Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 33 (16.8.1901)
- Article
- Skizzen aus dem Leben der russischen Juden
- Date
- 1901-08-16
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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rtiv. 33 M;Öfe^^W(fell^6 Seite 7 kann. Die Befürworter des Cheders deoken sich' dessen Umgestaltung auf die Weise, dass die national gesinnte j üdische Intelligenz die Aufsicht über die Chädarim übernehmen soll. Sie soll auch für die Besserung der materiellen Lage der Melamdim sorgen, dadurch werde sie auch eine Hebung der Melamdim in pädagogischer und cultureller Beziehung erzielen. Es sollen also „Muster-Chadarim" gegründet werden, wie sie sc: on in vielen Orten bestehen und sehr erfreuliche Erfolge aufzuweisen haben. Die Zeitschrift „Budustschnostj* ist wiederholt warm dafür eingetreten, die Gründung von Talniud-Thora-Schulen zu fördern. Das sind nämlich Anstalten, in denen sowohl die allgemeinen als auch die jüdischen Gegenstände in ausreichendem Masse gelehrt werden, in denen aber nur qualifizierte Lehrer unterrichten jlürfen. — In Verbindung mit den Talmud-Thora-Schulen werden oh Handwerkerclassen oder Ackerbaufarmen gegründet, manchmal werden die Talmud-Thora-Anstalten sogar direct zu Gewerbeschulen ausgebildet. Und das wäre bei den gegewartigen Verhältnissen das einzig Richtige, das meiner Ueberzeugnung nach die russischen „Culturträger" jetzt zu erstreben hätten. Denn was soll ein armer Ghetto-Jude machen, der in der Elementarschule nichts anderes als ein wenig Schreiben und Lesen gelernt hat? Er muss -.Krämer, Makler etc., oder wie ein bezeichnendes Wort lautet: „Luftmensch-werden. Welch grosses Glück würde nun für einen solchen armen JudendasRechtbedeuten,das Ansiedlungsgebiet zu verlassen und sich ausserhalb dieses Ghetto eine anständige Existenz zu gründen, wo noch keine solche fürchterliche Concurrenz herrscht. Und der russische dirigierende Senat ertheilt ja, wie wir schon im vorigen Artikel erwähnt haben, sehr gerne dieses Recht jedem Juden, der auch nur einigermassen als Handwerker betrachtet werden kann, so dass zum Beispiel schon die Erzeugung von Tinte als Handwerk betrachtet wird. Ist also unter diesen Umständen die russischjüdische Elementarschule nicht verpflichtet, ihren. Zöglingen die Erreichung dieses Rechtes zu ermöglichen? Wer soll aber für die Eröffnung solcher Schulen Sorge tragen? Von wem soll die Initiative ausgehen und wo sind die nöthigen Mittel zu beschaffen? In erster Reihe wäre selbstverständlich der „Verein zur Verbreitung der Aufklärung" dazu berufen. Nun entnehmen wir aber dem letzte^ Berichte dieses Vereines, dass von ihm bis jetzt in dieser Beziehung sehr wenig geleistet wurde. Der Bericht führt dies auf die geringen Mittel des Vereines zurück und stellt eine Vermehrung dieser Mittel, beziehungsweise eine Erweiterung der Vereinsthätigkeit nach dieser Richtung hin in Aussicht. Das wäre auch sehr wünschenswert. Allein es müsste auch noch ein anderer Factor eingreifen, die gesellschaftliche Selbsthilfe. Man könnte auch die Bewilligung von Geldsummen aus den sogenannten Korobkasteuergeldern zum Zwecke der Gründung von Schulen erwirken, wie es in manchen Städten thatsächlich schon gesehen ist. Es niüssten aber thatkräftige Männer da sein, von denen die Initiative zu dieser für das jüdische Volk so wichtigen culturellen Thätigkeit ausgehen soll, die die Genieinden immer anspornen und ihnen mit Raih und That zur Seite stehen sollten. Wir kennen keine Volksfreunde, die zu dieser edlen Volksarbeit berufener wären, als die Zionisten, die ja dem Volke am allernächsten stehen. Und in der That können die russischen Zionisten in Bezug auf Gründung von Elementarschulen viel grössere Resultate aufweisen, als in Bezug auf Förderung der Mittel- und Hochschulbildung. In manchen Kreisen haben sie sogar bewundernswerte Erfolge erzielt, nur fehlt es ihnen bei dieser Thätigkeit an einer strammen Organisation, an einer riehtschnurgebenden Centralstelle. Der locale Charakter ist bei der culturellen Thätigkeit freilich nicht zu vermeiden, und es wäre auch nicht wünschenswert, in sämmtlichen Ortschaften und Gegenden nach einer und derselben Schablone zu wirken. Allein das ändert nichts an der Thatsache, dass culturelle Centraipunkte nothwendig sind, von denen aus die ganze Culturarbeit den jeweiligen Ortsverhältnissen entsprechend ausgehen muss. Und da könnten die zionistischen Kreisvorsteher (Actionscomite-Mitglieder) der Sache grosse Dienste leisten, wenn sie Auskunftsbureaux gründen wollten, die die culurelle Thätigkeit der Zionisten in den Provinzen leiten und mit Rath und That unterstützen würden. Bis jetzt pflegten die zionistischen Vereine aus der Provinz den Kreisvorstehern erst nach erfolgter Gründung zu melden, dass da und dort eine Schule, eine Talniud-Thora-Schule, ein Muster-Chederetc. eröffnet worden ist; an die Auskunftsbureaux jedoch könnten sie sich schon vor der Gründung mit Anfragen und Bitten um Rathschläge wenden. Dass dadurch eine viel grössere Plan- und Zweckmässigkeit erzielt würde, unterliegt, glaube ich, keinem Zweifel. Und es wäre zu wünschen dass die russischen Zionisten sich mit dieser Frage der Organisierung der culturellen Thätigkeit auf dein fünften Congresse beschäftigten. (Fortsetzung folgt.) Das Judenthtim in Börnes Schriften. Wäre ich ein Bildhauer, ich schüfe mir eine Statue von Börne, wie er als Athlet zum Ansprung gegen die Philister sich biegt, die Rechte ausholend zu vernichtendem Schlade iregen seine Feinde, dieLinke weit und frei ausgestreckt, dass sich die Schwachen anklammern könnten hei dem Sturm auf die Höhen. Ks ist uns verloren gegangen, Jungdeutschland aus dem (Ghetto. Heine gieng über und auch Börne und viele Geister jener Zeit. Unser Stolz auf sie ist nicht begeistert, sondern ist nüchtern geworden, weil es uns verletzt, dass solche Kampfnaturen und dazu elektrisch feinfühlige Menschen so ganz selbstverständlich und fast ohne Anlass dem Judenthum den Kücken kehrten. Der Trotz hülle sie von der Uebergabe an den Feind zurückhalten sollen, die Ehre hatte sie im furchtbar bedrängten und so schwachen Muttcrvolke fesseln müssen. Und doch war das Judenthum ihnen eine leert; Nussschale. Ueber die Ursachen liievon wird durch Börnes Geständnisse Aufklärung gegeben. Und was wir da loci), liisst uns nach spartanischer »Jugenderziehung seufzen, nicht nach ihrem .Inhalt, sondern nach ihrer Form, die den Staat allein zum verantwortlichen Erzieher der .lugend machte. Wie leider heute noch, wurde die Bürde des .Lehramtes im Judcnthuni auch zu Börnes Zeiten auf die leichte Achsel genommen. Damals in offenkundiger Weise hat die beliebte Methode ein Unglück angcrichli t. der starre Zug, das Wesen des Schülers durch die Beligion allein an das Judenthum kitten zu wollen. Börnes Erziehung durch Vater und Lehrer gab ihm allzu lange nichts als den Zwang zu den (Vrcmunie.li, wie ja bis auf die jüngste Zeit bei uns Schule und Haus augenscheinlich eine heillose Angst davor besassen. dass das werdende Geschlecht -Männer für das Judenthum geben sollte, l'nkenntnis alles dessen, was beim letzten Kiiubervolk im zarten Kinde schon lebt, Unkenntnis dessen, was die Väter traf und was sie herrlich schufen, das hat in Verbindung mit dem Widerstand gegen unverständliche Gebräuche mit den vielen aus allen Zeiten auch die führenden Jiulen von Deutschlands 1 Jena i s.^a nee von uns abgewendet. Stürmisch und impulsiv war ihr ganzes Wesen und rasch der Schritt vom Gedanken zur That. Aber wären sie nicht in früher Jugend ihrem Willen nachgegangen, der Sehritt, wäre nimmer geschehen. .Ms ihr («'eist in schönem Werden seine Grenzen dehnte, als er Schönes zu seiner Bildung, Grosses zum Ansporn suchte, da stiess er auf eigenthümliche Erinnerungen aus der Kindheit, die ganz anders den Mann, den 'Dichter anmutheteii, als damals im lieblosen Muss — als Börne und Heine sich die Poesie des Judenthums erschloss, thaten sie mechanisch nichts gegen Vergangenes, dem legte ihr Wellbürgersinn keine