Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Article
- Skizzen aus dem Leben der russischen Juden
- Date
- 1901-07-26
- Page
- 8 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 8 Die & Welt** Nr. 30 Repräsentanten dieser Amerika-Strömung in Russland sind die damaligen russisch-jüdischen Organe „Woskhod* und „Der Russische Jude' zu nennen. Die andere Partei — der sogenannten Palästinophilen •— behauptete im Gegentheil, es wäre die durch die Noth hervorgerufene Emigrationsbewegung dadurch ins richtige Geleise zu heben und zu vergeistigen, däss man sie als Mittel zur Verwirklichung des nationalen Strebens der Judenheit nach der Wiedergeburt ihrer geschichtlichen Heimat ausnützen solle, dass man also die russischen Auswanderer in Palästina ansiedle, um das Land allmählich wieder in jüdisches Besitzthum umzuwandeln. Zu dieser Bewegung bekannten sich die hebräischen Blätter „Haschachar", „Hazeflrah", „Hameliz" und M. L. Lilien blum im russisch-jüdischen Organ „Rasswjet". Zu dieser Zeit erschien auch die berühmte Broschüre von Dr. Pinsker: „Autoemacipation". Während nun die leidenden, hungernden Massen meistentheils nach Amerika, Afrika und nach anderen Ländern flüchteten, wohin sie die Möglichkeit einer baldigen Linderung ihres Nothstandes lockte, waren die Sympathien der jüdischen Jugend meistens aitf der Seite der Palästinabewegung, und im Jahre 188-2 gründete eine Gruppe russischer Studierender unter dem Namen „Bilu" (Anfangsbuchstaben von,-^^ -pjT rrs „Haus Jacobs, auf, lasset uns von dannen ziehen") die erste Ackerbau-Colonie in Palästina unter dem Namen „Rischon Lezion". Bald darauf wurden dort auch andere Colonien gegründet, und zu gleicher Zeit wurde in Russland der Centrai- Verein der „Chowewe Zion" zur Unterstützung dieser Colonien gegründet, zuerst ohne behördliche Genehmigung, bald aber, im Jahre 1890, mit Genehmigung der competenten Behörde unter dem Namen: „Qiessaer Comite zur Unterstützung der jüdischen Ackerbauer und Handwerker in Syrien und Palästina". Wir müssen hier die weitere Verfolgung der Colon isationsgeschichte Palästinas aufgeben, da wir glauben, dass diese Geschichte dem grössten Theile unserer Leser bekannt ist und wir überdies vom eigentlichen Thema unserer Skizzen nicht abkommen wollen. Indem wir zur Erörterung der culturellen Strömungen der russischen Juden zurückkehren, wollen wir bloss auf den grossen Einfluss hinweisen, welchen die palästinensische Bewegung auf die Culturbestrebungen der russischen Juden ausübte. Dieser Einfluss wirkte hauptsächlich in der Richtung einer Nationalisierung der Cultur bei den Juden und hatte zur Folge das Studium der jüdischen Geschichte, die Neubelebung der hebräischen Sprache und Literatur etc. Die hebräische Literatur wurde zu dieser Zeit durch viele meisterhafte Werke der besten jüdischen Schriftsteller bereichert Diese Periode des Nationalismus unter den russischen Juden können wir mit Recht als Periode des „rein geistigen Nationalismus" betrachten, da der nationale Gedanke zu dieser Zeit nicht in den unter materieller Noth leidenden Volksmassen seine grösste Verbreitung fand, sondern in den höheren Schichten der studierenden Jugend, der dieser Nationalismus gewissermassen eine moralische Befriedigung brachte in den Tagen der Entrechtung und der Enttäuschungen. Die Zeit übte indessen ohne Unterlass ihre zerstörende Wirkung aus. Die aus den Dörfern vertriebenen jüdischen Armen vergrösserten das jüdische Proletariat in den Städten und machten dessen Existenz geradezu unmöglich, die Handwerker fanden keine Arbeit mehr, die Zahl der Kleinkrämer vermehrte sich ungeheuer rasch und überstieg die Zahl der Consumenten. Die Anwendung der beschränkenden Massregeln bei der Aufnahme der Juden in die Bildungs-Anstalten zog im Laufe von 10—15 Jahren auch höchst traurige Folgen nach sich: einerseits trug dieser Umstand sehr viel zur Verbreitung der Unwissenheit unter den russischen Juden bei, andererseits bildete sich ein zahlreiches Intelligenz - Proletariat. Tn sämmtlichen Schichten des jüdischen Volkes herrschte materielle und inieil eetuelle Noth, Unwissenheit, Stillstand, Reaction. Auch in der Palästina-Bewegung spiegelten sich diese Zustände wieder, denn es war ja undenkbar, in derartigen trüben Zeitläuften aus dem blossen Bewusstsein Begeisterung zu schöpfen, dass irgendwo in Palästina einige jüdische Colonien existieren, wo vielleicht auch die jüdische Sprache, Literatur und Geschichte gepflegt werden. Die Bewegung war fast eingeschlafen; überall im jüdischen Volke wurde das dringende Bedürfnis nach einer „practischen" Thätigkeit empfunden, nach einer Thätigkeit, die sowohl der leidenden Masse aus ihrer drückenden materiellen Noth helfen, als auch die jüdische Jugend in ihrem Streben zur Bildung unterstützen könnte. Während aber hier in Oesterreich, wo die materielle Noth den grössten Druck auf die Judenschaft ausübt, zuerst das sogenannte zionistische * Gegenwartsprogramma aufgestellt worden ist, wurde in Russland, wo die geistige Noth nicht weniger drückend ist, der „c u 11 u r e 11 e" Zionismus geboren. Indem wir nun die Vergangenheit verlassen und zur Gegenwart übergehen, kommen wir in den folgenden Artikeln zu der Charakterisierung der einzelnen Typen der russischjüdischen Schule und hoffen, darauf hinweisen zu können, was von den russischen Zionisten in Bezug auf die culturelle Hebung der Juden unternommen worden ist, beziehungsweise v^as von ihnen unternommen werden könnte. Hier sollen wir nur noch bemerken, dass die culturelle Thätigkeit der russischen Zionisten auch schon deshalb als aussichtsvoll zu betrachten ist, weil neuerdings auch die Regierung die Noth wendigkeit der culturellen Hebung der russischen Juden eingesehen zu haben scheint. Und wenn sie dabei nicht mit derselben Energie vorgeht, wie es seinerzeit der Fall war, wenn sogar die Beschränkungen bis jetzt nicht aufgehoben worden sind, so muss man doch ein bereitwilliges Entgegenkommen der Regierung gegenüber den von verschiedenen jüdischen Gemeinden oder Privaten ausgehenden Bildungsbestrebungen anerkennen. (Fortsetzung folgt.) ^Fibüt>e. Neubidschow, 2% Juli 1901. Sehr geehrter Herr Redacteur! Montag den 15. Juli brach in der Judengasse der Gemeinde Neubidschow ein furchtbarer Brand aus. In wenigen Minuten stand die ganze Gasse in Flammen, die zum grössten Theile von der ärmsten jüdischen Bevölkerung, die sich von Federn- und Hausierhandel ernährt, bewohnt war. Das Feuer verbreitete sich mit rasender Schnelligkeit, so dass die Menschen kaum das nackte Leben retten konnten; ihr Hab und Gut wurde ein Raub der Flammen. Innerhalb weniger Stunden waren 28 Häuser bis auf den Grund niedergebrannt. Der Tempel wurde mit grosser Mühe gerettet. üü jüdische Familien mit zahlreichen Kindern und Greisen sind obdachlos und dem Elend preisgegeben. Die Noth ist entsetzlich. Darum ergeht an die jüdischen Brüder die Bitte, sie mögen die Noth ihrer schwer heimgesuchten Stammesgenossen lindern. Selbst die kleinste Gabe wird den Unglücklichen hochwillkommen sein. Gefällige Spenden nimmt entgegen Friedrich Herrmann Neubidschow, Böhmen. (Auch die Administration der „Weltu ist gerne bereit, Spenden zu diesem Zwecke entgegenzunehmen.) *