Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-08-16 · 33 (16.8.1901) · p. 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
33 (16.8.1901)
Article
Das Judenthum in Börnes Schriften
Date
1901-08-16
Page
8 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315939-3399101--27602-3399171
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 „Die s^Welt" Nr. 33 Bedeutung bei, aber was sie schrieben, wurde oft zum Widerrufe, zum Bekenntnis der Zugehörigkeit zu ihrem Volke. So bekam letzteres sein Pflickttheil von der öffentlichen Wirksamkeit seiner weltbekannten Sökne. Heine aus dem duldsamen Düsseldorf im duldsamen Paris, Heine der Dichter empficng den Mehrthoil der Anregungen aus dem Judenthum von dessen Poesie und leitete diese in seiner Torrn weiter, Börne im dummstolzen;, judenhassenden Frankfurt, Börne der Vorkämpfer aller Unterdrückten, bekam gewaltig den Judenschmerz zu spüren, und stürmisch erhebt er Klagen und Anklagen; Klagen, die kein Ohr zu finden gewohnt sind, wie er selbst sie nennt. Heute ist der Standpunkt, den Börne als Vorfechter des Judenthums einnahm, glücklicherweise überwunden, weil die angestrebte Assimilation Fiasco gemacht hat. Hätten die Grossen des Gedankens von damals unsere heutigen Erfahrungen, so hätten sie das ABC der Logik, sowie sie sich mit den Consequenzen des Judenlebens beschäftigt, sie hätten die unabwendbare, natürliche Xothwendigkeit des Zionismus gewiss gefunden. Gar zu schön ist der Gedanke, dass die Kraft von Börnes Wort unserer Propaganda vorgearbeitet hätte. Während wir gegen das Beharrungsvermögen des fürchterlich zähen Unverstandes ankämpfen müssen, sind die Eklogen berufener Geister in schliesslicher Wirkungslosigkeit verpufft. Im guten Glauben, den Juden auf die moralische Höhe ihrer Umgebung zu bringen, hat Börne als Ideal ihrer Verkuppelung mit den Deutschen das Wort geredet. Doch ist er keineswegs zur rückgratlosen Schwäche der jüngsten Tage herabgesunken, die um den Preis der Anbiederung an die Nachbarn jedes moralische Opfer gewissen politischen Secten unter uns annehmbar erscheinen lässt. Ueber diese Annahme hebt ihn der Satz heraus, den er über Cumberlands Theatergestalt Schewa, den Repräsentanten des Judentlmms, geschrieben hat: Er hat einige Geringschätzung verdient, weil er sie zu verdienen glaubte. Dieses Wort ist die schöne Form einer alten Wahrheit. Es ist traurig und merkwürdig zugleich, wie leichtgläubig die Juden gegen Unwahrheiten sind, wie sie bei den Thatsachen stehen bleiben, ohne nach den Gründen zu forschen. Pfeift irgendwo in der Politik ein Lockvogel, flugs hat er eine Menge Juden im Käfig, die sich krampfhaft bemühen, an die Leimruthen zu vergessen, denen sie erst kürzlich aufgesessen und nur gut gerupft entkommen sind. Und predigt jemand ausdauernd, wie der Antisemitismus lejder, von der moralischen Verderbtheit der Juden, so wird das Unmögliche Ereignis und der Angeklagte ist von seiner klaren Unschuld nicht mehr fest überzeugt. Dieser absurden Selbstbeschuldigung, dem frappierenden Rechnen mit jüdischen Solidarfehlern, begegnen wir im täglichen Leben gar oft — ein gewaltiges Hindernis für zionistische Werbearbeit. Das ist der Hauptgrund, weswegen wir theilweise noch nicht erreicht haben, was z. B. jede österreichische Nation beim letzten Bauer desselben Stammes durchgesetzt hat, das Bewusstsein der Volkszugehörigkeit und den Willen, den betreffenden Interessen materiell zuhilf e zu kommen. Der Mangel an Selbstvertrauen bei vielen Juden ist das schwerste Hindernis zwischen uns und unseren Zielen. Die im letzterwähnten Punkte geschwächte Judenheit hat eine bizzare Seite in ihrem Auftreten gezeitigt. Jeder Hohlkopf hat heutzutage einen allseits vidierten Freibrief, über die Juden herzufallen, wie es ihm beliebt. Und siehe da! Pflichtschuldigst drehen, prüfen, wägen und wenden die Angegriffenen Argumente und Gründe, um unglaubliche Beschuldigung an ihrer feinsten Faser zu widerlegen. Dabei wird, die Lächerlichkeit durch die Thatsache erhöht, dass jede Partei ihr geschlossenes Auditorium hat und auf diese Art die Juden oder bestenfalls ein fossiler freisinniger Christ nur den Juden beweisen, dass es keinen Ritualmord gebe. Für diese Leute ist in Börnes Schriften ein Memento. Auch er stritt gegen Ungeheuerlichkeiten, gegen gewohnte Thatsachen des Judenschicksals an. Ein löblicher Magistrat der freien Stadt Frankfurt wetteiferte mit anderen Duodezstaaten, ein Doctor Holst mit noch anderen judenfeindlichen Schriftstellern, den Juden Böswilligkeiten aller Art anzuthun. Ihnen las Börne in seiner Art die Leviten, mit der würdigen Ruhe des Unschuldigen, der nie thatsächlich auf die Anklage eingeht, höchstens im Spott und mit der heiteren Leichtfertigkeit, die in Streitfällen dieser Art allein von schlagender Wirkung ist. Der grosse Politiker, gross durch sein Auftreten, nicht seine endlichen Ziele, sollte Schule machen, damit unser Aerger über die Verteidigung der Juden von heute der Entrüstung über die Angriffe nicht nahe kommen. Nicht genug, aber verhältnismässig oft in seinen Werken führt Börne die Anwaltschaft der Juden, menschliche und Staatsrechte in seiner dringenden und packenden Art verlangend. Fast unter jeder Ueberschrift finden wir einen Winkel für die Stammesgenossen, ihre Leiden beweglich geklagt, ihre Forderungen leidenschaftlich proclamiert. Dass er — und wir glauben, dass sein Verlangen darnach oft durch die erkannte Notwendigkeit geweckt wurde — sich ihnen nicht ganz gewidmet hat, ist leicht erklärlich. Die Grossen dieser Erde wollen nicht aus Ruhmsucht, sondern um ihren Seelenfrieden wenigstens auf dem Todtenbett zu haben, ihre Erfolge mit eigenen Augen sehen; glauben sie doch alle, dass die Erfolge gute sein werden. Sein Leben an das der Juden zu knüpfen, unter der hohen Wahrscheinlichkeit, ihnen damals in Bälde nicht helfen zu können, dazu reichte Börnes Grösse nicht aus. Aber manch gutes Wort kam aus dem Herzen für sie, deren eines wir herausnehmen: Der Mensch hat eine besondere und eine allgemeine Bewegung: Diese reisst ihn unaufhaltsam fort, es ist sein Schicksal. Jene wird von seinem Willen bestimmt; es ist die Freiheit. Freiheit! Heine schreibt irgendwo, wie die Völker ihre Freiheit lieben: Der Franzose liebt sie wie seine Braut, er liegt ihr zu Füssen, er schlägt sich für sie, er macht für sie tausend Dummheiten. Der Engländer liebt sie wie sein ehelich Gemahl; ehern steht er auf der Schwelle, und wehe dem Unberufenen, der einzudringen wagte. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine Grossmutter, er sorgt stets für ein warmes Plätzchen beim Ofen, damit sie sich wohl fühle. Und der Jude? Er liebt die Freiheit wie seine liebe Tante, die er sehr gerne sieht: und wenn sie ausbleibt, so protestiert er dagegen und schreibt ihr und fordert sie durch die Zeitung auf, wiederzukommen. Wenn sie dann noch nicht zurückkehrt, muss eben das Leben ohne sie weitergehen. Entbehren — zufrieden sein — das ist der Kern von Judas Unglück und mit diesen Maximen bleiben sie stets auf der kalten Schattenseite des Lebens. Bis zu uns hat Börnes Frage an den Juden Schewa zu recht bestanden. Armer Schewa, alter, kranker Mann, wozu wurdest Du geboren, als Dich Deines Todes zu freuen? Von uns ist darauf die Antwort des bald Gesunden gegeben worden. Der Zionismus geht sicher und stetig seinen Gang. Wir ringen darnach, dass Juden geboren werden, ur.i fröhlich zu leben. Emcs. Wie sollen wir im Westen Propaganda treiben? Von Hugo Schachtel (Breslau). Man hört vielfach in gesinnungsgenössischen Kreisen Klage führen, dass die zionistische Agitationsarbeit in den westeuropäischen Ländern auf einem todten Punkte angelangt sei. Trotz aller Anstrengung sei es nicht möglich, den „dürren Gebeinen" neues Leben einzuhauchen. Die mühevollste Propaganda-Thätigkeit breche sich an der grenzenlosen Gleichgiltigkeit der jüdischen Bourgeoisie. Allein, es muss daran erinnert werden, dass dies keine speeifisch jüdische Erscheinung ist. Schauen wir uns einmal um, so finden wir sie überall, bei allen Völkern. Nur ein geringer Bruchtheil der Bevölkerungen aller Länder betheiligt sich, am politischen Leben, und überaus gering ist der Percentsatz derer, die bei den Wahlen zu politischen Vertretungen ihr Stimmrecht ausüben. Die Interesselosigkeit an der Politik ist also ein weitverbreitetes Uebel. Aber weiter: welche Gruppen nehmen Antheil an der Politik? Ueberall in der Hauptsache nur die, deren persönliches materielles oder ideelles, jedenfalls egoistisches Interesse damit verknüpft ist. So sehen wir beispielsweise in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.