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Die Welt · 1901-08-30 · 35 (30.8.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
35 (30.8.1901)
Article
Ungarische Assimilantenweisheit
Date
1901-08-30
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 35 „Die # Weif Seite 7 Kämpfe bewirkt wurden. Aber was war vor den Umwälzungen? Hatten die Menschengruppen vor Ausbruch der Kriege Iceine Heimstätten? Und wurden in späteren Stadien der Geschichte, die sich unserer Epoche nähern, nicht Ansiedelungen grossen Massslabes ohne Krieg und Blutvergiessen durchgeführt? Wir erinnern an die Colonisation der Sachsen in Siebenbürgen vor 800 Jahren, denen der Arpadenkönig Geza IL besondere Privilegien ertheilte, die ge~ wiesermassen eine staatsrechtliche Bedeutung hatten. Auch Königin Maria Theresia hat in Südungarn ganze Landstriche mit herbeigerufenen Slavoniern besetzt, die sich diese Heimstätte also nicht durch Blut erzwungen haben. Und haben die von Spanien und Oesterreich vertriebenen Protestanten ihre Heimstätten in Amerika immer nur „mit Blut erobert"? Wer übrigens von unserem Volke Hinopferung seines Blutes fordert, seheint zu vergessen, dass unsere Ahnen nicht nur zum Erwerb und zur Vertheidigung des Stammlandes ihr Blut bereits hingaben, sondern auch nach Anlassen ihres Landes behufs Erhaltung ihres Volksthumes und dessen geschichtlicher Recht scontinuität nicht nur Seh weiss und Thränen, sondern auch ihr Blut in Strömen geopfert haben. Nicht zum Erwerb, sondern zur Erhaltung der Heimstätten ist heutigentages nebst anderen Opfern Blut erforderlich. LTnd da in dieser Beziehung die Juden ihre Pflichi in ihren heutigen Vaterländern heldenhaft treu erfüllen,- wäre es thöricht, daran zu zweifeln, dass unsere Söhne dereinst das heilige Land mit ebensolcher Bereitwilligkeit vertheidigen werden. Unsere jüdischen Gegner, die komischen Bluttheoretiker, hänseln uns, wir trachteten, ein Judenland „auf Aetien" zu gründen. Diese Zumuthung ist ebenso heimtückisch und lächerlich wie die übrigen. Zur Erwerbung oder Erhaltung eines Hechtes gehört vor allem ein Rechtssubjeet, dann die Fähigkeit zu wollen, den Willen kund zu geben, ferner die Fähigkeit zu handeln und endlich materielle Machtmittel, um gefasste Entschlüsse in Thaten umzusetzen. Thatsächlich wurde durch die moderne zionistische Bewegung das jüdische Volksbewusstsein geweckt, dessen Willensverniögen gestärkt, in der Congressinstitution ein Centraiorgan der Willens'dusserung ausgebildet und durch die Colonialbank nur eines der materiellen Machtmittel geschaffen. Durch fortwährende Arbeit werden immer mehr und mehr Theile des Volkskörpers erwärmt und der Gesundung zugeführt. Ist es daher gestattet, ein solches Bestreben mit den Speculationen einer rein gewinnsüchtigen Handelsgesellschaft auf dasselbe Niveau zu stellen? Eine vierte Einwendung der ungarischen Assimilanten behauptet, die Zionisten wären an Hilfsactionen, wo für noiMeidende Juden materielle Opfer gebracht werden, nicht betheiligt. Die Behandlung dieser Frage soll einer anderen Gelegenheit vorbehalten sein. Zur Demolierung des Prager Judenfriedhofes. Gevatter Schneider und Handschuhmacher haben wieder einmal das Wort. Ihre Beschlüsse geben dem philosophischen Ausspruch recht, der besagt, dass die Denkungsar t des Kleinbürgerthums ein Unglück für die Entwicklung des Guten und Schönen auf Erden sei. Nicht die nirgends so imposante Majestät des Todes, nicht die Schönheiten des Ortes, nicht seine Wertschätzung in aller Welt haben das Prager Stadtcollegium vom Beschlüsse abzuhalten vermocht, 2000 m2 des altberühmten Prager J udenfriedhofes einer angeblichen Assanierung zu opfern. Einige Heisssporne zwar konnten nicht an sich halten, und als die wahren Beweggründe zutage traten, hörte man wüthende j udenf eindliche Tiraden. Heute streitet man in der Region der abstraeten Begriffe um das Wesen der Judenfeindsehaft, ob sie die Kasse, ob die Religion verfolge. Inzwischen beeilen sich die irdischen Gewaltigen, beiden Ansichten recht zu geben und energisch Rechnung zri tragen. Bald regnet's Steine in den Strassen Prags, dann wieder ziehen moderne Hussiten auf den jüdischen Friedhof aus, wie weiland ihre Väter — als Bilderstürmer. Prag ist schön und jeder Abschied des Reisenden weckt den Wunsch, wieder zu kommen. Ein alter, grimmer Recke, sonnt es sich auf den flachen Hügeln des Moldauthales und weithin schimmern Waffen und Edelsteine: Burgen und Bastionen, Thürme und Bauten des reichen Bürgers. Altväterlich Gewand fördert des Inwohners altväterlich Belagen, wenn es dem Befehlshaber der Strasse passt — es passt ihm jetzt selten. Oft wälzt sich der Pöbelhaufe einen altbekannten, tausendmal betretenen Weg herab, den Niederungen der Moldau zu, wo die Enge Dunkelheit und Furcht erzeugt. Dort wohnt Ahasver, dort wurde er von allen Plagen Europas heimgesucht, ihm gegenüber nahm das Unglück aUe, Gestalten an und durchbrach in rasendem AVüthen alle Schranken. Dessen Zeugnis ist die Geschichte und ihre Quelle die Denkmäler am Prager Judenfriedhof. Eine reine Quelle; am Grabe schweigt Lüge und Fälschung. Man hat 22.000 Grabsteine gezählt. Wenn man das Flieder- und Weidengesträueh auseinanderbiegt, kann man auf moosbewachsenen hebräischen Epitaphien die Geschichte des Volkes lesen, das unerklärlicherweise noch lebt. Ein Capitel wie das andere, mit dem kleinen Unterschiede, dass entweder der Fürst schlug oder dasYolk; und wie rastlos! Der Geschichtsschreiber, der die Jahreszahlen combiniert, lässt kaum ein Jahrzehnt verstreichen, dem Judenmord nicht das Zeichen gegeben. Damit wurde eingeleitet und abgeschlossen, was jemals die christliche Welt bewegte. An dieser Stelle soll eine Frage Platz finden: Will denn gar niemand eine nationale Geschichte für den SchulgeiDrauch verfassen? Soll in der Religionsstunde höherer Schulen verhasster Zwang zur Flachheit weiter bestehen bleiben, in der Geschichtslection aber unser Nachwuchs sich an den Thaten der Judenfeinde so nachhaltig berauschen, dass die Wahrheit später mit Mühe ihren Weg sich bahnt? Und doch würde die tragische Grösse unserer Geschichte im kommenden Geschlecht die kleinliche Lebensauffassung vernichten. Die Przemysliden und die Luxemburger allein haben die wahrhafte Männlichkeit ihrer Herrschaft auch den Juden bewiesen. Sonst stritten sich Weltmacht und Kirche unablässig; und unweigerlich feierte der gewinnende Theil seinen Sieg mit einem Freudenfeuer in der Judengasse. Das Streben, ihrer Leidensgeschichte ein Ende zu machen oder wenigstens Linderung zu bringen, hat analog der Regensburger auch die Prager Judenschaft veranlasst, ihre Ansiedelung in Böhmen der christlichen Zeitrechnung vorzudatieren. Es steht nach geschichtlicher Forschung fest, dass der WTeg ihrer Einwanderung nicht mehr zu erkennen ist, und dass schon im neunten Jahrhundert ihnen eigene Gefetze gegeben wurden. Damals zum erstenmal mussten sie vom Wysehrad in die Altstadt hinunterziehen und fühlten schon die Fesseln des Ghetto. In diese Zeit dürfte auch die eiste Anlage des Friedhofs fallen, als dessen ältester Grabstein der von Sarah, dem Weibe des Aroniten Josef galt, aus dessen Inschrift ein kühner Interpret herausgelesen hat, dass er im Jahre 606 der christlichen Zeitrechnung aufgestellt wurde. Daran glaubten und glauben die Prager Juden immer, trotzdem zuverlässige Gelehrte spottend jener Berechnung die kleine grammatikalische Licenz nachgewiesen haben, die ihr zugrunde liegt. Nach ihren Berechnungen stemmt die Inschrift vielmehr aus dem 17. Jahrhundert. Aber schon lange vorher begrub ein tüchtiges Geschlecht hier seihe Todten. Die allgemeine Betrachtung der Namen ergibt, dass es unter ihnen hervorragende Vertreter des geistigen "Judenthn ms in Menge gegeben hat; ausserdem bringen uns aber die Grabschriften gar erfreulich die Thatsache zur

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