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Die Welt · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Article
Das östliche Judenthum im Lichte eines Berliner "Israeliten"
Date
1901-08-23
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 34 dinavischen Ländern dahinschwindet, so ist das ja nicht der grösste und hervorragendste Theil des westlichen Judenthums. Was nun Ihre Verherrlichung der östlichen Judenheit betrifft, so stimme ich mit Ihnen theilweise überein, Ich schätze die russischen Juden hoch. Sie haben viele Kenntnisse in allen Zweigen der jüdischen Lehre, und das ist mir sehr sympathisch. Aber schliesslich ist ja bei einem ganzen Volke die Kenntnis seiner Geistesschätze noch nicht alles; es müssen viele seelische und moralische Eigenschaften hinzukommen. Ich seh ätze die russischen Juden wegen ihres hohen Muthes und ihrer mannigfachen Fähigkeiten. Viele von ihnen haben sich glücklich aufgeschwungen, die Ghetto-Merkmale abgelegt und sind Mustermenschen geworden. Was die grossen Massen in Bussland betrifft, so ist es mir nicht unbekannt, dass es unter ihnen auch Schmuggler, Seelenverkäufer, Betrüger und Auswürflinge gibt. Andererseits gibt es aber viele gute Beispiele von vortrefflichen Männern, Gelehrten und sonstigen tüchtigen Leuten. Ueberhaupt haben sich die Einsichtsvolleren unter uns westlichen Juden schon längst gesagt: Dieses Volk muss von Haus aus edel geartet sein. Denn alle Schwächen und Fehler, die es aufweist, liegen ja in der ISTatur seiner politischen und ökonomischen Lage, wohingegen die Vorzüge, die es besitzt, eigentlich Erstaunen hervorrufen müssen. Allem Elend und aller Unterdrückung zum Trotz haben diese Juden viele ausgezeichnete Sitten und vortreff liche Eigenschaften bewahrt. Da ist zum Beispiel die zionistische Bewegung. Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, dass ich ge g e n diese Bewegung bin — aus vielen Gründen; allenfalls könnte ich noch die nationalen Bestrebungen zum Theil gutheissen, aber die politische Bewegung ist meiner Ansicht nach eine gefährliche Utopie. Dennoch hat uns diese Sache die russischen Juden sympathisch gemacht. Sie sind selbständig und zeigen, dass sie auf unsere Rathschläge nicht angewiesen sind. Es wäre ein Leichtes gewesen, sich der Bewegung anzuschliessen, wenn die reichen Juden des Westens sie unterstützt hätten. Dass die russischen Juden es aber ohne uns, trotz uns thun, darin sehen wir, obgleich wir es nicht billigen können, grosse Entschlossenheit und ein untrügliches Zeichen von Lebenskraft und starker Empfindung. Man sagt uns, dass die Schekelgelder und die Shares der zionistischen Colonialbank zumeist ans den Taschen der Armen flössen, und es gibt Leute, die es übel nehmen, dass man von den Allerärmsten Geld nahm. Allein der moralische Eutzen, der aus dieser Bewegung erwächst, 1 ä s s t sieh gar nicht ermesse n. W e n n d i e Armen ihren letzten Groschen für e i n e n a t i o n a 1 e Schöpfung h erg e b e n., wiev i e 1 Idealismus steckt darin! Und das thun die Angehörigen eines Volkes, das seit Jahrtausenden grenzenlose Leiden erduldet und dessen Lage auch jetzt noch sehr sehlecht ist. Die vielen Leiden haben es nicht vermocht, ihm die Ehre zu rauben. In gewisser Beziehung werden auch wir im Westen dieser Ehre theilhaftig. Die russischen Juden wissen selbst nicht, wie sehr sich diese Groschen summieren und welchen Nutzen sie ihnen bringen werden. Das höchste Volksgut ist die Ehre. Man hat im Westen schon gelernt, dass die russischen Juden keine Masse von Schnorrern sind; man beginnt nachgerade voll Hochachtung auf sie zu blicken." Ein philhellenischer Rabbiner. Wieder einer. Wir haben Brüder unten in der Heimat, auf die wir stolz sein können. Das sind wieder Juden, zu denen Heine nach seinem Worte hundert Stunden weit reisen würde, um einem von ihnen die Hand zu drücken. Sie können dort unten nur ihr Herz befriedigen, sehr schwer den genügsamen Körper, weil es die Schändlichkeit einiger Geldsäcke so will; und doch liegt in der mannhaften Zähigkeit, mit der sie um ihr Stückchen Heimatserde kämpfen, ein klangvolles Versprechen, dass Juda daran geht, seinen ersten Platz unter den Nationen wieder zu erringen. Wie gesagt, jetzt geht es ihnen noch schlecht und wir Zionisten müssen ihnen traurig zurufen: Ihr müsst noch warten, warten, bis wir hier alle Juden sehend gemacht haben werden, dass jeder seinen Bruder und seinen Feind erkenne. In die leibliche Noth da unten brach ein Hoffnungsschimmer. Die Ethrogim, den Juden bis heute von den Griechen geliefert, wurden in Palästina angebaut und sind gerathen. Die paar tausend Francs von ihrem Ertrage würden Pflaster für viele Wunden sein. Das schrieben unsere Brüder überall hin, wo Juden wohnen, und waren in froher Erwartung. Was ist natürlicher, wras selbstverständlicher, als -dass jeder Jude, dem die Aufforderung bekannt wird, sich energisch für die angestrebte Ausführung einsetzt, wo doch keine politische Schrulle jemandes Borniertheit unterstützt? Gar nichts ist natürlich, gar nichts selbstverständlich. Es gibt eben Leute, die eine hervorragende Fähigkeit haben, sich lächerlich zu machen. Es thut uns leid, constatieren zu müssen, dass wir unter den modernen Kabbinern sehr viele solche Talente gefunden haben. Wenn's nicht gar so traurig wäre, man könnte sich fröhlich amüsieren. Koch nicht lange ist es her, da haben die Protestrabbiner ihr Giftsüppchen gegen uns gebraut, und heute kann jeder in einer Wiener jüdischen Zeitung lesen, wie der Rabbiner der Josef stadt, Dr. Hahn, zum erwähnten Aufruf Stellung nimmt. Durch leeres Gerede zwingen wir uns bis zu dem schönsten Satze durch: „Keineswegs haben wir die Absicht, anderen Producenten (aus Griechenland) jüdischer oder nicht jüdischer Confession zu schaden." Aber, aber! Bleiben wir bei den Thatsachen und constatieren wir, dass es jüdische Concurrenz gegen die Griechen nicht gibt, weil sie sich einfach nicht erhalten kann gegen notorisch verrufene, äusserst geriebene Betrüger, die zugleich die glühendsten Judenfeinde sind. Das dürfte Herrn Dr. Hahn nicht entgangen sein, und doch schrieb er: „Es darf in dieser Beziehung (Ethrogim- Handel) kein Unterschied gemacht werden." Unsere thätige Menschenliebe müsse sich auch auf unsere Feinde erstrecken usw. So macht man die Agitation wirkungslos. Ekelhafte Wassersuppe! Was für ein Interesse treibt denn eigentlich diese Leute an, die Mannhaftigkeit in unserem Volke gewaltsam ersticken zu wollen? Handküsse für Prügel gibt ein Sclave, wir nicht einmal auf Empfehlung Dr. Hahns! Sinnlos und ohne Würde preist diese Sorte ethisch schillernder, aber durchsichtiger Eunuchen den Juden alle Arten der Liebe an: Zu Deutschen, Czechen, Liberalen, Demokraten, nur nicht zu Juden. Gerade wie die Kinder singen: „Einmal hin, einmal her, ringsherum, das ist nicht schwer." Es wird schon noch die Zeit kommen, wo der Volksverdummung auch bei den Juden das Handwerk gelegt werden wird. Dass wir es nur recht scharf heraussagen: Wir pfeifen auf die Griechen, wenn Juden dafür hungern sollte n. Da kenne ich einen Slovenen, der an sein slovenisches Pfarramt einen deutschen Brief geschrieben hat. Drei Generationen wären nöthig, um die Ehrenbeleidigungsstrafen abzusitzen, wenn man die Antwort einklagen würde. So steht ein kleiner Kaplan in irgendeinem Wolkennest auf seinem Posten. Uiid Sie, Dr. Hahn? Sie sind officiell ein Führer, ein Berufener im Judenthum. Wer gab Ihnen den Muth, unseren braven Brüdern in den Rücken zu fallen? Mussten Sie gar so dringend reden? Unerforschlich sind uns Ihre Beweggründe, und uns bleibt zum Trost nur das Sprichwort: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand dazu. An die Arbeit, Zionisten! Zeigt unseren Brüdern, dass

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