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Die Welt · 1901-08-09 · 32 (9.8.1901) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
32 (9.8.1901)
Article
Die Juden in Böhmen
Date
1901-08-09
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr, 32 „Die # Welt46 Seite 5 halb wahr sein muss, weil der Pöbel des Geistes allerorten gar so sehr erschrak und jetzt gewaltig Zeter schreit: Diu Juden haben in der öffentlichen Politik eine schmachvolle, überflüssige Rolle inne, sie mögen sie aus der Hand geben ■und in Concentration der Schönheit eigenen Lebens sich widmen. Die Juden Böhmens haben sich im gesunden Dasein gefunden, Sinn für Ehrlichkeit und hohe Intelligenz bewahrt, und doch steht ihre Mehrzahl im gegnerischen Lager. Sollte nach dem Angeführten speciell ihnen die Gegnerschaft schärfer angerechnet werden? Der Kenner der Verhältnisse nimmt diese tiefe Abneigung gegen -m* jüdische Bewegung in Böhmen Wunder. Denn er kennt die Intensität des jüdischen Lebens in diesem Lande, den berechtigten Stolz und die ruhige Selbstverständlicldveit, mit dem man unbeschadet der politischen Verhältnisse: von Kosenberg im Süden bis Zwickau im Norden sein Juden- Thum bethätigt und betont. Wohin klang noch nicht da-, Wort jüdischer Gelehrter von den Kanzeln des hundertthürmigen Prag? Und doch ein Nein für uns? Da haben wir wieder etwas auf das Conto der gewissenlosen jüdischen Presse zu schreiben. Es ist „leicht, mit Verleumdungen y.n reüssieren, die man einem ehrlichen Menschen vorträgt; denn der Vertrauensselige hält jeden für so wahrhaft als sich selbst. Jene Presse war vor unserer da und hat so frisch-fröhlich über uns gelogen, dass kein Hund von einem Zionisten ein Stückchen Brot hätte nehmen mögen. Daner die Schwierigkeiten unserer Propaganda bei den Gläubigen jener Lügner. Was aber die These Nordaus betrifft und ihre Verkennung bei den Juden Böhmens, müssen wir einen politischen Abriss der neuesten Zeit bringen, wenn wir berechtigte Entschuldigungen plausibel machen wollen. Czechen und Deutsche, beide die besten und schönsten Vertreter ihres Stammes, ringen in Böhmen um die Oberhand. Ihre geschichtlichen Rechte sind vollkommen gleiehmässig, ihre Kraft hält sich die Wage. Nun sind die Czechen erst im constitutionellen Staate zu nationalem Leben erwacht und haben ihre Position in heissem Ringen erworben. Ihre Werbearbeit betraf natürlich zuerst die eigenen Volksgenossen, deren nationales Gefühl seit 80 Jahren schlummerte. Da die Agitation das flache Land aufrührte, kamen die Juden, nieist Städtebewohner, noch nicht in Frage und wurden an ihren Wohnorten von den Deutsehen in ehrlicher Consequenz des Jahres 1848 als gleichwertig aufgenommen und behandelt. Als endlieh alle Czechen und alle Deutschen coaliert waren, stellte sich heraus, das-* die Anhängerschaft der Juden den Ausschlag geben müsse. So wurden die Juden beiderseits um Gefolgschaft angegangen, erst in Freundlichkeit, dann mit Drohungen. In den Dörfern brachte der Ansturm der Czechen die Juden bald zu ihnen hinüber. Daran knüpfte der wiedererwach -n ie Bassonhass der Deutsehen an — das alte Lied. Selbst da noch behielten die Juden eine falsche, aber treue Dankbarkeit für die vergangene Anerkennung und lassen, sich wie Sclaven commandieren. Dieser Unsinn übertriebenen Gedenkens schafft ihnen natürlich wahnsinnigen Hass von den ('zechen. Abel* darin noch finden wir die Spuren einstigem imposanten Leidens für die eigene Meinung, eine verhängnisvolle Erwerbung aus der Diaspora. Dabei Ir.'hen die Juden eine ausgezeichnete Schule der Politik milgemacht und brav gelernt. Die sich zu uns bekannt haben, und ihnen werden viele folgen, sind an massgebender S.'.eJ'o bekannt als treue, hingebungsvolle Genossen. Vor kurzer Zeit bot das Judenleben Böhmens ein Schaustück mit tausend lieben Zügen. Knall und Fall, h-nl der nationale Antisemitismus das fieberhafte Lehen des Auslandes hereingebracht. Die dominierenden Voabstamme stehen einander gegenüber wie grimme Pan:her, zum äussersten Kampf entschlossen. Ab und zu fällt s-.hon ein Tatzenschlag — auf den Juden. Unerbittlicher Boyeott trifft ihn zuerst und der Sturz zum Proleten wird eine immer häufigere Erscheinung. Dabei wird die ökonomische Lage noch durch die Krisen im jüdischen Osten verschärft, die Concurrenten in Massen nach Böhmen geworfen hab m. Argumente der _ Strasse werden immer häufiger zur Ausdrucksweise des Pöbels — das Zittern der Erdwelle hat Böhmen erreicht, ein Vorbote der grossen Eruption, die dem Judenthum, droht, Im gefährdeten Havse rettet und ruft, man ohne Plan, endlich wird man sich doch zum V\?ge in ein sicheres Heim entschliessen. Em ex. Skizzen aus dem Leben der russischen Juden. Von Jacob Kchorr. VI 11.*) Unter den Mitteln, die zur Beseitigung des im vorigen Artikel geschilderten geistigen Elends der jüdischen Jugend führen würden, wäre das einfachste, radikalste und gerechteste die Aufhebung der Beschränkungsgesetze, d. h. der freie Zulass der Juden zu den öffentlichen Bildungs-Anstalten. Und in der That, die Notwendigkeit diesei- Massregel wird sowohl von der jüdischen und der den Prineipien der Sechziger jähre treu gebliebenen liberalen Presse, als auch von den hervorragendsten Staatsmännern und Privaten ohne Unterlans hervorgehoben und erörtert. Was die jüdischnationale Presse betrifft, so hat seit einigen Jahren namentlich der „Woskhod" im Kampfe um das Recht der Juden auf unbeschränkte Aufnahme in die öffentlichen Mittel- und Hochschulen seine Meinung immer mit einem Freimutii und einer Entschiedenheit geäussert, die geradezu bewundernswert sind, zumal wenn wir die Schwierigkeiten berücksichtigen, mit denen die russischjüdische Presse oft rechnen muss. Von der nicht jüdischen Presse ist besonders die entschlossene Stellungnahme der Petersburger „Nowosti" und der Moskauer Busski ja Wjedomosti*" hervorzuheben, die beide die Institution des unter der Regierung Alexanders IL erlassenen und durch verschiedene Verordnungen widerrechtlich verdrängten (Gesetzes fordern, wonach Juden ihre Kinder in den öffentlichen Schulen nicht bloss unbeschränkt unterrichten lassen dürfen, sondern hierzu auch verpflichtet sind. Audi aus dem Kreise der Gesellschaft werden Fürsprachen an die Regierung in diesem Sinne immer häufiger. So zum Beispiel hat im vorigen Jahre der Odessaer .Bürgermeister Herr Zeljony eine Eingabe an den Unterrichtsminister Bogol jepow gerichtet, in der der Minister angegangen wurde, er möge die Immatriculatioii sämmtlicher jüdischer Candidaten bewilligen, die sich um die Aufnahme in die neucreierte medicinisclie Facultät beworben hatten. Bürgermeister Z e 1 j o n y führte zur Unterstützung seiner Bitte u. a. auch an, dass in Odessa die Juden über ein Drittel der gesammten Bevölkerung ausmachen, dass sie in derselben Proportion auch Steuern entrichten, also auch zur Gründung der medicinischen Facultiit beitrugen: dass den Juden fast ausschliesslich nur das medicinisclie Studium zugänglich sei, und jüdische Doctoren sich vielfach als sehr tüchtig erwiesen haben: dass viele j Tu Ii sehe Jünglinge, denen die Aufnahme verweigert wird, nach dem Auslände gehen müssen, um in den dortigen Hochschulen ihr Studium zu absolvieren, dass sie aber in der Fremde verschiedenen Einflüssen ausgesetzt seien, was sowohl vom staatlichen, als auch vom gesellschaftlichen Standpunkte nicht wünschenswert sei: und schliesslich dass man in Odessa bedeutende Geldspenden von reichen jüdischen Kaufleuten für die Einrichtung der Kliniken erwarten könnte, wenn jüdische Studenten unbeschränkte Aufnahme fänden. Wir citieren hier diese Anführungen des Herrn Z e 1 j o n v, weil durch sie die von uns in dem vieten Artikel dieser Reihe („Die Welt"' Nr. 28) ausgesprochene Meinung wieder einmal ihre Bekräftigung findet^ dass in den die Juden betreffenden russischen Gesetzen und Verordnungen das wirtschaftspolitische und ökonomische Motiv, „das Prineip des Xutzgenusses vom jüdischen Volke", wie sich Herr Margulies ausdrückt, das mausgehendste sei. Die Presse sowohl wie die Gesellschaft und einzelne Staatsmänner *) Vergl. Nr. 25, 20, 27, 28, 2'J, 30 und 31 der „Welt".

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