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Die Welt · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
30 (26.7.1901)
Article
Brief aus Ungarn
Date
1901-07-26
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr, 30 „Die £ Welt* Seite 7 öffentlichen? Es wäre wirksamer und würde das jüdische Organ vor manchem Odium bewahren, das z. B. der Artikel eines protestantischen Mitarbeiters hervorrufen musste, worin die Drohung lanciert wurde, es wäre zeitgemäss, an die Säcularisation und Einziehung der geistlichen Güter heranzutreten. Allein nicht bloss die oberwähnten äusseren Gefahren beklemmen die Brust der grossen und kleinen Wortführer der Judenheit; noch unheimlicher erscheint die innere Lage, das heisst die Zerrüttung des conf essionellen, moralischen und socialen Lebens der Gemeinden und sonstigen, theils vegetierenden, theils mangelnden Verbände. Orthodoxe »Juden und Fortschrittler bilden zwei grosse feindliche Heerlager. Die Orthodoxen wurden von der Gegenpartei lauge als culturfeindlich und unpatriotisch verschrieen, anderseits wittern die ersteren in den Vereinigungsbestrebungen der letzteren Hinterlist, Verrath und Vergewaltigung. Die Feindseligkeit der Parteien geht mancher Orten so weit, dass die Orthodoxen die Ehe mit Kindern von Mchtorthodoxen verdammen. Dieser bedauerliche Zustand entspringt einem gesunden Instinct: nämlich der Scheu vor den Assimilationsbestrebungen der Marktschreier. Leider ist auch die Orthodoxie, deren gesunder Kern uns sympathisch anmuthet, in Fractionen gespalten. Eine frondierende Gruppe agitiert gegen den Präsidenten der orthodoxen Landeskanzlei, den hochgelehrten Rabbiner Lipschitz. Statt über die Sicherung des Schicksals unseres hartbedrängten Volkes nachzudenken und zur That zu schreiten, zankt man über rituelle Geringfügigkeiten. Doch durfte es — ohne einen Sturm der Indignation hervorzurufen — geschehen, dass zur Zeit der rumänischen Judenflucht für einen Siebenbürger Rabbiner, der in Fällen der Processanhängigkeit bei Landesgerichten oder in sonstigen Nöthen bei Gott wirksame Audienzen pflegen soll, behufs Errichtung einer — Sommervilla eine grosse Geldsammlung veranstaltet wurde, wobei kleine Gaben von 10 Kronen mit stolzer Indignation zurückgewiesen wurden. Im Lager des „Fortschrittes" haben in letzterer Zeit edle Männer und Frauen, die sich noch ein wenig iebendigen Sinn für das Judenthum gerettet hatten, mit Angst und Schaudern ihre warnende Stimme gegen die rapid zunehmende Kälte und Gleichgültigkeit und die erschreckend hohe Ziffer der Judentaufen in Budapest erhoben. Man sinnt nach Mitteln der Abhilfe und übersieht das Nächstliegende. Seit einer Reihe von Jahren arrangiert in Budapest der „Israelitische ungarische Literatur verein" (I. M. I. T.) Vorlesungen. Aber was vermögen Vorträge über optimistische und pessimistische Weltanschauung, über biographische Skizzen von aus Galizien eingewanderten und dann löblich magyarisierten Juden, über jüdische Zauberei und dgl. mehr für Begeisterung zu erwecke», nachdem man es früher durch eine unerhört terroristische Agitation dahin gebracht hat, dass jeder, der es wagt ein Wort über das „jüdische Volk4* oder „jüdisches Stammesbewusstsein" fallen zu lassen, sofort als „Vaterlandsverräther" gebrandmarkt wird. In schönen Gedichten und Artikeln des „Egyenlöseg" ergehen klagende Selmsuchtsrufe nach einem „Zaubernlittel", um dem weiteren Verfall Einhalt zu tlmn. Man hält Umschau, aber von keiner Seite Bettung, von keiner Seite eine erlösende Antwort. Zwar lässt sich zuweilen eine kurz andeutende Stimme, wie „Stammes-Selbstgefühl", Abwehr der „Verschmelzung" in demselben Blatte vernehmen, doch so schüchtern, dass dieses Wort sofort durch eine Flut anderer Phrasen mit ängstlicher Hast wieder verdeckt wird. Nachdem man alle Brücken verbrannt hat, ist es schwer, zum jenseitigen Ufer zu gelangen. Bei genauer Prüfung und Zusammenfassung der wesentlichen Momente drängt sich dem Beobachter die erschreckende üeberzeugung auf, dass der Lebensprocess des ungarischen Jadenthums in jenes Stadium gerathen ist, in welchem Rom durch Marius und Sulla gestürzt wurde, die „die Blüte der echten Römer ermordet" hatten, infolgedessen das römische Volk im Sclaven- und Barbarenblute rapid untergehen musste. Damals gab's ein leibliches Morden; heute wenden die Juden gegeneinander minder drastische Mittel an; heute wird nur mit den Waffen der Verleumdung^ Verschwärzung und Aechtung gekämpft, das Leben der Parteien, Familien und Individuen verbittert, historische Wahrheiten und religiöse Einrichtungen gefälscht, volksrettende Bewegungen hintertrieben, Sitten verwildert und Existenzen auch wirtschaftlich ruiniert. Auf welche Weise könnte diesem Zersetzungsprocess, diesem Kriege aller gegen alle, Einhalt geboten werden? Hierüber in einem zweiten Artikel. Skizzen aus dem Leben der russischen Juden. Von Jacob Schorr. VI.*) Die Rechtsbeschränkungen waren nicht das einzige Uebel, das die russischen Juden in den Achtzigerjahren betraf. Der Judenhass, der in gewissen Schichten der Stammbevölkerung latent war und durch systematische Hetzarbeit an Intensität und Extensität gewaltig zugenommen hatte, entlud sich endlich über die armen Juden in Form von geradezu bestialischen Judenexcessen. Jüdisches Vermögen wurde ganz schonungslos geraubt, Häuser wurden niedergerissen, viele Männer getödtet, Frauen entehrt. Nie werde ich den tiefen Eindruck vergessen, den seinerzeit eine kleine Erzählung unseres ausgezeichneten Poeten S. Frug auf mich machte, in welcher eben ein Bild aus dieser Unglückszeit entworfen wird. Ich kann mich leider nicht mehr an die einzelnen Details dieser Skizze erinnern, will aber doch versuchen, die Erzählung in ihren Grundzügen wiederzugeben. Ein junger jüdischer Student und seine Schwester, eine junge Studentin, die Kinder eines armen kleinstädtischen Melameds, die beide die medicinische Facultät absolviert haben, träumen von einer selbstaufopfernden Hingabe ihrer Kräfte für das arme ,Volku. Sie kennen absolut keinen Unterschied zwischen jüdischem und nichtjüdischem Volke, denn ihrem Herzen sind die Interessen des an materieller Noth leidenden Bauern ebenso nahe als die des verarmten und unterdrückten Juden. Sie weilen jetzt bei ihren Eltern, die sie durch ihren Besuch trösten wollen. Und da brechen in einer Nacht die schrecklichen Excesse aus und treffen unter anderem auch das bescheidene Häuschen, in dem die jungen Schwärmer leben. Alles ist zerstört, ausgeraubt, die armen unschuldigen Eitern sind ermordet, das junge Mädchen findet auch ihren Bruder nicht mehr, auch sie ist kaum lebend den Händen der Bösewichte entronnen. Die ganze Stadt bietet dasselbe Bild entsetzlicher Verwüstung, und in tiefster Verzweiflung findet die Arme erst Ruhe, indem sie ihr Leid in den Wellen des Flusses begräbt, der an dem Städtchen vorbeifliesst Auch in der russischen Presse wurde zu jener Zeit die Stimme des Antisemitismus immer lauter. Den russischen Juden blieb nichts übrig als zu flüchten — in Wirklichkeit und bildlich. Wohin aber? Das war die bange Frage. Es bildeten sich zwei Parteien: die eine, die die Emigration nur als eine temporäre Nothwendigkeit betrachtete, indem sie hoffte, dass auch für die russischen Juden noch eine lichte Zukunft kommen werde. Diese Partei der sogenannten „Amerikaner" zog deshalb Amerika als Emigrationsstätte allen übrigen Ländern vor. Sie sahen in der amerikanischen Union ein Land der freien Arbeitsmöglichkeit und vollständiger bürgerlicher Gleichberechtigung. Als *) Vergl. Nr. 25, 26, 27, 28 und 29 der „Welt".

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