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Die Welt · 1901-08-02 · 31 (2.8.1901) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
31 (2.8.1901)
Article
Achad Haam und sein zionistisches Bekenntnis
Date
1901-08-02
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 31 „Die 2$ Welt" Seite 3 derartige ideale Forderungeil mit der gemeinen Wirklichkeit hart zusammenstossen. Am deutlichsten konnte man dies wahrnehmen zur Zeit., als die Chibbath-Zion-Bewegung in Russland und die von ihr hervorgerufene Emigration nach Palästina ihren Höhepunkt erreichte: zu Beginn der Neunzigerjahre. Das war die Zeit der palästinensischen Speculation. Die jüdische Presse des Ostens, fortgerissen von der grossen Strömung, brachte spajtenlange Entwürfe und Ziffern, die demonstrieren sollten, auf welche Weise man am leichtesten Reichthürner in Palästina erwerben könnte, wieviel Dunam Grund und Boden anzukaufen wären, mit wieviel tausend Heben man diesen Grund bepflanzen müsste und wieviel Millionen sich dadurch „spielend" gewinnen Hessen . . . Diese phantastischen Projecte trugen zur Steigerung des allgemeinen Auswanderungsfiebers viel bei, und dieses erreichte schliesslich einen solchen Höhegrad, dass unabsehbare Katastrophen hätten entstehen müssen, wenn die türkische Kegierung der gänzlich überstürzten und kopflosen Einwanderung durch das bekannte Verbot keinen Damm gesetzt hätte. In jener trübseligen Zeit bereiste Achad-Haam Palästina und müsste es selbst mitansehen, wie schändlich sein Ideal von gemeinen Speculanten verfälscht und verzerrt wurde. Da schrieb er jene bittere „Wahrheit aus Palästina4'', die seinerzeit solch gewaltiges Aufsehen erregte und woraus wir die folgenden Stellen anführen : „Wir freuen uns unbändig, wenn wir sehen, wie das Verlangen, sich in Palästina anzusiedeln, bei unserem Volke immer mächtiger wird. Diese Freude wäre nur unter zwei Voraussetzungen gerechtfertigt: wenn nämlich einerseits das Volk den wahren Stand der Dinge kennte, wenn alle, die nach Palästina auswandern, wüssten, welche Widerwärtigkeiten ihrer harren, wie schwer die Arbeit ist, der sie sich unterziehen müssen, um dem palästinensischen Boden — nicht Eeichthürner — sondern trockenes Brot abzugewinnen; wenn sie all das wüssten und dessen ungeachtet den ernsten Entschluss gefasst hätten, sich im Lande der Väter ansässig zu machen und das harte Joch der Arbeit auf sich zu laden. Andererseits hätte unsere Freude nur dann einen Grund, wenn alles Nöthige für eine solche Bewegung vorgekehrt wäre, wenn wir im Besitze aller der Kenntnisse wären, die ein solch gewaltiges Unternehmen voraussetzt, wenn wir Männer hätten, die an der Spitze einer solchen Bewegung stehen und die vereinzelten Kräfte in ein einheitliches Ganzes zusammenfassen könnten; die dem Volke die richtige Bahn vorzeichnen und es bewahren könnten vor bösen Feinden und falschen Freunden. Allein es genügt, eine kurze Zeit in Palästina zu verweilen, um zur Erkenntnis zu gelangen, dass beide Voraussetzungen uns noch vollständig abgehen." „Sie (die Lügenberichterstatter in Palästina) fühlen, dass die grosse Menge weit entfernt ist von wahrer Liebe zu Palästina und dass die reine Wahrheit nicht ausreicht, ihr Interesse wachzuhalten. Darum erlauben sie sich, um der guten Sache willen ausgiebig zu lügen, loben das Land und dessen Erzeugnisse über den grünen Klee, als genügte es nicht, dass unser Land wie alle anderen Länder sei und seine fleissigen Bebauer ordentlich ernähre, als müsste es vielmehr ohne menschliche Müh' und Arbeit „Backwerk und Seidenkleider" hervorbringen. Durch derartige Mittel ist es richtig gelungen, beim Volke Liebe zu erwecken; aber nicht die reine, hohe Liebe zu Zion, auch nicht die Liebe zur körperlichen Arbeit und zu einein freien, gesunden Bauernleben, sondern die Liebe zu einem neuen „Geschäft", der Weingartenspeculation, die, wie man sagt, gewinnbringender sein soll, als das Wuchergeschäft . . . Viele Krämer und Makler haben berechnet, dass die „hehre Idee" für sie weit nützlicher sei, als alle ihre bisherigen Geschäfte, indem sie einen grossen Gewinst abwirft und nur wenig Mühe erfordert. So wurde denn unser heiliges Land zu einem neuen Calif ornien, das alle Existenzen anzieht, die danach streben, sich so schnell und mühelos als möglich zu bereichern." „Wer nicht zugesellen hat, wie jetzt in Palästina Boden gekauft und verkauft wird, der hat noch niemals eine Schmutzconcurrenz gesehen. Alles, was unter den Kleinkrämern und Maklern in den Städten des „Ansiedlungskreises" vorkommt, ist. höchste Redlichkeit im Vergleiche zu dem, was jetzt in Palästina geschieht. Vor drei Monaten, als ich in Palästina ankam, gab es dort nur zwei Gesellschaften von Bodenspecnlnnten, die Land ankaufen und pareellenweise veräussern. Schon damals sah ich klar, dass die Speculation ein Stein des Anstosses auf dem Wege der Colonisation sein wird. Nun haben wir es! In ganz kurzer Zeit \ermehrten sich die Speculanten in erschreckendem Masse, so dass ich bei meiner Abreise sechs derartige Gesellschaften zurückliess. Ohne Zweifel wird die Zahl der Speculantengesellschaften noch viel grösser werden. Ausserdem gibt es aber eine ganze Schar von einzelnen Schacherern, darunter auch Schuster und Schneider, die ihr Werkzeug hingeworfen haben, um sieh der „Speculation" zu weihen. Und alle die Schacherer und Makler bieten einander Concurrenz auf Leben und Tod. Und mit welchen Mitteln! Jeder Schwindel, jede Gemeinheit, jede Fälschung gilt ihnen gleich gut: sie setzen sich durch Bestechung in den Besitz fremder Briefe und Telegramme, nehmen Spitzel in ihre Dienste, die jeden Schritt ihrer Gegner ausforschen: hauptsächlich aber sehrauben sie die Bodenpreisc ins Ungemessene hinauf und verderben die arabischen Verkäufer." „Und solchen Händen ist jetzt die Colonisation preisgegeben! Selbst das höchste Ideal müsste jeden anständigen .Menschen abstossen, wenn solche Hände es beflecken." „Von den traurigsten Gedanken erfüllt" — so schliesst Achad-Haam seinen Artikel: „Die Wahrheit aus Palästina" — „kam ich, nachdem ich das Land bereist und das Leben in Jaffa und in den Colonien in Augenschein genommen hatte, am Vorabend des Fessaehfestes nach Jerusalem, um mein Herzleid dein „Gestein und Gehölz" zu klagen — dem einzigen liest unserer alten Pracht. Mein erster Besuch galt natürlich der Tempelmauer. Dort fand ich eine grosse Anzahl unserer Brüder aus Jerusalem vor, die mit lauter Stimme beteten. Ihre abgemergelten Gesichter, ihre seltsamen Geberden und noch seltsameren Kleider — all das harmonierte mit dem schrecklichen Aussehen der Mauer. Ich stand da, betrachtete abwechselnd die Menschen und die Mauer, und ein Gedanke erfüllte mich ganz: Dieses Gestein ist ein Zeugnis für den Verfall unseres Landes, diese Menschen aber für den Verfall unseres Volkes. Welche von den beiden Verfallserscheinungen ist trauriger? Wenn ein Land zerstört wird und verfällt, das Volk ist aber noch voll Kraft und Leben, so erstehen Männer wie Zerubabel, Esra und Nechemia — „und neues Leben blüht aus den Kuinen". Wie aber, wenn ein Volk verfällt? AVer wird es aufrichten? AVer ihm Erlösung bringen? Skizzen aus dem Leben der russischen Juden. Von Jacob Schorr. VII.*) Wir wollen nun das jüdisch-russische Schulwesen schildern und beginnen mit der Charakterisierung der Hoch- und Mittelschulen. Vorerst müssen wir jedoch bemerken, dass es in Russland fast gar keine specifisch-jüüischen Hoch- und Mittelschulen gibt, mit Ausnahme der Wilnaer jüdischen Regierungs-Lehrerbildungsanstalt und einiger sehr weniger, von privaten Unternehmern eröffneter Mittelschulen, Das Streben der russisch-jüdischen Jugend nach Mittel- und Hochschulbildung nimmt aber von Tag zu Tag grössere Dimensionen an. Andererseits wird in den allgemeinen Staatsschulen seit 10—15 Jahren, wie schon erwähnt wurde, *) Vergl. Nr. 25, 26, 27, 28, 29 u. 30 der „Welt".

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