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Die Welt · 1901-08-30 · 35 (30.8.1901) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
35 (30.8.1901)
Article
Aus der wirtschaftlichen Organisation der zionistischen Angestellten und Arbeiter
Date
1901-08-30
Page
9 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 35 Die *X Welt« Seite 9 D i e P r ä m i e ist in den ersten fünf Jahren durch so viele Monate hindurch zu beziehen, als der stellenlos Gewordene Jahre Mitglied des Verbandes ist. gezählt von Gründung des Fondes an. Tn je fünf Jahren sollen zusammen nicht mehr als fünfzehn Unterstützimgsprämien zur Auszahlung gelangen. Nach Erhalt von 15 Monatprä mien, also nach mindestens 5 Jahren erlischt der Anspruch an den Fonds auf ein Jahr. Aus der Verbandsorganisation ausgetretene, oder statutengemäss ausgeschlossene Mitglieder, sowie diejenigen, die offenbaren Missbraueh mit dem Fonde treiben, verlieren jeden Anspruch auf denselben. Es steht dem Central-Unterstützamgsfonds-Aussehusse das Recht zu, in besonders beriieksichtigungswerten Fällen von diesem Punkte (7) abzuweichen; doch ist hiebei Stinimeneinhelligkeit im Ausschusse Erfordernis und muss der Fall protokollarisch genau verzeichnet werden. Wir haben also gegenüber dem Gesetzentwürfe, der eine zwolfmonatliche Prämienzahlung innerhalb fünf Jahren vorschlägt, eine Unterstützungszeit von Jö Monaten, statt einer Carenzfrisi von 5 Jahren eine solche von nur einem Jahre und üben auch kein»; ( ontrole über die privaten Verhältnisse derer aus, die von dem Fonde die gebürende Prämie fordern. Selbst diejenigen, die nicht „nachweisbar substistenzlos" sind, wie es die Regierungsvorlage vorschreibt, haben — wenn sie sonst, ihren Verpflichtungen nachgekommen sind — Anspruch auf di" statutengemässen Prämien, sobald sie conditionslos werden; dagegen tritt mit dem Versicherungsfonde ein allgemeiner Unterstützungsfonds des Verbandes ins Leben, der aus freiwilligen Beiträgen wohl habender Verbandsgenossen, aus Rückerstattungen von Prämien nach Erhalt günstiger Stellungen etc. bestritten wird, und aus welchem auch nicht organisierte nothleidende Juden unterstützt werden sollen. Wir müssen eben auch mit solchen Imponderabilien wie Anständigkeit, Gerechtigkeitsgefühl etc., bei unseren Unternehmungen rechnen, und wir dürfen es, weil die Zions-Mee, die uns — über allen Social-lnteressen — leitet, ebenso erzieherisch wirkt, als die bewusst unseren organisierten Mitgliedern eingeimpfte Empfindung der Brüderlichkeit und Zusammengehörigkeit. Was einer nicht kann und zehn nicht treffen, das sind hundert imstande. Das ist das kleine Einmaleins aller socialen R<>- l'ormarbeit, aller wirtschaftlichen Se lbsthilfe. Aus dieser primitiven Erkenntnis erwächst der M.uth zu den grüssten Unternehmungen — so werden auch unsere Kleininüthigen endlich Muth zu ernste:' Mitarbeit bekommen. Zum Stiftungsfest der „fvria". Im September beschliesst die akademische zionistische Verbindung „1 v r i a" ihr 20. Semester. Ein gross angelegtes Stiftungsfest wird dem zehnten Geburtstag die Weihe geben, die er verdient. Es ist das Vorrecht der Geburtstagskinder, dass sie an ihrem Tage alles Schöne und Gute hören. So wird man auch den Ivrianern bei ihrem Stiftungsfest viel Lob und Ehre geben. Doch sicherlich nicht allein darum, weil es so Brauch ist, sondern weil sie es verdienen. Die „Ivria" hat sich bei ihrer Wirksamkeit nie allzu sehr in den Vordergrund gerückt. Sie hat ihre Farben öfter gegen den Feind gekehrt, als im eigenen Lager damit geprunkt. Auch ihre „alten Herren'*' führen nicht Namen, die in der Oeffentlichkeit des Zionismus glänzen. Aber es sind ganze Zionisten, zu denen die ,,Tvriau ihre Mitglieder erzieht, und es ist eine rechte zionistische Arbeit, die sie leistet. Dieses grösste Lob und wohl noch manch' andere freundliche Anerkennung werden die Ivrianer an ihrem Ehrentag von den Vertretern der österreichischen Zionisten und von ihren dankbaren Freunden empfangen. Und man soli es ihnen sagen, dass sie als liebe Kameraden und treue Waffenbrüder geschätzt sind. Die herzlichen Aeusserungen der Freundschaft und Bundesbruderschaft werden die Ivrianer gewiss nicht eitel machen und sie auch nicht vergessen lassen, was sie noch zu leisten haben. Die „Tvria" war ursprünglich eine Landsmannschaft schlesischer Iloehsehüler. Unter dem Einflüsse der national-jüdischen Piopnganda, die damals bereits von der „Kadimah" und „Unitas" an den Hochschulen betrieben wurde, reconstrliierte sich die Verbindung auf national-jüdischer Basis. Seit dem Jahre 1894 arbeiteten die drei Verbindungen nach einem einheitlichen Programm, das mit dem Auftreten des politischen Zionismus seine festen Grundlagen erhielt. Die älteren Ivrianer waren also noch in die Zeit gestellt, wo die Studenten fast die einzigen Vertreter des nationalen Gedankens waren. Sie nahmen noch theil an jener Arbeit, die die österreichischen Zionisten. die Zionisten überhaupt, den Studenten nie vergessen dürfen. Welche schwere Aufgabe fiel jenen Studenten zu, die als einzelne, mit keiner anderen Autorität ausgestattet, als mit der ihres glühenden Idealismus, gegen die erschreckende Macht von Vorurtheilen und Feindseligkeiten aller Art anzukämpfen hatten. Das .Milieu, in dem sie ihre Sache zu vertreten hatten, erhöhte noch die Schwierigkeiten. Während des Studienjahres hatten sie in Wien, in den Ferien in Schlesien und Nordmähren — geradezu chissisehen Ländern der Assimilation — zionistische Arbeit zu verrichten. Lud wenn es sich nur um positive Arbeit gehandelt, hätte! Aber Iiier wie dort hiess es, ehe überhau])! jüdische Saat ausgestreut werden konnte, die Wirkungen des ..Liberalismus" und des deutschen Nationalismus aufheben, dem die Bürgerschaft und zum Theil auch die Studentenschaft blindlings nachgieng. An sich bleibt es eine merkwürdige Sache — die für einen zionistischen Geschichtsphilosophcn nicht unerfreuliche Argumente in sich schliesst — das in jenen Zeiten und in einem Milieu weitestgehender Assimilation sich national-jüdische Studentenkreise bilden konnten. Aus den Provinzstädten "Mährens und Schlesiens waren diese jungen Leute in die .Residenz gekommen. Daheim war längst die alte ..Kehilla" zerfallen. Nur die Beste, die täglich von der Auflösung bedroht waren, standen da. Ganz eigen blickten die letzten Bilder aus alter gut jüdischer Zeit in die neuen Tage: Die grossen Festtage mit ihrer schweren Feierlichkeit und ihrer erlisten Weihe, alte Bräuche, die sich — obwohl unverstanden — dennoch durch ihre Originalität dem Gedächtnisse einprägten, typische Gestalten der Gasse, das patriarchalische Antlitz eines greisen Gelehrten, die enge Judengasse selbst mit ihren Seltsamkeiten. Aber gegen diese schwachen und stummen Zeugen einer jüdischen Vergangenheit kämpften laut und vernehmlich die starken Eindrücke und Erfahrungen des Alltags. Vor allem die neue Schule, die die Gefühle der Kinder vom Jüdischen weg zum Fremdnationalen lenkte und darin durch die Art der häuslichen Erziehung unterstützt wurde. Denn im jüdischen Hause bewegte sich, selbst wenn das ('Zeremoniell noch geübt wurde, alles in der Richtung des Fremdnationalen. Väter und manchmal auch die Grossväter waren unentwegt „deutsch'' und „liberal"". Sie übten das in allen grossen und kleinen Thätigkeiten. Die öffentlichen Veranstaltungen, die sie den Kindern zeigten, das 'Vergnügen, das sie ihnen gaben, das Buch, das sie ihnen wählten, alles trug fremdnationalen Charakter. So machte Schule, Elternhaus und Gesellschaft aus dem Judenkind einen deutschen Jüngling, der den ganzen Gefühlsüberschwang der Jugend derjenigen Sprache, dem Volke und der Cultur zuwendete, die er als die seinen zu betrachten gelernt und längst erlernt hatte. Aus solcher Jugend giengen die ersten Ivrianer hervor. Es gehörte ein schönes Mass von Charakterstärke. Einsicht und Idealismus dazu, wenn diese jungen Leute in ihren ersten Universitäts- Jahren, noch ehe der „offieielle" und handgreifliche Antisemitismus da war, den Weg zum Judenthum zurückfanden. Ein Schauspiel von eigenem Reiz, wenn die jungen Akademiker in den Ferien heimkehrten und in Versammlungen, im Tempel, bei Makkabäerfesten die Väter lehrten, dass sie Juden seien, dieselben Väter, die ihre Kinder gelehrt hatten, dass sie Deutsche seien. Mit vielem Eifer und schönem Erfolge haben die Ivrianer in Schlesien und Mähren die zionistische Agitationsarbeit geleistet, in den letzten Jahren natürlich unterstützt von dem unvergleichlich grösseren Apparate des politischen Zionismus. Mehrere Vereine und vortreffliche Institutionen sind Beweis dafür. Und namentlich in allerletzter Zeit bethätigen sie sieh wieder mit ihrer besten Kraft. Eines ihrer Haupt Verdienste ist, dass sie namentlich die Mittelschulen für jüdische Dinge zu interessieren wissen.

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