Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 34 (23.8.1901)
- Article
- Der Golem
- Date
- 1901-08-23
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Die # Welt" Nr. 34 kleidet., nächst der heiligen Lade sass und in einem kabbalistischen Buche las. Da erzitterte das Herz des Rabbi und seinem Aug' entsprühten Funken. Unwirsch rief er aus: „Genug! Das ist nicht mehr zu ertragen!" Und er eilte in die anstossende Mikvveh und nahm ein Tauchbad. Dann gab er dem Synagogendiener Noach den Auftrag, ihm Lehm zu bringen. Der iSchammes giong und brachte Lehm, hellgelben goldreinen, bildsamen. „Noch!" sagte der Rabbi. „Bring' mir noch mehr, bis ich sage: Genug." Der Schamines brachte noch mehr Lehm, bis ein grosser Haufe da war. „Nun geh'!" Der Sehammes entfernte sich schleunigst, und der Rabbi verschloss die Thür hinter ihm. Und er formte den Lehm zu einer grobschlächtigen menschlichen Gestalt mit grossen, eisenstarken Händen. Aber Leben war nicht in der Gestalt. Da legte der Rabbi den vierbuchstabigen Gottesnamen dem Golem in den Mund, und siehe da, der Golem erhob sich und stellte sieh auf die schwachen Beine. '„Geh'! Geh? hin und rette Israel." Der Golem gieng. Mit festen Schritten durchmass er die Stadt, kam zur alten Moldaubrücke und blieb stehen. Es war eben Markttag, und aus allen Städten und Dörfern der Umgebung strömten Leute herbei: Bauern, Händler, Edelleute und Beamte. Der Golem aber kannte die Gesinnung eines jeden der Ankömmlinge, und wenn einer den Juden übel wollte, so Hess ihn der Golem nicht über die Brücke, sondern hielt ihn fest, setzte ihm hart zu und stiess ihn ins Wasser. Der Fluss füllte sich mit unzähligen Menschenleichen — Leichen von Judenfeinden. Als die Sache in der Stadt ruchbar wurde, ergriff Entsetzen alle Einwohner. * Am meisten aber zitterten die Juden, schlugen die Hände zusammen und jammerten. Sie eilten zum Rabbi. „Hilf, theurer Rabbi," riefen einige, „wir haben unsere ganze kleine Habe in Fischgerichte und allerhand Backwerk gesteckt, das wir für den Markt zubereiteten. Und nun ist kein Käufer da," „Theurer Rabbi, hilf," riefen andere, „viele von den Bauern haben ihr Getreide hergeführt, um es uns zu verkaufen und uns ihre Schulden abzutragen. Unsere eigenen Schulden aber sind hoch gestiegen, und nun sind die Bauern in den Wellen untergegangen und mit ihnen auch unser Glück und unsere Ehre." „Erbarmen, theurer Rabbi," riefen einige grobhändige Männer, „wir haben für den Markt Stiefel, Pferde- und Töpfergeschirr verfertigt. Wir hofften, dass die Landleute heute kommen und uns unsere Erzeugnisse abnehmen werden. Nun ist aber jede Hoffnung dahin." „Wehe, theurer Rabbi/' riefen auch die armen Melamdim (Kinderlehrer), „unsere Frauen haben kein Holz zm* Feuerung, und wir gedachten, heute wrelehes zu kaufen. Nun sind aber die Bauern sammt ihrem Holz vom Wasser weggeschwemmt." Und noch viele kamen und klagten dem Rabbi ihr Leid. Einstimmig sagten sie, der Golem habe grösseres Unheil angerichtet als alle Judenfeinde, selbst als Nebukadnezar und Haman. Da entrang sich ein schwerer Seufzer der Brust des Rabbi. „Geh', Noach," sagte er zum Sehammes, „und sag' ihm in meinem Namen, er soll zurückkommen.". Der Golem kehrte zurück. Da nahm ihm der Rabbi den Gottesnamen aus dem Mund, und der Golem wurde zu einem leblosen Lehm klumpen. Die Sage geht, dass die jüdischen Weisen seitdem beschlossen hätten, sich nie mehr eines Golems zur Rettung Israels zu bedienen. Denn der Golem, wenn er auch Gottes Namen im Munde führt, kann nichts als Unheil stiften. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. JSücbcr-ßinlaüf. mim hn Judah's Standard (Auf zur Fahne). Written by Dr. J. L. Landa u. English Translation by F. L. C. — Composed and respectfully dedicated toA. Engländer Esq. (President of the Vine Court Synagogue) by the Rev. A. Perlzweig. To be had of the Composer, 63 Bedford Square, London E. The Herzl March. Composed and respectfully dedicated to Dr. Theodor Herzl by the Rev. A. Perlzweig. To be had of the Composer. 63 Bedford Square, London E. Dnr um A Song of Zion. Written by Dr. L. Landa u. English translation by F. L. C. — Composed and respectfully dedicated to F. D. Mocatta Esq., by the Rev. ,A. Perlzweig. To be had of the Composer. * Von unserem italienischen Bruderblatte „L'ldea Sionista' in Modena (Adresse: Signor Benvenuto D o n a ti, Modena), liegt uns wieder eine neue Nummer, die 7. des I. Jahrganges, vor. Aus dem reichen Inhalte erwähnen wir: „Der Zionismus und die jüdische Gemeinde", von D., „Der Zionismus und die jüdischen Colonien in Palästina", von Elia Grumberg, „Die schwarze Gefahr", von Dr. Enea Vigev an i, „Der Zionismus in Italien" (redactionell), „Der neunte Ab", von E. C, etc. In der „Israelitischen Rundschau" tritt Ben-David (Davis T r i e s c h) für sein bekanntes Project einer jüdischen Colonisation in Cypern ein, und weist nach, dass die Priorität in dieser Sache dem Theoretiker des Zionismus Mathias A eher zukomme, der sich schon im Jahre 1894 in seiner „Jüdischen Volkszeitung", im Sinne dieses Projectes äusserte. Wir finden ferner in dieser Nummer unseres reichsdeutschen Bruderblattes einen Artikel über die von uns in Nr. 32 besprochene amerikanische Rabbinerconferenz. ferner interessante Nachrichten aus der Bewegung, eine Vereins- und Zeitschriftenrundschau und anderes. Die soeben erschienene Nr. 14 der Brünner „Jüdischen Volkssiimme" enthält einen leitenden Artikel mit der Ueberschiift „Judenrein", der sich mit der Ausschliessung der Juden aus dem XV. (österreichischen) Gau des deutschen Turnerbundes beschäftigt und für jüdische Turnvereine Propaganda macht, ferner einen Aufsatz über „Steilhang und Aufgaben der zionistischen Studentenschaft in Oesterreich", die fünfte Fortsetzung des Artikels von S. Meis eis über „Der Zionismus und seine Phasen", eine Erörterung der Angebots- und Nachfrageverhältnisse im jüdischen Handelsgewerbe Wiens, die bekannte Skizze „Chelek L'olam habo", von Max Nord au, eine sehr reiche Vereinsschau und noch mehrere andere lesenswerthe Aufsätze. $^us det) \)ep£it)ei) Voranzeigen. Wien. („Jüdischer Verein jugendlicher Ar b e i t e r% Wien, IL, Rembran dtstrasse 18.) Das in Nr. 32 der „Welt" angekündigte Wiesenfest findet infolg e technischer Hindernisse am 25. August nicht statt. Hingegen veranstalten wir Sonntag den 25. August im Restaurant K ü h n,IL, Rembrandtstrasse 18, einen Vortrag des Gesin nungsg*nossen Salomon Rubinstein über das Thema : „Der Nutzen der Organisation für die arbeitende Jugend". Hierauf Recitation von Collegeu Eniil ßutterklee aus Grünaus „Liedereines Bekehrten", ,.ß e i m Anblicke eines jüdischen Proletarie r s". Beginn % Uhr nachmittags. Gäste herz-