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Die Welt · 1901-08-16 · 33 (16.8.1901) · p. 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
33 (16.8.1901)
Article
Auf dem Wege nachhause
Date
1901-08-16
Page
12 (sequence 2)
Language
German
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Seite 12 „Die # Welt" Nr. 33 sie will wiederkommen, bald wiederkommen. Nun ist sie gar so lange nicht zuhause gewesen. Zwei Jahre. Seitdem sie verheiratet ist. Man kommt nicht dazu, an dem Willen fehlt es ja nicht. Oft hat sie es sich vorgenommen, aber immer kam etwas dazwischen und vereitelte ihren Plan. Manchmal war sie im Haushalte zu sehr beschäftigt., ein andermal war es Alfred, der sie davon abredete. Und dann waren ja die Eltern oft bei ihr zu Besuch. Aber das ist doch nicht das Richtige, zuhause sein ist ganz was anderes. Es ist geradezu, als würde der Ort auf die Individualität eines jeden Einflnss haben. Die Eltern sind ganz andere bei ihr, und sie ist eine andere mit dein Moment, wo sie das Vaterhaus betritt. Als würde sie sonst immer auf den Zehen einhergehen und könnte erst hier getrost auftreten, ohne sich dabei schmutzig zu machen. So sicher und frei ist sie hier. Eigenthümlich, zwischen ihren vier Wänden fühlt sie sich nie so sicher und frei. Es dünkt ihr jetzt, als wäre etwas darin, das nicht sie selbst ist, etwas Fremdes, auf das sie immer Rücksicht zu nehmen gezwungen ist in all ihrem Thun. Und wie diese Leute reden! Jargon, kein Deutsch, kein Jüdisch; aber wirklich, ihr hat es wohlgethan. Gewiss, es ist nicht schön, aber sie hat es umschmeichelt wie weiche wohlige Düfte. Geherzt hat es sie, zum Kind hat es sie gemacht. Es hat den Zwang der Cnltur aus ihrem Fühlen verscheucht. Zwang der Cultur! — Gott im Himmel! Das ist nicht so wörtlich zu nehmen, aber es ist schon etwas dabei. Sie fühlt, dass etwas Wahres darin liegt. Gott, wie sie mit einemmale ganz anders denkt! Wenn das Alfred wüsste! Sie weiss, wenn sie nachhause kommt und d a s ihrem Mann erzählen würde, er würde sie auslachen, direct auslachen. „Bist Du auch unter die Sentimentalen gegangen?" Und er wird etwas im Jargon sagen und in seinem Munde wird sie es hässlich, abscheulich finden. Wie das doch kommt! Das ist ja alles so sonderbar. Darüber hat sie noch nie nachgedacht. Und jetzt stürmt das alles auf sie ein, drängt sich ihr auf. Ihr fällt ein jüdisches Sprichwort ein: M'schane mokaum, mschane masol. Wer den Ort wechselt, wechselt auch das Glück. Sie rindet dieses Sprichwort ganz natürlich, und früher dachte sie, es stecke etwas wie Aberglauben darin. Andere Verhältnisse bedingen ein anderes Glück. So klingt das schon ganz anders, ganz modern. Das ist es eben, wir können dem Jüdischen nicht die eigene Note abgewinnen. Vielleicht wollen wir es nicht einmal. Ja, ja. Eigenthümlich. woran sie denken muss; und doch, es thut ihr ganz wohl, daran zu denken. Es ist ihr, als wäre durch eine unbeachtete Fuge in ihr Fühlen und Denken ein goldener Sonnenstrahl von da draussen gefallen und hätte alles drin klar und hell gemacht. Und der Zug wiegt sie, und sie fährt nachbaust» ....... Mit dem Anfang ihrer Ehe war sie in andere Verhältnisse getreten und sie hatte sich bald darein gefunden. Alfred war mit ihr zufrieden, weil sie ihren Platz als Frau Doctor in der Gesellschaft so gut auszufüllen verstand. Sie wird sich desen bewnsst, dass ihr Leben mehr ein Leben für andere, vielleicht sogar für a n d e r e s war und dass ihr Glück bloss wie Brosamen gewesen. Dass sie mit der Zeit eine andere geworden, das war nur selbstverständlich, und das wollte sie schliesslich, das war ja ihr Streben. Die Zeiten von Vater und Mutter waren längst vorüber. Ihr Streben ---Jetzt dünkt es ihr, als wäre auch etwas Rässliches darin gelegen, eine Art von Auskneifen, eine Lüge. Sie verkehrt sogar in christlichen Gesellschaftskreisen und ist dort beliebt, aber sie verkehrt nicht einfach, sondern sie \erkehr sogar. Dieses Sogar sagt ihr, dass man ihr etwas geschenkt hat, als man sie dort aufnahm. Sie fühlt es, sie ist dort nur „der dreizehnte bei Tisch", aber gerade d e r hat es am besten zu wissen, wieviel Dank er schuldet. --— 0 diese Ironie! Und ein bitterer Geschmack legt sich ihr in den Mund. Ja, warum bemerkt sie das alles jetzt? Warum gehen ihr gerade jetzt die Augen-auf? Und Alfred? Hat er das nie gefühlt? Ist ihm diese Hanswurstelei noch nie aufgefallen? Und das sind doch die gebildeten Kreise mit dem verfeinerten ästhetischen Gefühl, wo sie verkehrt, denen die Wissenschaft den Menschen lieben gelehrt. Und was sind wir — wir — wir Juden?! Und Yater! Und Mutter?! War nicht ihr ganzes Leben ein Hohnsprechen auf ihren Glauben? Hat sie nicht selbst jene, die sie von ganzem Herzen liebte, hinterrücks verachtet und verspottet, wenn sie am Werke war, alll das, was sie von ihnen hatte, als schädlich auszurotten, auszumerzen. Nein, ach Gott, nein. Sie hat ja doch aus gutem Glauben so gehandelt. Und wenn sie nachhause kommt und mit der Lüge nicht aufräumt, nicht grosse Scheuerung hält in ihrem Heim, was dann? Ist dann auch noch der gute Glaube dabei? — Die Geschwindigkeit, mit der der Zug dahinbrauste, hat nachgelassen, er fährt jetzt wie ermüdet in ihrem Wohnort ein. Je näher sie der Station kommt, desto beengter fühlt sie sich. Ein Nebel hat sieh allmählich auf ihre Helle gelegt. Zwar hat sie bald — und das ist ja doch nur menschlich — etwas gefunden, womit sie sich beruhigen konnte und jetzt denkt sie schon nicht mehr „an alt diese Dinge", sondern weiss, dass zuhause Alfred ihrer harrt, der sich freut, sie wieder um sich zu wissen. Auf eine Postkarte, die sie in ihrem kleinen Ledertäschchen gefunden, schreibt sie an ihre Eltern: „Meine Theuersten! Nun bin. ich wieder hier glücklich, wie ich Euch verliess, angelangt Es pfeift die Locomotive, die Conducteure schreien, die Goupe-Thüren werden weit aufgerissen, die Passagiere drängen und hasten zum Ausgang, sie lässt sich von der Menge treiben, der Wust des Alltags umgibt sie .... Zweierlei Juden. Iioman von Max Viola. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) „In jedem Volke bildet sich nach jahrhundertlanger (Jalining ein Schlamm., so ist es auch bei den Juden geschehen, und . . . /* „.Narr!" „Allerdings ein Narr, ein trauriger Narr, aber die grosse Menge ist noch trauriger, noch närrischer. Die zahlreichen armen Juden wollen in Ihnen thatsächlich ein besseres Wesen erblicken, denn sie wissen nicht, dass Sie durch nichts erlesen sind, als durch Ihr Geld. Sie sind herzlos, Sie haben keinen Sinn für Edles und Hohes, ja, Sie ahnen kaum* dass Edles und Hohes auf Erden existiert, denn Ihre Seele ist abgestumpft, Ihr Auge blind gegen alles, was gute oder feinfühlige Menschen erhebt. Alles in Ihnen hat sich in die Geldfrage umgesetzt. Ein schönes Mädchen? Wie gross ist ihre Mitgift? Ein berühmter Maler? Wie theuer verkauft er seine Bilder? Ein Gelehrter, der sein ganzes Leben der Wissenschaft widmet und an nichts anderes denkt? Ein Narr, den man gefangen halten sollte! O, diese krummbeinigen, krummnasigen armen Juden, die sich heisshungrig auf eine alte Hos'e stürzen, um wie vieles sind Sie edler und hochsinniger als Sie! Audi der allerletzte. Er feilscht, er kriecht, er hungert, um von seinem Weihe die Noth fernzuhalten, um seine Kinder zu erziehen, um ihr Los besser zu gestalten als sein eigenes trübseliges. Und dann legt er sich bin und stirbt. Aber Sie lieben selbst Ihre Familie nicht, und wenn Sie Unsummen ausgeben, so geschieht ei-:, weil Sie sich vor Ihrer Frau fürchten, weil Sie von ihr unterjocht worden, und wenn Ihre Töchter Millionen als Morgengabe erhalten, so geben sie die nicht aus Liebe zu Ihren Kindern, sondern um Ihrem Eigendünkel zu fröhnen, um irgend einen abgetakelten Aristokraten zum Schwiegersohn zu bekommen. Sie sollten sich taufen lassen, Herr Kitter von Tulpenthal. Sie mit Ihrer ganzen Familie und mit Ihren drei engeren Busen- und Geschäftsfreunden, mit dem Herrn v. Silberfinger, der im Leben noch nie ein Buch gelesen hat und von einem Maler oder Schriftsteller nie anders spricht, als: dieser Malertrottel, dieser Dichtertrottel; mit dem Baron Singer, diesem schnaufenden Walross, das jährlich eine halbe Million für Pferde und Maitressen verwendet, jeden verschuldeten Aristokraten an seine Tafel zieht und mit Geld ver-

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