Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 35 (30.8.1901)
- Article
- Zur Demolierung des Prager Judenfriedhofes
- Date
- 1901-08-30
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 ,Üie^ Welt44 Nr. 35 Kenntnis, dass die Juden die Tapferkeit ihrer Väter rühmlich behielten. Einmal standen sie wüthend gegen die Frechheiten und Drangsalierungen der ersten Kreuzfahrer auf und ersehlugen hunderte gewappneter Adeliger sammt ihrem Tross; in neuerer Zeit haben sie auf der Moldaubrücke sich mit den Schweden geschlagen, und ihre Tapferkeit fand Anerkennung im Privilegium, ihr Rathhaus mit Thurm und Uhr zieren zu dürfen. Sonst war ihr Heldenthum erschütternd gross, aber immer im Leiden, nie im Angriff. In ihrem Gebetbuch haben die böhmischen Juden für den Versöhnungstag einen Piut, der einfür allemal die Schläge ihres Schicksals poetisch schildert. Ein Insasse des Friedhofes, der Prager Eabbiner Abigdor Kara, ist sein Verfasser. „Ein schmachvoller Pöbel," heisst es, „raste, mit Mordwerkzeugen, Bogen und Pfeil und Axt bewaffnet, einher, als gälte es, einen Wald zu fällen. Das Abenddunkel wurde von den Mördern zum Angriff benützt. Die Zahl der Opfer anzugeben, ist unmöglich." Das viele Leid, die kurzen Freuden, hat die Zunft der Steinmetze den Platten eingemeisselt und ward dabei gewiss philosophisch. Ein Grabstein hält den anderen aufrecht, der eines Lastträgers den eines Gelehrten, gedrängt voll steht der ganze Friedhof, Moos in den Zeichen, Gebüsch auf den Gräbern, ewiges, ehrfurchtsvolles Schweigen darüber, nur über die Mauern schwirrt der Lärm des Alltags fieberhaft, feindselig, als ob nicht ein majestätisches Bild vor den Menschen stünde, bei dessen Anblick der grosse Salomo ausrief: Alles ist eitel! Ja, hoher Eabbi Low, König des menschlichen Geistes, auch du bist hier, und du, Meiseis, dessen Plans ein Indien an Sehätzen barg, dem Kaiser huldvoll gewogen waren. Ein Beispiel, nicht nutzlos habt ihr gewirkt; ihr habt gezeigt, wie grosse Männer gar glänzenden Lockungen widerstanden, um ihrem Volk zu leben, es geniessen zu lassen, was hoher Geist ersann, glückliehe Hand erwarb. Und wie die Reihen den Friedhof zieren — sie alle, Führer und Geführte, hatten Herzen, die im Gleichtakt schlugen, wenn es dem geliebten Volke galt, nie wurde die Wahrheit von ihren Folterknechten besiegt, das Erkannte blieb immer ihr unwandelbarer Leitstern. Wenn doch die Toclten erwachten! Von ihren Nachkommen wimmelt die Armut in der Judenstadt, die Eeichen verleugnen drüben in den Salons, Theatern und auf dem Corso Baumgartens jämmerlich ihr Volksthum. Jetzt halten sie sich die Ohren zu; ein jüdischer Friedhof ist in Frage. Aber was sonst künstlerisches Gefühl und ästhetische Empfindung hat, protestiert gegen den. irreparablen Vanda- . lismus, der dem Friedhof droht. Monarchen des Thrones und des Geistes haben in Menge mit scheuer Ehrfurcht betrachtet, was da als Zeugnis eines Jahrtausends uns entgegentritt, haben in Dichtung und Prosa ihr elementar gehobenes Gefühl kundgethan, ihre staunende Bewunderung ausgedrückt! Aber was nützt das gegen das Toben des blinden Judenhasses; das Volk will es, und unter dem Zujauchzen des Pöbels wird der Friedhof fallen. Em es. Aus der wirtschaftlichen Organisation der zionistischen Angestellten und Arbeiter. Von Alfred Weissberger (Wien). II. Zu den eisten Aufgaben, deren Lösung unsere wirtschaftliche O/ganisation erstrebte, gehörte die Unterstützung Conditionslosor, doch war es sehr schwer, den Uebergang vom Wohlthätigkeits- Institute zu einer obligatorischen, streng organisierten Zwangsversicherung zu finden. Mehr als materielle Mittel erfordert die Durchführung solcher Ideen eine gut diseiplinierte Anhängerschaft, die kleinliehe Augenblicksinteressen einem grossen Gesammt-Intere?se unterzuordnen versteht, eine reife, geschulte Truppe, die Versllndnis dafür hat, dass sociales Elend nie durch Almosen aus der Welt geschafft werden kann, sondern dass eine Besserung nur durch den Aneinanderschluss von Genossen möglich ist, die dieselben Interessen verfolgen und die auch bereit sind, für einander Opfer zu bringen. Dass auf dem Prager Parteitage die Conditionslosen-Versicherung beschlossen wurde, beweist, dass unsere Organisation sich stark genug fühlt, und dass Pflichteifer und gegenseitiges Vertrauen herrscht. Namentlich unsere organisierten Arbeiter und Arbeiterinnen nehmen ihre Pflichten sehr ernst und bilden schon heute den Stolz der, Verbandes, trotzdem in Oesterreich die Zahl der Handelsangestellten numerisch überwiegt. Der Sprache der Zahlen verschliesst sich übrigens niemand. Der Statuten-Entwurf unserer Conditionslosen-Versicherung sagt in Absatz B Punkt 1: Jedes ordentliche Verbandsmitglied hat einen Wöchentlichen Fondsbeitrag von dreissig Hellern (30 h) im ersten Jahre, vor: zwanzig Hellern (20 h) in den folgenden Jahren seiner Mitgliedschaft zu leisten. Punkt 6: Die Prämien betragen für postenlos gewordene Verbandsrnitgliecler dreissig Kronen (30 K) pro Monat, zahlbar in wöchentlichen Theilzahlungen — je nach Bedarf — theils bar, theils in Speisemarken. Nehmen wir z. B. an, dass 500 Verbandsmitglieder vom 1. September d. J. an (an welchem Tag der Fonds ins Lehen tritt) ihre Einzahlungen leisten. Da die Prämie im ersten Jahre 30 h wöchentlich beträgt, ergibt sich am Schlüsse des ersten Jahres eine reg'iliire Kinnahme von K 7800, von welchen K 2000 auf Einrichtungsspesen gedacht sind, was bei einem so grossen Apparate, der zahlreiche Bücher, Drucksorten, Broschüren etc. benöthigt, eine nicht zu hohe Summe sein dürfte. Von den verbleibenden K 5200 könnten also im zweiten Jahre des Bestehens bereits 173 Unterstützungsprämien oder in den ersten Jahren bei gleicher Mitgliederzahl und einem Beitrage. von •2.0 h wöchentlich 865,monatliche Prämien ä 30 K ausgezahlt werden. Rechnet man die Mehreinklinfte, die sich durch Veranstaltungen, Feste, Versammlungen, Spenden etc. ergeben, mit nur 20% dei regulären Einnahmen, so ergeben sich für j e 5 J a h r e c i r c & 1020 monatliche Unterstützungsprämien, was ermöglichen würde, dass 13,6% der Mitglieder durch volle ,15 Monate, resp. 20.4% d u r c h z e h n M o n a t e bind u r c h die entsprechenden ( onditionslosen-Unterstützungen erhalten. Man kann annehmen, dass die angeführten Ziffern in Wirklichkeit höher sein werden; die jüdischen Angestellten und Arbeiter wissen viel zu gut, wie schwer es ist, sich über die Zeit der Postenlosigkeit hinüberzuretten, wie drohend die Gefahr des physischen und moralischen Niederganges in der Zeit der Noth ist; sie wissen auch, dass unsere Stellenvermittlung kein auf Gewinn berechnetes Unternehmen ist, sondern — wie alle unsere Aetionen — ein Werkzeug der Selbsthilfe, der selbstlosesten Bruderhilfe, und sie werden in unsere Reihen treten. Für alle Fälle aber ist ein Punkt in unseren Entwurf aufgenommen, der wohl eine kurze Unterbrechung in der Thätigkeit möglich macht, aber gleichzeitig den Bestand des Fondes garantiert. Es heisst nämlich (8): Erscheint das verfügbare Fondscapital durch die Prämien- Zulagen erschöpft, und erweisen sich die Bemühungen des verantwortlichen Ausschusses, neue Capitalien zu diesem Zwecu. zu verschaffen, als vergeblich, so kann die Auszahlung der Prämier sistiert werden, bis die Ursache behoben ist, das heisst entsprechende Geldbeträge eingeflossen sind. Die Einführung dieses Nothparagraphen war schon aus dem Grunde nothwendig, weil die bisherige Statistik Oesterreichs keinerlei Ergebnisse zutage gefördert hat, die uns als versicherungstechnische Basis hätte dienen können; wir werden erst nach mehrj'-xhriger Erfahrung in der Lage sein, die Institution ganz den herrschenden Bedürfnissen anzupassen, wobei wir schon heute als Ziel ins Auge fassen müssen, den Bestand des Fondes so zu sichern, dass dieser Nothparagraph ausgeschieden werden kann. Bezüglich der Auszahlung der Prämien besagt der Punkt 7 des Statuten-Entwurfes: