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Die Welt · 1901-08-30 · 35 (30.8.1901) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
35 (30.8.1901)
Article
Zum Stiftungsfest der "Ivria"
Date
1901-08-30
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10 „Die $ Welt" Nr. 35 Wenn man von der „Ivria" spricht, darf man nicht vergessen, von ihren geselligen latenten zu erzählen. Die ganze Anlage dieser jungen Menschen, die aus Mähren und Schlesien kommen, neigt stark zum Gefühlsmässigen. In relativer Freiheit aufgewachsen, haben sie eine ruhige Sicherheit im Auftreten, die man bei ihren Collegen aus dem Osten seltener findet. Fest und ruhig in ihrem Gehaben, sind sie es auch in ihrem Wesen. Sie sind daher auch empfänglicher für Geselligkeit, für Musik und Sang und allerhand Heiterkeiten. Das ernste und heitere jüdische Kind war immer bei der „Ivria" zuhause. Mit grosser Freude denken die Freunde der Verbindung an manchen wunderschönen Abend zurück, den sie bei Commersen oder auf der ,.tJndev< der „Ivria" im Kreise der treuen „Burschen'' verbrachten. Mitglieder der Verbindung haben jüdische Melodien geschaffen, die man nicht ohne Rührung hören konnte. Wie oft aber erklangen im ('."höre heitere Lieder, die „Ereignisse im Zionismus" behandelten. Denn alles wurde zum Liede. In komischen kleinen Singspielen wurden ..Gegner der Sache" auf die Scene gebracht, die dr.nn in urdrolliger Weise Sing-Turniere aufführten. Besonders scharf aber hatte man es natürlich auf die bösen Assimilanten. Da gibt's ein köstliches Quartett, das die Assimilation der Beduinen an die Aschantis zum Gegenstände hat, wohl eine der gelungensten Satiren, die im Zionismus gegen die Assimilation „gedichtet'* wurden. So heiter es aber auch oft zugieng, hinter all der Fröhlichkeit verbarg sich doch eine tiefernste und treue Liebe zum Zionismus. Nicht nur den mährischen und schlesischen, auch den Wiener Zionisten sind die Ivrianer treue Mitarbeiter. Sie werden es hoffentlich immer sein. Die österreichischen Zionisten setzen heute mehr denn je ihre Hoffnung in die Akademiker, die Kerntruppe der Zukunft. Sie wissen, Avas die Studenten einmal waren, und wollen, dass sie ihrev Vergangenheit treu bleiben. Darum fällt manchmal ein strenges Wort gegen die Studenten, wenn sie zu sehr ausruhen. Aber dafür finden auch nirgends die Studenten soviel Anerkennung, Freundschaft und Dankbarkeit wie bei uns. Beweise dieser Freundschaft und Dankbarkeit werden die Festtage der „Ivria" verschönen. B. F. Ungarische Chronik. i. Die Ritual m o r d Ii e t z e. Es vergeht fast kein Tag, an dem die ungarischen Blätter nicht über ein neues Blutmürchen berichteten. Bald ist es eine magyarische, bald ein rumänische, bald eine sächsiche und bald wieder eine slo\akisehe Gemeinde, in der das Gespenst des „Blut abzapfenden Juden" umgeht. In unserer jüngsten Nummer berichteten wir über einen Vorfall in Kronstadt, der einen dort weilenden ortsfremden •luden fast das Leben gekostet hätte. Unter der Kronstädter Bevölkerung war das Gerücht verbreitet, die Juden brauchten zur Einweihung ihres neuerbauten Tempels Christenblut. Wer nun etwa über die Urheber dieses Gerüchtes in Zweifel sein mochte, dem brachte die Einweihungsfeier des erwähnten Tempels, die Dienstag den 20. d. M. stattfand, völlige Gewissheit. Die ges a in in t e römisch-katholische, s ä e h s i s c h - e v a n - g e 1 i s c h e und rumänische Geistlichkeit blieb d er Feier demonstrativ fer n, während es in Ungarn von altersher Sitte ist, dass bei derartigen Anlässen jede Confession Vertreter aus ihrem geistlichen Stande entsendet. Im Verlaufe der jüngsten zwei Wochen gab es nicht weniger als neun Fälle von Blutbeschuldigungen in verschiedenen Ortschaften des Landes. In Uj -Szeged bat der Budapester Maler Ludwig Käroly, ein Katholik, den Vater eines dortigen Schulmädchens, er möge erlauben, dass dieses ihm Modell sitze zu einem neuen Bilde, woran er, Kuroly, eben arbeite. Flugs verbreitete sich unter der Bevölkerung das Gerücht, Käroly sei ein Jude, der christliehe Mädchen zur Blutabzapfung suche. Als dann Käroly eines Si-hüncn Tages spazieren gieng, rottete sich hinter ihm eine zahlreiche Volksmenge zusammen und begann, ihn zu verfolgen. Mit Müh' und Noth gelang es ihm, sich vor der anstürmenden Revtte in eine Vi!!.*! zu flüchten und sieb dort verborgen zu halten. — In der Gemeinde Kispereg des Arader Comitates hielten die Bauern den in einem Maisfelde umherirrenden Sohn des — natürlich christlichen — Obereontroleurs der Arad-Csanäder vereinigten. Eisenbahnen, einen kleinen Gymnasiasten, für den „polnischen Juden, der das Blut der Kinder trinkt". Mit Heugabeln und Hauen bewaffnet liefen sie hinter dem armen Jungen her, bis ihn einer der Bauern überrascht als „den jungen Herrn Hans" erkannte. InKolozsborzsa (Siebenbürgen) fiel man dafür über wirk^ liehe Juden her. Zwei fremde Juden wollten ins Dorf und befragten ein Gänsemädchen um den Weg. Das Mädchen, dem man mit dem Schauermärchen den Kopf voll geredet hatte, erschrak heftig und stiess Hilferufe aus: polnische Juden wollten sie erschlagen. Auf das Geschrei eilte der Vater des Mädchens und viel Volk, mit Heugabeln, Stöcken usw. bewaffnet, herbei und hieben auf die beiden Juden aus Leibeskräften los, bis die Armen bewusstlos und blutüberströmt zu Boden stürzten. Dann schleppte man sie aufs Gemeindehaus, wo man sie in Ketten schlagen wollte. Bei dem Verhör stellte es sich nun heraus, dass beide aus einem benachbarten Dorfe seien, wo der eine Schenkwirt und der andere Gutspächter ist. — In Siklo (Arader Comitat) wurde ein armer Jude, der bei seinen dortigen Bekannten um Unterstützung zur Verheiratung seiner Tochter nachgesucht hatte, als er die Gemeinde wieder verliess, von einer Zigeunerin verfolgt, die ihm nachrief: „Schlagt ihn todt, er hat meine Tochter umbringen wollen, er hat ihr Blut abzapfen wollen." Rasch war die aufgehetzte Menge zur Stelle, fiel über den Juden und dessen Kutscher, den sie ebenfalls für einen Juden hielt, her und prügelte beide in bestialischer Weise. Dann wurde der Jude und sein Kutscher ins Gemeindehaus geschleppt, wo es dem Stuhlrichter mit schwerer Mühe gelang, die Menge von weiteren Grausamkeiten zurückzuhalten. Der bekannte Szegediner Schriftsteller Stefan Tömörkön y, der sich mit seinen Genrebildern aus dem ungarischen Volksleben einen Namen gemacht hat, begab sich vor kurzem mit seinen beiden Kindern, einem Knaben und einem Mädchen, auf eine kleine'Studienreise in die Bauerngehöfte der Umgebung von Szegedin. Dort hielt man ihn für einen Juden und die beiden Kinder an seiner Seite für geraubte Christenkinder, die er zu rituellen Zwecken abschlachten wolle. Es wäre ihm schlimm ergangen, wenn nicht der greise Dorfschullehrer ihn zufällig gekannt und der Knabe ihn „Vater" angeredet hätte. Tömörkeny berichtet über den Vorfall in einem Feuilleton des „Pesti Hirlap". — „Ja, warum klären Sie denn die Bauern nicht auf", fragte Tömörkeny den erwähnten Lehrer. Der antwortete unmuthig: „Ich kann lang reden. Was nützt es, dass ich sage, es ist nicht wahr, wenn der Pfarrer ihnen sagt, dass es doch wahr ist?" Und der Lehrer erzählte, wie ein fremder Geistlicher dem Volke neulich eine feurige Standrede hielt, in der er sie aufforderte, ihre Kinder vor den Juden, die ihr Blut suchen, in acht zu nehmen. Erst vor einigen Tagen habe man einem Maurer, den die Bauern für einen Juden hielten, den Kopf gespalten. Interessant ist die Stimmung der jüdischen Assimilanten in Ungarn, die sich recht unbehaglich zu fühlen beginnen. So schreibt der antizionistische „Egyenlöseg" in seiner jüngsten Nummer: „So lange wird man experimentieren, bis es schliesslich irgendwo doch „gelingt". Man gibt sich ja so viel Mühe, man stellt ja so viel Versuche an! Endlich wird das christliche Mädchen wirklich verschwinden. Dann denkst Du nicht mehr an politische Wahlen, theure Judenschaft, dann wirst Du Dich Deiner eigenen Haut zu erwehren haben. Denn elas Volk ist vorbereitet — dazu dienen doch die vielen Versuche . . ." ,,. . . Als wollten die Agitatoren bloss sagen: Achtung, es wird losgehen, gewöhnt Euch an den Glauben und seid dann nicht überrascht und ungläubig, wenn der „Fall" erst da ist. Denn wo der Glaube vorhanden ist, da macht sich der „Fall" leicht. Wo man an Gespenster glaubt, da gehen sie um . . ."' . H. Der Zionismus in der ungarischen Presse. „Pesti Naplo", eines der verbreitetsten magyarischen Tagesblätter, brachte vor kurzem, einen ironisch sein sollenden Artikel über den Zionismus mit der Ueberschrift: „Ein Land auf Actien", dessen Schreiber seine völlige Unkenntnis unserer Bewegung

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