Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
32 (9.8.1901)
Article
Ringt euch durch!
Date
1901-08-09
Page
9 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315938-3398948--27501-3399046
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 32 „Die & .Welt" .Seite 9 Ringt Euch durch! Ein Wort an die deutsch erzogene jüdische Studentenschaft. Von Vidi.; Die Berliner Freie Studentenschaft oder 'Filikenschafthat sieh in den letzten Jahren eonstituiert. Der grösste*" Tneil der Studentenschaft, der JSichtincorporierten, pflegte ■von den Verbindungen bei allen Veranstaltungen so gut wie negiert zu werden, und die Folge davon war, dass sie sich eine selbständige Interessenvertretung schufen. Eine Bereinigung, die alle Nichtincorporierten einseh Hessen will, die sieb also nicht Leute» von einer bestimmten Gesinnung oder gesellschaftlichem Classe sucht, sondern, die allen Studenten ohne Ausnahme ihre mütterlichen Arme entgegenstreckt, mögen sie Socialdemokraten oder Hepphepp-liufer sein, philisterhafte Küstersöhne, die mit Stipendien und Privatstunden wirtschaften, oder Sprösslinge der grossindustriellen Farveniis, die in „famosen Schmissen"., „famosen Weibern" und in allem, was drum und dian hängt, den Zweck ihres Studiums und Lebens sehen -- eine Vereinigung, die solche Gegensätze nicht scheut, muss eo ipso tolerant sein, und weil sie tolerant ist, niuss sie natürlich auch Juden tolerieren. Ein zweiter Grund für die Toleranz der Finkenseha il, oder B. F. St. gegen die Juden ist der Umstand, dass die I>. F. St. von Juden gegründet *ist und geleitet wird. Der. allergrösste Theil der jüdischen Studenten sind ,/Freie Studenten". Denn die nichtjüdi sehen Verbindungen sind „judenrein", und einer specilisch jüdischen Verbindung anzugehören, widerstrebt vielen, die weder Erziehung noch religiöses Gefühl noch — Intoresscngcmoi:}-,. schaft ans Spccifisch-Jüdische kettet. Die zurückgesetzten, sich stets beengt fühlenden jüdischen Studenten Hessen nun wieder einmal den bcreils etwas eingedämmten Verbrüderungsideen freien Lauf und stürzten sich auf die Gründung dieser neuen, auch von nichtjüdi seh er Seite so heiss ersehnten Organisation. "Und sie wurde gegründet und hatte Erfolg — dank dem stürmischen Eifer und Geschick der jüdischen Organisation. Intellectuell und materiell, durch Geld und Wort, durch Versammlungen, Schriften und Spenden hatten die Juden für die B. F. St. Propaganda gemacht. Sie haben geschickt die entsprechenden Abtheilungen eingeführt und Docenten, Schriftsteller und Journalisten von Ruf für die Studentenschaft eng tangierende Vorträge gewonnen. So geschah es, dass die B. F. St. in Blüte kam. Aber der Vorstand der B. F. St. begieng einen Fehler : jüdisch zu sein. Intra muros et extra tuschelte man voii der Verjudung der B. F. St. Die Leipziger Finkenschaft lehnte ein Zusammengehen mit der Berliner ab, weil sie von „unsauberen Elementen" durchsetzt sei . . . Der jüdische Vorstand negierte das alles. An die-c Wunde will man nicht rühren. Wie man sie auch anrühren mag, weh thut sie? doch. Aber die Stimmen werden lauter. Auch in das Organ der B. F. St., die „ Deutsche Flochschulzeitung", stahl im sie sich hinein. Da stand etwas von der „jüdischen Plebs, die sich immer vordrängt usw." Das Thema war damit angeschnitten. Schliesslich suchte ein Antisemit, Herr Paul Becker, Kedacteur der „Deutschen Zeitung", beim Vorstand die Erlaubnis nach, in der B. F. St. einen Vortrag halten zu dürfen, und der jüdische Vorstand war ,,unparteiisch" genug, seiner Bitte stattzugeben. Der Vortrag: „Die wissenschaftlichen Grundlagen des Antisemitismus", wurde auch gestern Abend (2(>. Juli) in der Finken schaft vor einer iHisserordentlieh zahlreichen Zuhörerschaft gehalten. Was Herr Paul Becker, und was dann die Antisemiten, National-Deutschen, Socialisten und Zioni«ten gesprochen - es war das alte Lied. Aber das Bild war neu. Zwischen einem jüdischen Vorstand, vor einer jüdischen Majorität spricht ein Antisemit. Er spricht gemessen, sachlich, ruhig wie ein Mecliciner von den Erscheinungsformen der Magenkrankheiten. Fortwährend hört die jüdische Majorität das höfliche „Meine Damen und Herren". Im Saal herrscht Kuhe. Keine Lärmrufe, keine Oigarrenstumniel, keine Stöcke. Im Laufe der Discussion. verwahrt sich der Herr Referent zweimal dagegen, dass er die Juden als minderwertiges Material hingestellt hätte. Im Gegentheil, sagt er. Der jüdische Vorstand dankt dem antisemitischen TCeferenten. aufs herzlichste für seinen so anregenden Vortrag, für seinen kühnen Muth usw. Ist das nicht die Erfüllung der Jesaja'schen Zustände: dass das Schaf neben dem Wolf leben werde? Ach ja, es war die schönste Tronic des Lebens, die ich je gesehen, so schön, wie sie nur ein von den Ereignissen hin- und hergoschütLeiter Jude erleben kann. Auf der einen Seite gewählte Ausdrücke — auf dei anderen tieft' Beklemmung. Auf der einen Seite geölte Worte und glatte Liebenswürdigkeit, auf der anderen blasse, von Verzweiflung gezeichnete Gesichter. Glaubt nicht, es wäre eine Phrase, wenn man so viel von seinem Deutschthum spricht. Es gibt so viele Juden, die in ihrem Leben nichts gehört haben als deutsch, deutsch und deutsch. Das sind die Laute, die sie in der Wicae gelallt, das sind, die Worte, die sie ihre Mutter gelehrt. Ihre Schulen, ihre Spiele und Gespielen — alles war deutsch. Von ihrer Religion wussten sie nur, dass sie existiert; dass sie ein Stamm, ein. Nation, ein Volk — im Traume hätten sie es nicht geahnt. Und nun wird ihnen gesagt: Ihr seid Fremde, Ihr seid ganz was anderes als wir. Ihr verderbt uns. Thr dürft nur Menschen reell te verlangen und keine Bürgerrechte. Ihr müsst Juden bleiben, wird hinzugefügt. Ob Ihr Euch taufen lasst, ob Ihr Ivaftan oder Frack tragt, — Juden sind Juden. Wohin also? Der Rückweg ins Judenthum ist unendlich mühsam und dornenvoll für die, die von Kind auf fremden Göttern zugeführt worden sind. Liebe Comniiliton.cn, jawohl, es ist ein schwerer, schrecklicher Kampf. Aber kämpft ihn durch! Es wird manchem von Euch anfangs vielleicht vorkommen, als ob Ihr Euer Heiligstes entheiligen müsstet. Aber thut es! Seht, Euch bleibt keine Wahl. Wollt Ihr nicht ein Scheinleben führen, ein niedriges, scheues, krankhaftes Leben, dann müsst Ihr nach etwas greifen, nach etwas Grossem, das Euch Halt und Schutz verleiht. Und was ist das? Es heisst: Zionismus! Es hilft Euch nichts. Ihr befindet Euch zwischen Scylla und Charybdis. Ihr müsst den Sprung thun. Der Französische Zioiiistenbimtl. (Föderation des tiiotrixtes de France.) Nach vielen Versuchen ist es endlich gelungen, wie wir in der jüngsten Xuinmer des .,Echo Sionisie" vom 5. August lesen, den "Verband der Zionisten Frankreichs zu gründen. Die Grundlagen seiner Organisation sind boreils eiidgiltig festgestellt, und so tritt denn der französische Zionistenbund am 1. Tisehri 5<>ü2 (14. September 11)01 ) ins Leben. Er setzt sich zusammen einerseits aus den Delegierten denverschiedenen zionistischen Vereine und Gruppen Frankreichs, andererseits aus correspondendiorenden Mitgliedern, denen die Aufgabe zufallt, die zionistische Idee in denjenigen Orten zu propagieren, wo noch keinerlei zionistische Organisation besteht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.