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Die Welt · 1901-08-23 · 34 (23.8.1901) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
34 (23.8.1901)
Article
Zur Lage der jüdischen Landarbeiter in Palästina
Date
1901-08-23
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 34 „Die & Welt" Seite 3 sondern nur um ihre und ihrer Kinder Zukunft. Sie strebten nur darnach, einen festen Halt im Lande zu gewinnen, was durch die unselbständige Arbeit und durch Unterstützungen nicht erreicht werden kann. Erst als die Colonien in die Verwaltung der „Ica" übergiengen und diese ihren Willen kundgab, nichts für die Arbeiter zu thun, tiengen die Arbeiter an, auszuwandern, weil ihnen jede Hoffnung entschwunden war, im Lande für sich und ihre Kinder eine feste Existenz zu schallen. Der geehrte Artikelschreiber erzählt ferner: „In dieser Angelegenheit nun berichtet uns die Abordnung, dass sie Versprechungen erhalten hat, wonach den Arbeitern Arbeit verschafft werden wird." Also noch einmal Arbeit auf Grund von Philanthropie! Ausserdem aber möchten wir den Herrn Artikelschreiber fragen, wie es kommt, dass er so siegesgewiss von den erwähnten Versprechungen erzählt, während die Abordnung selbst durchaus keine trügerischen Hoffnungen erweckt und zur Erkenntnis gekommen ist, dass es trotz der vielen Versprechungen keine Arbeit und keine Ansiedelung geben wird? Diese Versprechungen sind schon früher ohne die Fürsprache der Abordnung gemacht worden und wurden jetzt nur wiederholt, weil man hoffte, dass sie einzelne Mitglieder der Delegation beruhigen werden. Der geehrte Artikelschreiber bringt auch die erfreuliche Nachricht, dass das Grundstück K e f a r Saba erworben worden ist und dahin jüdische Landarbeiter geschickt wurden. Weiss aber der geehrte Artikelschreiber, dass die Arbeit auf diesem neuerworbenen Grundstück nur einen Monat dauerte, dass die Zahl der jüdischen Arbeiter, die aufgenommen worden war, weit geringer ist als die Zahl der arabischen Arbeiter, nämlich 18 Juden gegen 40 Araber, und dass auch diese kleine Zahl nur widerwillig, „aus Barmherzigkeit", aufgenommen wurde? Wir stellen zwar nicht in Abrede, dass Baron Rothschild einer von denen ist, die wenig versprechen und viel halten, und glauben wohl, dass er den Boden von C h a r a n, wie er versprochen hat, den Arbeitern zum Geschenke machen wird, nachdem alle Coneessionen gewährt sein werden. Allein die Abordnung, die bei der Abgabe des Versprechens zugegen war, spricht dennoch nicht davon als von einer abgemachten Sache, während der geehrte Artikelschreiber die Angelegenheit so hinstellt, als könnten die Arbeiter schon jezt von dem Boden Besitz nehmen und es fehlte ihnen nur an einer „Mitgift von 10.000 Francs pro Familie". Er wirft nun die Frage auf: „Warum betrachten die Arbeiter ein ausgedehntes Grundstück als eine ganz wertlose Sache, wenn sie keine ,Mitgift von 10 000 Francs' dazu bekommen?'*' Er bringt viele Beweise bei. dass man sich auch mit viel kleineren Summen ansiedeln könne, um schliesslich dahin zu eoncludiereii: „Wenn die Grundlage für eine Ansiedlung wie in diesem Falle gegeben ist, müsste die Organisation der Arbeiter zeigen, dass sie zur Colonisation ebenso geeignet sind wie die Landleute aller anderen Völker." Der Artikelschreiber ist vollkommen im Rechte. Wir geben ohneweiters zu, dass die Organisation der Arbeiter ihre Anpassungsfähigkeit an die ungünstigsten Verhältnisse beweisen muss. Wir können ihm noch mehr sagen: Es besteht schon bei uns eine Art Plan zur Ansiedlung, dessen Verwirklichung keine „Mitgift von 10.000 Frcs.", auch keine von 5000 Frcs. erfordert. Die Sache hat aber den Haken, dass die Abordnung eben nichts ausgerichtet und die Grundlage für die Ansiedlung der Arbeiter nicht verschafft hat. Denn wie Herr M e i e r s o h n erklärte, wird der Boden von Charan erst nach einem Zeiträume von mehreren Jahren zur Besiedelung geeignet sein, und wer weiss, was bis dahin geschehen wird. Warum also erweckt der geehrte Artikelschreiber bei den Lesern falsche Vorstellungen? Möge er es nur einmal versuchen, für einen Theil der Arbeiter die Zuweisung irgendeines Grundstückes bei der „Ica" zu erwirken, welches sofort besiedelt werden kann. Wir würden uns in diesem Falle verpflichten, zu zeigen, dass wir ohne Unterstützung Grossartiges leisten können, vorausgesetzt, dass wir ganz unabhängig, ohne jede Bevormundung, in unseren Handlungen wären. Wadi-Chanin, 8. Ab 50GL (Folgen Unterschriften.) Das östliche Judenthum im Lichte eines Berliner „Israeliten". In Nr. 31 der vom Verlag „AchiasaP in Warschau herausgegebenen hebräische]! Wochenschrift „H a d o r" erzählt Dr. S. B e r n f e 1 d sehr interessante .Einzelheiten aus einem Gespräch, das er vor kurzem mit einem hervorragenden Berliner jüdischen. Gelehrten hatte, der auch im Gemeindeleben eine führende Rolle inne hat. Das Gespräch, das sich anfangs um ganz indifferente Dinge drehte, nahm plötzlich eine Wendung nach der Richtung jüdischer Zeit- und Tagesfragen hin. Dr. Bernfeld bemerkte, das westliche Judenthum sei in unaufhaltsamem Niedergange begriffen und müsse sich mit der Zeit ganz auflösen, es sei denn, dass ungewöhnliche Ereignisse dem Zersetzungsprocess Einhalt gebieten sollten. Er wies ferner darauf hin, dass in den Ländern, deren jüdische Bevölkerung vom Osten her aus irgendwelchen Ursachen steten Zufluss erhält, das Judenthum noch ziemlich standfest sei, dass es hingegen in den übrigen Ländern des Westens augenscheinlich dahinschwinde. Man sehe sich bloss I t a 1 i e n an, das noch ein Menschenalter vor uns reges jüdisches Leben beherbergte (es genügt, die Namlen L u z z a 11 o , R e g g i o , AI m a n z i usw. ins Gedächtnis zu rufen), heute aber in Bezug auf Judenthuni eine trostlose Leere aufweist. Die Zukunft des Jiidcnthums ruhe also einzig und allein in den Ländern des Ostens. Darauf erwiderte der erwähnte Gelehrte aus den leitenden deutsch-israelitischen Kreisen: „Meine Jugend fiel in eine Zeit des Friedens und der Duldung: in das Ende der Sechziger- und den Anfang der Siebziger jähre. Ich weiss nicht, wie damals die grosse jüdische Menge dachte und empfand, aber die Geistesströnumgen innerhall) der Gebildeten kann ich Ihnen sehr genau schildern. Das Judenthum war uns ein ethischer und historischer Begriff. Der grösste Theil seiner religiösen Bräuche war unserem Geiste schon fremd geworden. Aber indem wir uns von diesen lossagte]!, wurden wir nicht dem »Judenthuni untreu, dessen historischen und ethischen Kern wir vielmehr hochhielten. Wenn man jetzt glaubt, auf diese Weise habe das Judenthuni zurückgehen müssen, so ist das ein Irrthum. Die Menge hielt noch an der väterlichen Religion fest, und wir Gebildeten liebten die jüdischen Erinnerungen. Und da wir um dessentwillen durchaus nicht zu leiden oder irgendwelche Schmach zu erdulden hatten, blieben wir Juden. Wohl nahm d i e K c n n t n i s des J u cl e n t h u m s immer mehr ab, aber das lag an den Zeitumständen; können wir ja selbst jetzt, wo die Anfeindungen uns fester an das Judenthum gekettet haben, noch immer nicht wahrnehmen, dass dessen Erkenntnis sich unter uns verbreitete. Das hängt wie gesagt von verschiedenen Umständen ab, auf die bloss die geschichtliche Entwicklung einwirken kann, nicht aber irgendeiner von uns. Es mögen sich heute, wo wir um unsere Zukunft bange sind, freigebige Leute unter uns finden, die grosse Geldbeträge für literarische Unternehmungen, die das Judenthuni betreffen, hergeben. Aber glauben Sie wirklich, dass das Judenthum auf diese künstliche Art erhalten bleiben wird? Die Bewegung muss von den unteren Schichten ausgehen; die müssen am Judenthum festhalten, nicht aber erst von uns Anregungen empfangen. Uebrigens: wie immer sich auch cjie Sache verhalten mag, ist vorläufig nicht zu befürchten, dass das Judenthum ganz untergehen wird. Ein Aufgehen in Ehren konnte uns noch bereit finden, aber eine erzwungene-Verschmelzung nie und nimmer. Wurmstichige Früchte fallen auch sonst ab, doch der Baum hört deswegen nicht auf, Früchte zu tragen, und wäre es auch nur, wie Sie sagen, weil der Einfluss der östlichen Juden das Judenthum im Westen hindert, ganz unterzugehen. Wenn das Judenthum in Italien und den scan-

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