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Die Welt · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Article
H. Stewart Chamberlain und seine Beurtheilung des Judenthums
Date
1901-08-23
Page
6 (sequence 2)
Language
German
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Seite 6 „Die Welt?6 Nr.- 34 in seinem Innern. Denn höre: Chamberlain besuchte vor einiger Zeit seine Verwandten in England. Das England seiner Jugendzeit ist eine kleine Stadt; aber gross waren die Veränderungen, die hierselbst seit seinem letzten Aufenthalte in derselben — vor zwanzig Jahren— vor sieh ge-.! gangen sind; so gross, dass man wahrscheinlich kein Recht hat, es als eine Uebertreibung anzusehen, wenn er bei einem Kundgang durch das kleine Städtchen ausruft: „Ich er-, kannte mein E n g 1 a n d nicht wieder!" Denn drei oder gar l noch mehr als drei ihm wohlbekannte Bürger, waren aus der Umgebung, aus der Stadt verschwunden, und als er nach ihnen fragte, da erfuhr er, dass sie mit Hilfe — der Juden, die nun an ihrer Statt hausten, ihre Geschäfte betrieben, elend zugrunde gegangen sind. Wie war das nur gekommen? Wie erklärt sich diese Erscheinung? Chamberlain forschte nach der Ursache und fand sie in dem unterschiedenen geschäftlichen Princip der beiden Rassen. Mit dem Juden, zumal dem „deutschen Juden", wie man die jüdischen Einwanderer in England bezeichnet,, kam der bis dahin unerhörte Brauch und Miss brauch auf, schlechte aber billige Ware zu führen. Der Engländer als der redliche Geschäftsmann, die eonservative Natur, hielt an der guten aber theuren Ware fest und unterlag auf diese Weise der jüdischen Concurrenz . . . Schade, dass der englische Conservatismus sich nur im Kaufmann, nicht auch im Käufer bekundete ... In dem Städtchen freilich, wo Chamberlain weilte, wTar es bereits zu spät für die schöne Bethätigung dieses Conservatismus. Davon sollte sich Chamberlain. nur zu bald überzeugen. Er hatte einigen seiner Freunde auf dem Continent englische Taschenmesser versprochen — die englischen Taschenmesser gemessen, seitdem es Taschenmesser gibt, den ersten Ruf —, nun, denke Dir sein Entsetzen, als er, in der ganzen Stadt herumlaufend, nirgends ein solides englisches Taschenmesser auftreiben honnte! Und das haben die Juden „in nur zwanzig Jahren'4 vollbracht. „Und können Sie glauben" — schreibt Chamberlain an den Professor Motru, den Fragesteller über die rumänischen Juden — „können Sic glauben, dass solche Verhältnisse keine Erbitterung im Lande hervorrufen? . . . Sie werden eines Tages ganz unvorhergesehene Dinge erleben" —Am Ende eine Empörung der Engländer .ücgen die unsoliden — Taschenmesser .. Eine Revolution, wegen Taschenmesser — das wäre in der That ein unvorhergesehenes Ding. Doch des Scherzes genug! Kehren wir den Ernst hervor, oder besser, kehren wir zum Ernst zurück. Es ist ernst und traurig, dass Männer zuzeiten oder sagen wir doch zur Unzeit, wie Kinder reden. Und als ob es nicht genug wäre an Kindereien, die Chamberlain über die verderblichen und gefahrdrohenden Eigenschaften der Juden vorbringt, wiederholt er auch hier die Behauptung, das Judentlmni strebe nach nichts weniger als nach der Weltherrschaft. Schon unsere Propheten hätten diese Aspirationen gehabt und haben ihnen in derben Wendungen Ausdruck gegeben; und das Judenthum der Gegenwart gäbe noch immer diesen Anspruch nicht auf. Und al.s schlagen-' den Beleg hiefür citiert Chamberlain hier wie in seinem Hauptwerk einen Passus aus der Rede eines Zionisten auf denn zweiten Baseler Congress: „Wir Juden weisen das Aufgehen in die übrigen Nationalitäten mit aller Energie zurück und halten unsere historischen Hoffnungen fest!"'* Und diese historische Hoffnung — das ist der Schluss Chamberlains ad spectatores — ist natürlich: die Hoffnung auf Weltherrschaft. Ich glaube doch, dass Chamberlains Angriffe gegen das Judenthum etwas verspätet erfolgt sind. Noch vor kurzem vielleicht hätte man einem grossen Theile der Juden den Vorwurf durchaus materialistischer Denk- und Empfinduiigsart machen können. Heute aber tritt — allerdings wiederum bloss in einem Theile der Juden — eine Anschauung zutage, die man kaum wird des Materialismus bezichtigen können. Jawohl, wir hegen historische Hoffnungen; wir wollen und werden sie nicht aufgeben. 9 Dass wir aber darunter keine anmassenden und vor allem keine lächerlichen Aspirationen begreifen, sondern den Anbruch ersehnen einer neuen Zeit, einer Zeit der Erneuerung unseres geschichtlichen und nationalen Lebens, das hoffen wir auch den erbittertsten Gegnern des Judenthums noch klar machen zu können: und zwar in sichtbaren Formen und Gestalten. (Schluss folgt.) Idyllisches aus Ungarn. Der Anfang vom Ende der liberalen Herrlichkeit in Ungarn ist heute bereits den ausgewachsensten Vogel Strauss-Exemplaren unter den Juden Ungarns sichtbar. Der offene Antisemitismus ist zwar gegenwärtig noch nicht ganz regierungsfähig, aber er wird von regicrungswegen nflPt kaum verhohlenem Wohlwollen geduldet und, wo ihm auch nur das fadenscheinigste Mäntelchen umgehängt werden kann, direct gefördert. Grälliche „Agrarier"', die der Regierungspartei angehören, wetteifern mit radical schillernden demagogischen Oppositionsführern darin, den Judenhass in allen Kreisen der Gesellschaft zu schüren. Was im Verlaufe der letzten Monate an antisemitischer Verhetzung der Bevölkerung unter der olfenkundigen Schutzherrschaft des „liberalen" Cabinets S z 011 geleisetet M orden ist, davon wird ein Kenner der ungarischen Verhältnisse in einer der nächsten Nummern der „WTelti£ eine hochinteressante Schilderung entwerfen. Für jetzt wollen wir nur auf die ungestörte Colportage des Blutmürehens hinweisen, die seit Monaten im ganzen Lande geschäftsmässig betrieben wird und von deren Ergebnissen hin und wieder eine Mittheilung durch die Tagesblätter flattert. Ein schlagendes Beispiel dafür, wie weit die Verhetzung an einzelnen Orten bereits gediehen ist, bietet eine Zuschrift, die Herr IUifbbiner Dr. Rosenbaum in Kronstadt (Brasso) an uns richtet und die wir hier folgen lassen: Löbliche Redaction! Seit ungefähr zwei Monaten ist hier das Gerücht verbreitet, dass die hiesigen rumänischen Popen von den Kanzeln herab ihre Gläubigen gewarnt hätten, sie sollten ihre Kinder gegen die Juden, die im Begriffe seien, ihren neuerbauten Tempel durch Christenblut einzuweihen, in Schutz nehmen und überaus wachsam sein, damit nicht ihre Kinder in die Hände von Juden gerathen. Anfangs wurde dies als einfaches Gerücht betrachtet und schon darum nicht ernst genommen, weil die hiesigen rumänischen Geistlichen ausnahmsweise intelligente Leute sind, die ihre höhere Ausbildung in Deutschland genossen haben. Vorige Woche aber haben zwei Frauen — eine sächsische und eine rumänische — die beide im rumänischen Viertel wohnen, bei der hiesigen Stadthauptmannschaft die Anzeige erstattet und zu Protokoll gegeben, dass ein Jude bei ihnen erschienen sei und ihnen 5000 Gulden für ein Kind angeboten habe, welches Ansinnen besonders die deutsche Frau aufs energischeste zurückgewiesen habe. Sie habe den Juden so lange geprügelt, bis er Reissaus genommen und sich in die Berge geflüchtet habe. Drei Tage später brachte ein hiesiges deutsches Wochenblatt, welches deutsche Cultur zu verbreiten vorgibt, folgende Notiz: „Achtgeben, Eltern, die Sache ist nicht spasshaft! Die Welt munkelt und munkelt über diesen Fall recht fatal, sie sagt: . . . Aliasver gienge um." Gestern, den 13. d. M.. verirrte sich ein fremder Jude aus B r a i 1 a in das rumänische Stadtviertel und wurde beinahe todtgeschlagen. Angeblich wollte er einen walachischen Knaben von 4—5 Jahren rauben, des Kindes Eltern hätten es bemerkt und ihm das Kind aus den Armen gerissen. Wenn nicht ein hiesiger Arzt namens J e k e 1 i u s dem armen Juden zu Hilfe gekommen wäre, so würde er sicher gelyncht worden sein. Man brachte den Mann zur Stadthauptmannschaft. Hunderte fanatisierte Rumänen schwören hoch und heilig, mit eigenen Augen gesehen zu haben, dass der Jude das Kind rauben wollte. Vor der Stadthauptniannschaft entstand eine Ansammlung von einigen hundert Rumänen .und Sachsen, die die Herausgabe des „Blutsaugers" forderten. Ein Verhör beginnt und dauert fort; inzwischen rotten sich immer mehr Leute zusammen, schreien, dass sie den Tempel demolieren werden und flüstern einander zu, die Regierung würde für 400 000 Gulden abgekauft, dass sie erlaube, 99 Christen-Kinder hinzuschlachten als Weihopfer für den neuen Tempel.

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