Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 33 (16.8.1901)
- Article
- Wie sollen wir im Westen Propaganda treiben?
- Date
- 1901-08-16
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 33 „Die # Welt** Seite 9 Deutschland als die mächtigsten Parteien das Katholische Centrum, die Agrarier und die proletarischen Söcialisten, Wenn wir das bedenken, so können wir uns gar nicht wundern, dass verhältnismässig nur wenige Juden in Westeuropa für unsere Bewegung sich interessieren. In der Ausübung der Religionsgesetze, so weit ihnen daran noch etwas gelegen ist, werden sie fast nirgends gestört, die materielle Judennoth kennen sie nur vom Hörensagen, denn hier gibt es fast kein jüdisches Proletariat, und für die moralische Judennoth geht ihnen vielfach das Feingefühl ah oder sie deuten die Ursachen falsch. Kurz, sie fühlen ihr Judenthum nicht, sie wollen es nicht fühlen. Empfinden sie es einmal zeitweilig, so trösten sie sich mit utopistischen weltbürgerlichen Ideen. Sie sehen nicht ein, dass auch ihr persönliches Interesse vom Zionismus vertreten wird. Und da ist, glaube ich, der Punkt, wo der Hebel angesetzt werden muss. Es wird sich uns darum handeln, diesen Leuten gegenüber vor allen Dingen immer wieder und wieder insbesondere darauf hinzuweisen, dass trotz aller Ablengnungsversuche eine Solidarität der Interessen der gesammten Judenheit vorhanden ist. Man wird ihnen immer wieder zeigen müssen, welche latente Gefahr die Noth der östlichen Juden auch für sie bedeutet, dass thatsächlich der Jude in Berlin W. es wohl empfindet, ob dem armen jüdischen Handwerker im tiefsten Russland wohl oder übel mitgespielt wird, dass, wenn heute irgendwo ein Jude, sei es das allerverkommenste Subject, durch die Noth dazu getrieben wird, ein Verbrechen zu begehen, der reichste und vornehmste Jude in der sichersten und schönsten Villa darunter leiden muss, und dass dem allem nur abgeholfen werden kann, wenn man planmässig an eine Lösung der Judenfrage im grossen Stile geht, wie es der Zionismus thut. Die westeuropäischen Juden zu dieser Einsicht zu bringen, darf keine Mühe zu gross erscheinen. Nur das scheinbar fehlende persönliche Interesse ist der Grund der Gleichgiltigkeit dem Zionismus gegenüber! Nicht all die anderen Einwände, die hie und da vorgebracht werden, die in sich selbst zusammenfallen und die schon so oft widerlegt worden sind, sondern einzig und allein dies : „W a s geh e n u-n s j e n e an?" Man muss sich aber auch hüten, anzunehmen, dass all diese Gleichgiltigen unsere Gegner sind. Keineswegs. Gegnerisch verhält sich nur ein geringer Theil, und auch die Gegnerschaft der wenigen wird verschwinden, wenn sie ihr eigenes Interes.se und vor allem das ihrer Kinder am Zionismus begreifen werden. Nur wird mir hier vielleicht entgegengehalten werden : die Leute zeigen sich aber sonst nicht so gleichgiltig jüdischen Dingen gegenüber. Zugegeben. Aber welcher Art sind diese jüdischen Dinge! Die Leute pflegen eines zu übersehen : Wir sind nun einmal eine solidarische Masse, das heisst eine Gruppe, in der der Einzelne, ob er nun will oder nicht, für den anderen einstehen, mit ihm leiden muss, für ihn verantwortlich ist. Ob wir* diese Masse nun Volk oder Nation oder sonstwie nennen, solche Gemeinschaft hat zweierleiPolitikzu treiben: innere und äussere. Jene aber treiben nur eine innere Politik. Die äussere haben sie bisher entweder ganz beiseite gelassen oder durch unpolitische „Mittel chen" zu ersetzen versucht. Und das war der grosse Fehler! Das muss ihnen gesagt werden. Die äussere Politik der Judenheit aber ist hauptsächlich C ol oni alp olifrik. Und diese wird planvoll und zweckmässig ausschliesslich von der zionistischen Bewegung betrieben. Ausserdem hat der Zionismus eine jüdische Vertretung nach aussen, ein jüdisches Parlament geschaffen, das einzige Forum, auf dem die universelle Judenfrage öffentlich erörtert wird. Hat man aber erst die Nothwendigkeit der äusseren Politik eingesehen, und bei ruhiger Ueberlegung muss jeder vernünftige Jude dazu kommen, so ergibt sich alles weitere von selbst. Viele, die den Zionismus für utopisch hielten und nichts zu seiner Förderung gethan haben, haben sich doch stets bereits erklärt, Mittel zu seiner Verwirklichung bereitstellen zu wollen, sobald nur diese noch nothwendig sein sollten. Ihnen muss jetzt gesagt werden: Wir sind nun so weit. Das Vorwärtsschreiten ist nur noch eine Geldfrage. Jetzt ist es für alle Zaudernden hoch an der Zeit, den guten Willen zu zeigen, das, was sie bisher unzweifelhaft durch ihr Abseitsstehen verschuldet haben, wieder wettzumachen. Und nun noch ein letztes: Liegt auch vor allem die äussere Politik der Judenheit im Wirkungskreise des Zionismus, so hat er dennoch auch die innere Politik nicht ganz ausseracht gelassen. Wir brauchen hier nur an die Gegenwartsprogramme, Toynbee - Hallen, wirtschaftlichen Organisationen, Sprachciirse, Judentags-Bewegung zu erinnern. Die innere Politik der Zionisten unterscheidet sich nur in einem Punkte von der der anderen Juden: Sie ist geregelt Und sie beweist gleichzeitig, dass es den Zionisten nicht darum zu thun ist, alle Juden aus ihren jetzigen Wohnsitzen nach Palästina „herauszugraulen". Ein neues Heim soll errichtet werden, das alte soll aber einstweilen auch wohnlicher gestaltet werden. Eine Wasserleitung in Jerusalem. Zu unserem Bilde. In unserem Blatte wurde schon zu wiederholtenmalen, zuletzt in Nr. 28 d. J., auf den drückenden Wassermangel hingewiesen, der in Jerusalem häufig eintritt. Die Lage Jerusalems in der Nähe der Wasserscheide auf dem Rücken eines Kalksteinhügels ist für die Wasserversorgung ungünstig. Schon in uralten Zeiten wurde daher das Regenwasser in zahlreichen gemauerten Wasserbehältern, sogenannten Gysternen, gesammelt. Diese Art der Wasserversorgung setzt aber reiche Niederschläge voraus und erweist sich immer als unzulänglich, wenn die Regengüsse im Herbst und Frühjahr spärlich sind. Namentlich wenn der Spätregen ausbleibt, wie dies heuer der Fall war, entwickelt sich die Wassemoth für die Einwohnerschaft von Jerusalem geradezu zu einer Katastrophe. Dieser Zustand ist auch von den verhängnisvollsten Folgen für die Gesundheitsverhältnisse der Stadt. Alle Arten von Seuchen werden durch ihn gefördert. In alten Zeiten war das anders. Unsere Voreltern haben stets der Bewässerung Jerusalems die grösste Sorgfalt zugewendet. Ein ausgedehntes Netz von gemauerten Aquäducten, die das Wasser aus den Teichen und Quellen der Umgebung in die Stadt leiteten, versorgte die Bevölkerung reichlich mit Wasser. Jerusalem hatte nach den Berechnungen des Baurathes Schick 1,944.000 nm Flächenmass mit 200—250.000 ständigen Einwohnern. Zu Zeiten der alljährlichen drei Wallfahrten sollen daselbst über 2,000.000 Menschen versammelt gewesen sein, und doch ist nie über Wassermangel geklagt worden. Später wurden jedoch die grossartigen Wasserwerke vernachlässigt und verfielen nach und nach. So ist die 23 Kilometer lange uralte Leitung von den Salomonischen Teichen bei Artäs, die theils aus irdenen Röhren, theils aus gehöhlten und ineinandergefügten Steinblöcken besteht, schon seit Jahrhunderten ausser Function. Endlich hat sich die türkische Regierung, durch den heurigen Regenmangel angetrieben, entschlossen, diese Wasserleitung wieder instandzusetzen. Die defecten irdenen Röhren sollen durch eiserne ersetzt