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Die Welt · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
30 (26.7.1901)
Article
Der kleine Zionist
Date
1901-07-26
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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r Nr. 80 „Die x£ Welt" 'Seite 13 „Ich fleh', nach Ostentäglich hingewandt, Um Rückkehr, in das theure Ahnenland!u hörte, keimte ich nicht mehr an mich halten; ich öffnete die Thüre und sah die beiden Kinder vor den durcheinandergeworfenen Bildern stehen und aus voller Brust das schöne Lied singen. Als sie meiner ansichtig wurden, stockten sie, ich eiferte sie aber an, weiter zu singen, und als sie geendigt hatten, konnte ich ihnen vor Rührung nichts sagen. Ich erinnerte mich an den kleinen Jungen, der bei .der Makkabäerfeier , der Ortsgruppe „Wien" d"es „Verbandes Zion" im Jahre 1900 das Lied so prächtig vortrug, dass selbst weissh aar igen G-reisen Thränen in die Augen traten. Dann fragte ich die kleinen Sänger, woher sie denn das Lied kennten. Ich war sehr verwundert, da es in der Stadt, meines Wissens noch keinen einzigen Zionisten gab — ausser den wenigen spanischen Juden, die aber kein Deutsch sprachen. Nun hörte ich, sie hätten es von einer Dame gelernt, die vor kurzem aus Gali/ien gekommen war und ihnen auch sehr viele Geschichten von den Makkabäern, von Bar- Kochba, König David und Salomo, von Deborah und den spanischen Märtyrern erzählte. Freudig überrascht, Hess ich mir von ihnen einige Geschichten wiederholen und hatte meine Freude anden glücklichen Gesichtern der Kinder, die ihr neu erworbenes Wissen aufrollten. Tags vorher sah ich in T. bei einer bekannten Familie einige Kinder, die ich von früher her als Juden kannte, die aber unaufgefordert plötzlich mit der Neuigkeit herausrückten: „Wir sind getauft." Und da ich ferner einen kleinen, kaum fünfjährigen Knaben, den Bruder der grösseren getauften Kinder, nach seinem Namen fragte, antwortete er maschinenmässig: „Karl Neuhaus Katholik". Als ich ihn aufmerksam machte, er heisse doch nur Karl Neuhaus und sei seinem neuen Glauben nach Katholik, stampfte er zornig mit dem Fuss und schrie mir entgegen: „Ich heisse Karl Neuhaus Katholik, ich bin kein Jude." Ich hatte genug, ich liess den Kleinen in Frieden, der doch nicht schuld war und den wohl die älteren Geschwister und die Dienstmädchen so abgerichtet hatten. Nun, da ich meine kleinen Freunde in der jüdischen Geschichte so bewandert sah, fragte ich sie, um sie auf die Probe zu stellen: „Schämt ihr euch denn nicht, Juden zu sein, Juden, wie der alte Chajim, der in seinem langen Kaftan ,,Handle, Handle!" schreit?" „O nein, ich schäme mich nicht. Wir sind das älteste Volk auf der Welt, hat uns das Fräulein erzählt, und wir haben nicht immer gehandelt, hat sie gesagt; sie hat uns erzählt, dass wir in Palästina Bauern waren und dann, sagt sie, ist auch das Handeln keine Schande, wenn man ehrlich ist." „So. Und möchtest du gerne Palästina sehen?" „0 ja, wie gerne möchte ich hin", antwortete die Kleine, da der Knabe sich eines Heftes der „Welt" bemächtigt hatte und ernst das Davidschild betrachtete. Ich liess ihn gewähren. „Das Fräulein hat uns erzählt, dass es dort so schön sei, dass dort einst Milch und Honig geflossen, und dass die Trauben sehr gross und so süss waren, so süss, und jetzt sagt sie, ist dort alles trocken und sehr heiss, und dass vom Tempel noch eine Mauer steht, und König David vor vielen, vielen Jahren dort regierte, und dass jetzt dort Sand ist, wo früher alles blühte, aber ich möchte doch dort sein; das Fräulein sagt, dass dort die Kinder auch hebräisch sprechen, aber ich kann nicht hebräisch, das Fräulein lehrt mich erst lesen; ich kann schon das „Schema Jisroel" auswendig." Und so schwatzte sie anmuthig weiter. Mit herzlichem Vergnügen hörte ich ihr zu; doch wurde nun allgemeiner Abschied genommen, die Nachbarn giengen heim und erbaten sich, da ich sie kurz mit den. Zwecken des Zionismus bekannt gemacht, etwas darüber zum Lesen. Ich gab ihnen einiges, darunter auch -ein Heft der „Welt"'. Und so giengen sie. Auch nieine Eltern legten sich zur "Ruhe und nur ich blieb mit der Schwester noch wach. Ich las ihr Leo Kafaels5 Psalm vor, Grünaus Lieder, und als ich ihr seine „Umkehr" vortrug, sah. ich sie träumerisch vor sich hin blicken. Thränen standen ihr in den Augen, als ich weiterlas: Mir schien es jäh, als war verbunden Mit diesem Volk mein Herz und Sinn. Ich blutete an seinen AVunden Und fühlte, dass ich Jude bin! Stolz blickte sie auf, und ich fuhr fort: Wri.li für dich kämpfen, streiten, wagen Begeist'rungsvoil durch Wort und That, Bis einst, nach leidenschweren Tagen, Die Stunde der Erlösung naht — Bis du die Freiheit kühn erschwungen, Bis der Verbannung Nacht entschwand, Bis du dein herrlich Ziel errungen: Ein freies Volk im freien Land! Selbst hingerissen, sah ich meiner Schwester in die Augen. Wie verzückt sass sie da. Halb vorgeneigt, schien sie noch zu lauschen und wiederholte leise die Worte : Ein freies 'Volk im freien Land! In ihren Augen erglänzten Thränen und sie gieng aus dem Zimmer. Geduldig wartete ich, bis sie zurückkam. Und nun musste ich ihr'erzählen von Zion, von den Congressen und von den zionistischen Führern. Ich that es gerne, denn ich dachte, sie wird es weiter sagen und so gewinnt unsere grosse Idee neue Anhänger. Ich erzählte ihr auch von der Jüdischen Colonialbank, von der Sehekeleinrichtung und von den Colonien im heiligen Lande. Eine neue Zionistin war gewonnen .... Hochbefriedigt schlief ich an diesem Abend ein, da ich so viel jüdisches Gefühl und Interesse in meiner Familie und bei den Nachbarsleuten getroffen hatte. Das nahm mich umsomehr Wunder, als wir hier in einem Lande leben, wo die Juden, gering an der Zahl, wenig Interesse für das Judenthuni liegen, so dass viele Kinder z. B. gar nicht hebräisch lesen können. In der Nacht träumte mir von Zion. Ich sah den wiedererstandenen Tempel und eine vieltausendköpfige Menge drängte sich vor seinen Säulengängen. Ich sah blühende Gärten, und fröhlich arbeiteten dort Juden und sangen Lieder von Zion, ihrer Heimat, in der sie endlich wieder auflebten. Am nächsten Tage besuchte ich jene Familie. Im Laufe des Gespräches, in dem ich die Anschaffung der Zeitschrift „Jüdisches Gefühl" empfahl, wurde die „Welt" erwähnt, und die älteste Tochter des Hauses wollte sie herbeiholen. Aber wie sie auch suchte, sie konnte sie nicht finden. „Gewiss hat sie Benno in die Schule mitgenommen", meinte sie. Und richtig, als Benno bald heimkehrte, hatte er zwischen seinen Büchern das gelbe Heft mit dem Davidschild. „Ich habe sie halt meinen Kameraden gezeigt, und während der Pause haben wir gelesen." Wir schalten ihn nicht, dass er sieh Leetüre mitgenommen, die seine Aufmerksamkeit in der Schule hätte ablenken können. Wir freuten uns des prächtigen Jungen, der das Heft öffnete und die letzte Strophe des Grünau'schen Gedichtes vorlas. Begeistert endigte er: ' Ein freies Volk im freien Land! Dann bestürmte er mich mit Fragen, wann wir denn unser Land wieder haben würden, wie es dort aussehe, wie

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