Gesundheit, seine Existenz und einen nicht unbeträchtlichen Theil seines Geldes geopfert hat, der möchte verzweifeln, wenn er sieht, wie bisher alles umsonst war und wie wenig wir in so langer Zeit erreicht haben . . . Hätten wir nur stets eine Sache im Auge gehabt, so wären wir heute wohl die mächtigste und einflussreichste Partei im ganzen Lande. Aber leider haben wir gar zu oft die Personenfrage statt der Sache in den Vordergrund gestellt. End gerade daran mussten wir immer und immer wieder scheitern. Keine einzige Partei hat so viele Gaukler und Schaumschläger in ihren Reihen gezählt, wie die unsrige, und keine Partei hat sich von Phrasenhelden und elenden Speculanten nasführen lassen, wie die antisemitische." Du heilige Einfalt! Als ob damit der Antisemitismus todt wäre. Was die Notiz besagt, hat weder den Vorzug, etwas Neues noch von irgend welcher Bedeutung zu sein. Wir kennen schon längst die edlen Charaktereigenschaften der antisemitischen Wortführer, aber wiegen ihre Worte darum weniger? Kommen sie darum weniger den instinetiven Gefühlen des Volkes entgegen? — Und wenn auch das wüste Geschrei gegen die Juden in Deutschland vorläufig etwas nachgelassen hat — es wird zu geeigneter Zeit schon wieder laut genug zu hören sein — der eigentlich viel schlimmere stille Hass gegen die Juden macht sich in allen Gesellschaft sschichten mehr denn je bemerkbar. Es ist nicht zu leugnen, dass in den letzten Jahren in Deutschland eine fast völlige Absonderung der Jude" von den Christen gesellschaftlich erfolgt ist. Gewiss ist sie n'.cht von Juden herbeigeführt worden. Sie haben es recht bitter empfunden, dass sie ihnen aufgenüthigt wurde. Vielleicht not h in den Kreisen der höchsten jüdischen Geldaristokratie finden wir christlichen Verkehr, dann durch einige Odd Fellow- und ähnliche Logen, die zugestandenerinassen mindestens 80% Juden haben, die so für allgemeine .Menschenverbrüderung wirken. Man kennt einander gar nicht mehr. Das fiel mir ganz besonders auf, als ich neulich Gelegenheit hatte, in kurzen Intervallen verschiedene Bücher i.uclerner deutscher Autoren jüdischen Stammes zu lesen. Selbst wo sie es gar nicht wollen, schildern sie ein jüdisches Milieu und vor aliem jüdische Charaktere. Die Psychologie des Christer ist ihnen fremd. Und so geht es jedem von uns. Wir fällen Urtlieilö über irgend welche seelische Vorgänge, stellen das als eine allgemeine menschliche Erscheinung oder als Seelenleben des Deutschen hin und sehen schliesslich bei genauer Ueberlegung, dass wir den Deutschen gar nicht kennen, dass wir aus dem Empfinden " :es Juden heraus geurtheilt haben. Es kann ja auch gar nicht anders sein. In der Schule schon haben die christlichen Schüler ihre Geheimnisse vor uns gehabt, wir kannten sie alle als Antisemiten, sie mieden uns, wenn sie uns nicht gerade brauchten. Der junge christliche Kaufmann ist im antisemitischen deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverband oder er agitiert — wenige nur, meist sind es Juden — für die Socialdemokratie. Der christliche Student aber darf doch schon von Verbindungswegen keinen Juden kennen. Ist einer einmal nicht Antisemit, zumindest Asemit, so möchte man es gar nicht glauben und traut nicht recht. Gibt doch auch der heutige Durchschnittsjude in Deutschland im "Verkehr mit seinen Leuten es ohne Weiteres zu, dass er a priori jeden Christen für einen Antisemiten hält. Zeigt es mal emer nicht, so sucht man schnellstens nach den egoistischen Motiven, dio Ihn dam reranlassen, soine wahre Gesinnung zu rerbergen. Aber *rt der Oüfl'entlichkoifc, da muss man dtm Schein wahren.