Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 34 (23.8.1901)
- Article
- Idyllisches aus Ungarn
- Date
- 1901-08-23
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 34 „Die # Welt06 Seite 7 In der Nacht war im erwähnten Viertel wieder ein Tumult. Ein Christenkind von 10—12 Jahren behauptet, zwischen 8 und 9 Uhr habe ihm ein Jude mit schwarzem Bart und rothem Schnurrbart rückwärts -unversehens unter die Arme gegriffen und den Brustkorb zusammengedrückt, dass es den Athem verlor. Der Jude habe ihm mit einer Maschine das Blut abzapfen wollen, aber glücklicherweise gelang es ihm mit Hilfe der heiligen Maria, die es in Nöthen anrief, zu entkommen, worauf der Jude verschwunden sei! Es ist nun unglaublich, aber doch wahr: Jetzt wird auch dieser Jude von der Stadthauptmannschaft gesucht! Mit der Bitte um Veröffentlichung dieser Zeilen zeichnet Achtungsvoll Rabbiner Dr. Kosenbau m. Brasso (Kronstadt), 14. x^ugust 1901. Aus der wirtschaftlichen Organisation d r zionistischen Angestellten und Arbeiter. Von Alfred Weissberger (Wien). I. Als die organisierten zionistischen Angestellten und Arbeiter zum diesjährigen 3. Parteitage in Prag zusammenkamen, herrschte unter den Delegierten eine ernste, erwartungsvolle Stimmung, die sich von der freudigen Spannung und Begeisterung der vergangenen Parteitage wesentlich unterschied. Ernste, bedeutungsvolle Fragen standen auf der Tagesordnung. Der Ausbau der Centrai-Stellenvermittlung, die Gründung der Conditionslosen-Versicherung, des "'Proletarierheimes, die Forderung nach einem mindestens wöchentlich erscheinenden Verbandsblatte, die Discussion progammati scher und taktischer Fragen und noch manches andere harrte der Erledigung. Der Prager Parteitag ist den Erwartungen, die man an ihn stellte, gerecht geworden, die Bewegung hat neue, mächtige Impulse erhalten — namentlich wurde durch die beschlossene Conditionslosen-Versicherung auf dem Wege der Selbsthilfe ein grosser Schritt nach vorwärts gethan; denn der Mangel an Arbeitsgelegenheit ist einer der grössten Nothstände, unter denen die Juden zu leiden haben. Und die beste Stellenvermittlung vermag nicht alle Bewerber sofort zu placieren, schon aus dem Grunde, weil viele von ihnen, mit sehr mangelhaften Kenntnissen ausgestattet, nur in einem beschränkten Wirkungskreise Verwendung finden können, weil aber auch bei besten Kenntnissen und Referenzen die wirtschaftlichen Verhältnisse, der Judenboycott etc. die Erlangung einer Stelle oft ungemein erschweren. — So wächst die Zahl der Stellenlosen immer mehr, und damit auch das Elend, das wir allerdings 'gewöhnlich erst in seinen Endwirkungen als Bettel, Verlotterung oder Verbrechen wieder treffen, ohne zu ahnen, wie klein, wie leicht zu befriedigen die erste Noth war, die dann solche traurige, zerstörende Formen annahm. Darum ist es eine nicht genug zu betonende dringende Nothwendigkeit, den Postenlosen das Warten auf eine Stelle zu ermöglichen; darum ist es wichtig, dass man die Stellenlosen — wenigstens soweit es organisierte Collegen sind — im Auge behält, sie nicht nur materiell, sondern auch moralisch unterstützt, sie für den Wirtschaftskampf stärkt, indem man sie z. B. in Maschinschreiben, Stenographie etc. unterrichtet, um sie auch vor dem drohenden moralischen Niedergange zu bewahren. Wir haben an dieser Stützung und Hebung unserer Brüder aber ausser diesen allgemeinen socialen und ethischen Interessen auch ein positiv persönliches Interesse. Denn jeder her abgekommene, unwürdig gewordene Volksgenosse ist für die anderen Juden nicht nur ein Gegenstand der Trauer und des unsagbaren Bedauerns, sondern er gereicht uns auch zum Schaden, weil jeder schlechte Jude Ursache wird, dass tausend edlen, feinfühligen Volkgenossen das Leben verbittert und erschwert wird. Zu den grössten Verdiensten des Zionismus zählen wir deshalb, dass er den Juden das Verantwortlichkeitsgefühl den anderen Juden, also dem Volke gegenüber in so hohem Masse gelehrt hat. Wie viel Böses und Unschönes ist daraus erwachsen, dass sich die Juden früher sagten, sie hätten sich um niemanden zu kümmern, es gehe niemanden an, was sie thun oder lassen wollten. Diese rein subjective Auffassung der Gesell Schaftspflicht hat fast alle sogenannten jüdischen Unarten, alle Auswüchse der Halbmoral auf dem Gewissen; der Zionismus leistet daher auch eine wichtige erziehliche Arbeit, indem er lehrt, dass jeder Jude nicht nur für sich, sondern für alle Juden verantwortlich sei, dass jeder die Pflicht habe, Bestrebungen zu unterstützen, die Bruderelend lindern wollen, die auf einen sittlichen und socialen Aufschwung der Volksgenossen hinzielen. Dass diese Anschauungen sich zu praktischen Forderungen wie Regelung der Armenpflege, Conditionslosen-Versicherung — verdichten, ist in unserer ernsten, kampferfüllten Zeit naheliegend. Doch ist auch das Moment nicht zu unterschätzen, dass solche Propaganda und solche Bethätigung das Ansehen uneres Standes zu erhöhen berufen sind. Welcher Arbeitgeber könnte sich der Einsicht verschliessen, dass ihm ein Angestellter aus einer Schule, in der eine so hohe Lebensauffassung gelehrt wird, nützlicher und verlässlicher sein wird, als das indolente Menschenmaterial, aus dem sich der Handelsstand heute noch vielfach zusammensetzt; welcher Handelsangestellte kann heute noch die Nothwendigkeit der wirtschaftlichen Organisation der Juden leugnen? So schreitet die Erkenntnis immer weiter, Missverständnisse, falsche vorgefasste Meinungen klären s-:ich, machen einer warmen, regen Antheilnahme an unseren Bestrebungen Platz, so dass wir heute stark genug sind, an so grosse, bedeutungsvolle Unternehmungen, wie die Conditionslosen-Versicherung, zu schreiten, deren Gründung bekanntlich in wenigen Wochen bereits erfolgt. (Fortsetzung folgt.) Zionistische Versammlungen in Süd-Afrika. Johannesburg. Eine zahlreich besuchte Versammlung der Transvaal Zionist Association fand in Johannesburg Sonntag den 14. Juli statt. Der Zweck der Einberufung war die Entgegennahme der Berichte der Delegierten von Johannesburg bei der jüngsten zionistischen Conferenz über die Actionsfortschritte der letzten Zeit. Der Bericht war in seinen Grundzügen propagandistischer Art und wurde nach einer lebhaften Discussion mit Dank zur Kenntnis genommen. Von den beiden Delegierten gab Herr Kessler eine Uebersicht der bisherigen Geschichte des Zionismus und hob die Bedeutung der Audienz Dr. Herzls beim Sultan hervor. Reverend Dr. Hertz berichtete über den vierten Congress. in beredter AVeise schilderte er die Lage der osteuropäischen Juden, gab eine plastische Charakteristik der Hauptgestalten unserer Bewegung und hol) die wichtigsten Punkte der Oongressverhandlungcn. hervor. Den Führern, sowie den beiden Delegierten wurde einstimmig das Vertrauen votiert. Die Versammlung dauerte über 2 Stunden. East London. Am selben Tage fand in East London eine erfolgreiche Versammlung statt, die von allen Volksschichten besucht war. Den Vorsitz führte Mr. Henry Cohn, der die Versammlung mit einer Besprechung der jüngsten Erfolge eröffnete. Hierauf erklärte Mr. H. M. Cohen im Jargon die Zwecke der Organisation und führte aus, dass es zur Erreichung des Zieles einer straffen Einigung aller Kräfte und der Macht einer grossen finanziellen Institution bedarf. Er setzte die Bedeutung der Bank für unsere Zukunft auseinander und forderte zum Anschlüsse auf. Dem neugebüdeteii Vereine trat eine grosse Zahl der Anwesenden bei. Ungarische Protestrabbiner. In Stehiamanger (Szoinbathely) fand am 12. und 13. d. M. die vierte. Generalversammlung des „Transdanubischen Rabbiner Verbandes" statt. Bei dieser Gelegenheit hielt unser wackerer Gesinnungsgenosse Rabbiner Dr. Bernhard Singer aus Ta- 1» o I c. z a, wie „Egyenlöseg" berichtet, einen Vortrag über „Die Zukunft des Juden thums", in dem er in beredten Worten für den politischen Zionismus eintrat. Der unentwegt magyarisch-antixionistische Redacteur des „Egyenlöseg", der zugegen war, constatiert seihst den mächtigen Eindruck, den die Worte Dr. Singers auf die gesammte Zuhörerschaft übten. Diese gute Wirkung des Vortrages gieng aber den anwesenden streitbaren Protestrabbinern wider den Strich. Und es erhob sich Rabbiner Dr. Eduard N e u m a n n und richtete an die Versammlung die Frage, ob sie mit den Ausführungen Dr. Singers einverstanden sei. I n diese m Falle melde er seinen Protest an. Stimme aber die Versammlung Herrn Dr. Singer nicht bei, so möge sie das ausdrücklich erklären. Rabbiner Dr. Arnold K i s s hält es nicht für angebracht, dass die Versammlung eine private Meinung, die in einem Vortrage geäussert worden ist, zum Gegenstand der Debatte, mache. Rabbiner Dr. S t e i n h e r z schliesst sich dem Antrage Doctor Neumanns an, Das Wort sei nun einmal erklungen, der Zionismus