Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 32 (9.8.1901)
- Article
- Der französische Zionistenbund
- Date
- 1901-08-09
- Page
- 10 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 10 „Die x> Welt" Nr. 32 Das erste Bureau des französischen Zionistenbundes hat sich wie folgt constituiert: Präsident: Dr. Alexander Marmor ek; Vicepräsi* dent: Herr J a e o b s o h n; Secretär: Herr Scheres c h e w 8 k y; Schatzmeister: Herr A r n s t a m m. lieber die Aufgaben der neuen Federation äussert sich ein mit der Chiffre J. D. zeichnender Mitarbeiter des „Echo Sioniste" in folgender Weise: „Dem französischen Zionistenbunde fällt eine zweifache Aufgabe zu. Neben der Heranziehung der eingeborenen französischen Juden zum Zionismus, die den Hauptzweck der Federation bilden soll, winkt ihr noch ein anderes, möglicherweise bescheideneres, jedenfalls aber nicht minder edles und erstrebenswertes Ziel. Es gibt in Paris ein jüdisches Proletariat von 20 000 Seelen, das zum grössten Theile aus russischen und rumänischen Juden besteht. Es sind arme Arbeiter, die den Verfolgungen, denen sie in ihrer Heimat ausgesetzt waren, entflohen sind und unter einem freundlicheren Himmel Zuflucht gesucht h#ben. Diese Volksmasse kennt weder die Sprache noch die Sitten des Leindes, das es bewohnt, und lebt in tiefer Unwissenheit dahin. Die wenigen unter ihnen, die versucht haben, in die Kreise der französischen Arbeiter einzudringen, sahen unglücklicherweise einen Stand der Dinge vor sich, der für sie ganz unbegreiflich war, eine sociale Entwicklung, deren Vorstufen und Urgründe ihnen ganz unbekannt sind. Hingerissen von den schönen, aber hohlen Schlagworten der Parteien, waren sie nicht, wie das westländische Proletariat, fähig, die Spreu vom Weizen zu sondern. Und so kam es denn, dass sie sich in bizarre Ideen verrannten, in blendenden Illussionen wiegten und theoretischen Luftgebäuden nachjagten. Wenn sie trotzdem grösstenteils in den Grenzen der Vernunft geblieben sind, so danken sie es nur dem ererbten gesunden jüdischen Sinn. An dieses Proletariat nun muss sich die neue französische Federation wenden; ihr liegt dessen Erziehung ob. Sie soll ihm den Unterricht ertheilen, der ihm fehlt. Sie hat hier ein grosses Werk zu vollführen — ein zionistisches und ein menschliches Werk. Ein meschliches Werk, indem sie diese Leute ihre wahren Rechte und ihre wahren Pflichten kennen lehrt und ihnen die Grundbegriffe der modernen Civilisation beibringt, die ihr*fehlen. Ein zionistisches Werk aber, indem sie diesen Juden ihre wahre Stellung in der Welt zeigt, indem sie ihnen ihre wahre Lage klar auseinandersetzt, indem sie in ihnen das Gefühl ihres zweifachen Proletarierthums als Juden und als Arbeiter wachruft. Wenn dann de^r zionistische Gedanke diese schlichten, von der Verderbnis des modernen Lebens unberührten Seelen ergreift, so wird er die schönsten Früchte zeitigen. Das ist die Doppelaufgabe, die der französische Zionistenbund zu erfüllen hat. Es ist eine Riesenaufgabe, jawohl; aber durch Muth und Beharrlichkeit — Eigenschaften, deren kein Zionist entbehren kann — werden wir ans Ziel gelangen. Und so rufen wir denn diesen ersten Vorkämpfern aus dem Grunde unseres Herzens zu: Guten Muth und besten Erfolg!" Ein Erretter des Judenthums. In Nr. 27 der „Gegenwart" veröffentlichte ein „jüdischer Deutscher", der sich J u d a Monens nennt, einen Aufsatz, den er „Zur Errettung des Judenthums" überschrieb. Er möchte, wie er in dem Aufsatz ausführt, das Judenthum durch eine Reform „retten", die daraus alles „Undeutsche", das „weltfremde Rabbinen" hineingetragen haben, entfernen soll. In Nr. 30 der „Gegenwart" erfährt nun dieser Rettungsplan eine einschneidende Zergliederung von Seiten unseres Gesinnungsgenossen L. Estermann in Neubrandenburg. Unsere Leser werden uns sicherlieh Dank wissen, wenn wir hier aus den geistvollen Ausführungen des Herrn Estermann einiges wörtlich *anführen. . r „Die Cur, die Herr Juda Monens an dein seiner Ansicht nach schwer kranken Judenthum vornehmen möchte, scheint mir eine echte und rechte Dr. Eisenbart-Cur zu sein" — so beginnt Herr Estermann. „Benedictus Levita, gegen den der Artikel des Herrn Juda Mon&as gerichtet ist, stimmt mit ihm darin überein, dass das Judenthum einen schwerkranken Korp.gr darstellt. Aber er hat wenigstens nicht den Ehrgeiz, die Krankheit, deren Aetiologie und pathologisch-anatomische Grundlage ihm unbekannt ist, heilen zu wollen. Die beängstigenden äusseren Symptome, die sieh seinem Laienauge darbieten, erregen sein Mitleid, und er hält es für rathsam, durch einen kurzen, kräftigen Gnadenstoss die langdauernden Qualen der anscheinend dem Tode verfallenen Creatur zu beenden. Anders Herr Juda Monens. Ihm fällt es gar nicht ein, den Patienten aufzugeben. Eine kleine Operation, die er cito tuto et jueunde ausführt, wird das im Grunde genommen recht harmlose Leiden schnell beseitigen. Er schlägt dem Patienten bloss den Kopf ab und leistet jede Garantie dafür, dass er nie wieder von Zahnschmerzen geplagt werden wird. Herr Juda Monens scheint sich bisher um das Judenthum herzlich wenig gekümmert zu haben, sonst hätte er wissen müssen, dass das von ihm vorgeschlagene Mittel gerade den Effect herbeizuführen geeignet ist, den der von ihm bekämpfte Herr Benedictus Levita mit seiner entgegengesetzten Anregung bezweckt. Er hätte wissen müssen, dass seine Reformvorschläge für das Judenthum nicht einmal den Reiz der Neuheit besitzen, dass beispielsweise in der Reichshauptstadt bereits seit Jahrzehnten eine jüdische Reformgemeinde mit genau demselben Programme besteht, dass aber gerade innerhalb dieser Gemeinde die Zahl derjenigen, die ihre Kinder beizeiten taufen lassen, relativ und absolut am stärksten ist. Herr Juda Monens betont an zwei Stellen seine Zugehörigkeit zur jungen Generation. Das soll ihm ohneweiters geglaubt werden; aber die Psychologie dieser Generation kennt er schlecht. Die Gründe, die er für die Abwendung der jungen Generation von der jüdischen Religion angibt, mögen für seine Person zutreffen; indem er sie verallgemeinert, thut er der jungen Generation unrecht. Nach Herrn Juda Monens gelangt der objectiye Forscher zu dem Ergebnis: „Die jüdische Religion, wie sie jetzt ausgeübt wird, ist uns um deswillen antipathisch, weil sie nicht im Einklang steht mit deutschem Empfinden." Das ist, gelinde gesagt, ein Nonsens, und die Betonung des Deutschthums an dieser wie an einigen anderen Stellen des Artikels ist vollkommen deplaciert. Ich will Herrn Juda Monens seine deutschen Gefühle gern glauben, und ich würde sie ihm noch mehr glauben, wenn er sie weniger aufdringlich zur Schau trüge. Aber mit der Abkehr der jüdischen Jugend von der Religion hat das deutsche Gefühl der Juden nichts zu schaffen. So was schreibt man wohl gelegentlich in einem Leitartikel der „Mittheilungen des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus", aber man erhebt dann auch nicht den Anspruch, ein „objectiver Forscher" zu sein. Denn sonst lächeln die Auguren gar zu ironisch. Die Abkehr der jungen Generation von der Religion ist allerdings eine unleugbare Thatsache, aber keineswegs charakteristisch für die jüdische Jugend allein. Wir beobachten diese Erscheinung bei der jungen Generation der gesammten Culturmenschheit. Die naturwissenschaftlichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte haben die Grundlage aller Religionen tief erschüttert, und der moderne Mensch hat für das schlichte Vaterunser ebensowenig Andacht wie für das psychologisch compliciertere jüdische Tischgebet, das uns Herr Juda Monens in polizeiwidrig schlechter UeberSetzung als abschreckendes Beispiel vorführt.