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Die Welt · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Article
Ein philhellenischer Rabbiner
Date
1901-08-23
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 34 „Die Welt" Seite 5 Ihr die Oberhand gewinnen könnt über diese Schädlinge unseres Volksthums. Scharf angefasst, und glänzend wird der Triumph sein. „Die thränend gesäet haben, mit Wonne werden sie ernten." Julius Upfimhy. H. Stewart Chamberlain und seine Beurtheilung des Judenthums*.) Von Bernard Tag. Y-; Ein fortlaufender Commentar zu Chamberlains Exeurs über das Judenthum — das wäre allerdings die beste Art, mein Freund, wie man seine Behauptungen mit Erfolg bekämpfen könnte. Und es wäre eine Arbeit, die in Anbetracht der Bedeutung und Wirkung Chamberlains sich wohl lohnen möchte. Wohl scheint bei so manchem von uns die Ansicht vorzuwalten, man müfcse einer einzelnen Erscheinung, einem Chamberlain, nicht all zu viel Wichtigkeit beilegen. Und indem man sich begnügt, diese Stellung gegen das Judenthum aus der Bewegung der Zeit abzuleiten, vertröstet man sich auf andere bessere Zeiten, die neue, günstigere Strömungen erzeugen werden. Kann nun aber nicht geleugnet werden, dass die einzelne Individualität mächtige Wirkungen hervorzurufen vermag, auch wenn sie gegen den Strom der Zeit schwimmt, um wrie viel mehr muss die Thätigkeit des Einzelnen beachtet werden, wenn dieser, durch sich selbst schon einen geistigen Wert repräsentierend, auch in der herrschenden Bewegung einen Rückhalt findet. Chamberlains Behandlungsart und Auffassung der Kassenfrage weist ja genugsam darauf hin, dass nothwendig eine Brück( führen muss von seiner theoretischen Gegnerschaft zum politischen Eassenantisemitismus. In der That haben die Ausführungen Chamberlains über das Judenthum für die germanischen Rassenantisemiten, zumal hier in Oesterreich, den Wert einer Sanction gleichsam ihrer politischen Anschauungen. Die Politik, die derbste, die ungenierteste Form menschlicher Bethätigung, kann zwar auf zarte Argumente, auf tiefere Motivierung ihres Verfahrens Verzicht leisten; aber es schmeichelt ihr, wenn sie sich auf eine Autorität berufen kann. Und übrigens, wer weiss, ob nicht sogar auf dem untersten Grunde des politischen Getriebes hie und da die Stimme des Gewissens sich vernehmen lässt, und der Mensch mitten im Ausbruch der Leidenschaft, nach einer ehrlichen Rechtfertigung seiner Handlungsweise sich sehnt. Immerhin bleibt es von hohem Interesse, die Berührungen zu beobachten zwischen dem Gebiete der Politik und demjenigen der Wissenschaft, der Philosophie. Kann man nicht als Politiker in allen Stücken mit Chamberlain gehen, zumal er es liebt, recht aparte Wege zu wandeln; kann man zum Beispiel als Deutschnationaler mit seinem weitherzigen Begriff des Germanenthums, worunter Chamberlain auch Kelten und Slaven begreift, politisch nichts anfangen, so fühlt man sich dennoch gehoben in dem Bewusstsein eines in vielen Punkten gemeinsamen Culturideals, als dessen edler Repräsentant Chamberlain erscheint. Und wenn nun ein Mann von seiner Bildung, ein Mann, der auf den Höhen der Kunst und anderer schönen Sphären wandelt, zum Grundton seiner Empfindung und Darstellung den Ton tiefster Abneigung gegen dasjenige Volk hören lässt, das man ebenfalls aus ganzer Seele hasst, wie sollte jenes Bewusstsein der Gemeinsamkeit nicht noch *) Siehe „Die Welt" Nr. Ll% 24, 26 und 28. In dem Aufsatze in Nr. 28 wolle corrigiert werden: S. 8, Spalte 1, Zeile 8 soll es heissen : statt „von Herzen" — „von Herder"; S. 9, Spalte 1, Zeile 54 anstatt „Bestrebung" — „Betrachtung"; S. 9, Spalte 2, Zeile 9 statt „viel zu viel Weisheit?11 — „viel zu viel. Weisheit?", Zeile 15 statt „geben" — Ägaben\ mehr gestärkt werden! Wie sollte man auf jenen Ton nicht hinhorchen, wo immer derselbe von Chamberlain angeschlagen wird! Man muss sehen, mit welcher Hochachtung ein politisches Parteiblatt von Chamberlain spricht, indem es einen Aufsatz von ihm abdruckt, der seinerzeit als Antwort Chamberlains auf die Präge über die Gleichberechtigung der rumänischen Juden in einer rumänischen Zeitschrift erschienen war. Man muss sehen, wie man hier aufrichtig den Rangunterschied einbekerint zwischen 1 trüber Tagespolitik und ernst geistigem Streben. Nicht um Chamberlain in das politische Fahrwasser hincinzulocken, bringe man seine Ansicht über die rumänische Judenfrage vor, sondern deshalb, weil sein mannhafter, rücksichtsloser Standpunkt gegenüber dem Judenthunv berechtigtes Aufsehen hervorgerufen und nicht genug beachtet werden könne. In der That bilden seine Ausführungen über „Rasse und Nation" ein bezeichnendes Pendant zu seinen Anschauungen, die wir aus den „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts" kennen. Hier, in seinem Hauptwerk, behandelt Chamberlain ja ausschliesslich das Judenthum der Vergangenheit, das historische Judenthum. Und wenn auch so manche Schlaglichter auf das Judenthum der Gegenwart fallen — die Stellung Chamberlains zur Lösung der allgemeinen Frage des Judenthums bleibt dunkel, unklar. Es ist kein Zweifel, dass der zweite Band uns darüber genügenden Aufschluss geben wird. Der "Mann, der so eifrig und leidenschaftlich eine Umwertung des, man sollte meinen, für immer feststehenden Werturtheils über die religiöse Bedeutung des historischen Judenthums anstrebt, wird wohl damit einen ganz bestimmten, pädagogischen Zweck für die Gegenwart, wenigstens für die germanische Gegenwart verbinden. Aus seiner Antwort auf die Frage, ob man den rumänischen Juden Gleichberechtigung geben solle, mehr noch: aus der Art, wie er seine Antwort begründet, kann man einigermassen auf die Richtung schliessen, in der sich seine Gedanken über die rechtliche Stellung der Juden innerhalb der Völker des Abendlandes bewegen dürften. Man gebe, so meint Chamberlain, den rumänischen Juden „gewisse bürgerliche Rechte, wie man sie allen Fremden gibt; man räume ihnen als alten Insassen des Landes weitergehende Vorrechte ein; aber . . . man räume ihnen kein politisches Recht und kein Recht auf Grundbesitz ein". Was diese Entscheidung besagt, wollen wir hier unerörtert lassen. Die Frage zum Beispiel, welchen Antheil die Juden, und zumal der einzelne, an der Politik des Volkes, in dessen Mitte er lebt, nehmen soll, ist allein tfehon ein Problem für sich. Sie ist, wie Du weisst, vor einiger Zeit in zionistischen Kreisen aufgeworfen, aber viel zu leicht behandelt worden, und ist vorläufig von der Tagesordnung verschwunden. Doch hören wir die Begründung Chamberlains. Das rumänische Volk sei als Rasse noch nicht stark genug und würde, falls es den Juden. Gleichberechtigung gäbe, schon nach einigen Generationen der stärkeren jüdischen Rasse unterliegen. „Ein nimänisehes Volk würde es überhaupt nicht geben, sondern in einem, neuen Palästina würde eine sehr zahlreiche Minderheit reinrassiger Juden mit eiserner Faust die neuen Kanaaniter bedrücken und sie bis aufs Blut schinden." Das ist fürwahr ein trauriges Zukunftsbild, und die Rumänen werden es sieh nun wohl überlegen, sich durch leichtsinnige Ertheilung einer Gleichberechtigung eine solche Zukunft zu bereiten. Und um dieses Bild nur umso glaubwürdiger zu machen, erzählt Chamberlain eine Geschichte, eine wahrhaftige, eine furchtbare Geschichte, die er selbst erlebt hat. So wisse denn, mein Freund, in England bereiten sich schreckliche Dinge vor. Xoeh ist das bislang so mächtige, so stolze Albion mit dem winzigen, aber heldenmüthigen Völkchen der Buren nicht fertig, und schon nistet ein. viel schrecklicherer Feind

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