Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
30 (26.7.1901)
Article
In Angelegenheit der Palästina-Ethrogim
Date
1901-07-26
Page
6 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315905-3315936--27268-3398735
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 „Die & Wem Nr. 30 In Angelegenheit der Palästina-Ethrogim schreibt uns Herr Benjamin Fein, Inhaber einer Ethrogim-Pflanzung in Rischon-Lezion u. a. Folgendes: Die gegenwärtige kritische Lage der Colonien in Palästina hat manchen Rathgebern Anlass gegeben, in der Ersinnimg verschiedenartiger Mittel zur Hebung der Colonien viel Scharfsinn zu entwickeln. Allein, Ihr Herren Rathgeber, wozu in die Ferne schweifen? Der Weg, der zu unserer Rettung führt, liegt ja so nahe. Kauft rnivS unsere Producte ab! Wir Colonisten sind heuer in der Lage, den, Bedarf vieler tausender von Juden an Etlirogim zu decken, In vielen Colonien wurden heuer Ethrogim in grosser Anzahl gepflanzt, so in Rischon-Lezion, Ekron, Pethaeh- Tikwah, Wadi-Chanin und anderwärts. Meine Pflanzung allein wird heuer ungefähr 50 000 Stück Ethrogim liefern. Wir wollen gewiss nicht, dass man uns höhere Preise als die üblichen bezahle; im Gegentheil, wir wollen möglichst massige Preise stellen und bitten Euch nur um das eine: Anstatt Euer Geld an Fremde zu vergeuden, bedenket uns damit. Dadurch werdet ihr nicht nur den alten Colonisten mit einem Schlage aufhelfen, sondern auch eine ergiebige Erwerbsquelle für die landwirtschaftlichen Arbeiter und für neu anzusiedelnde Colonisten schaffen. Man hat berechnet, dass die Ethrogim-Händler jährlich für 5 Millionen Francs Ethrogim kaufen. Du lieber Himmel! Was könnte man in Palästina nicht alles mit einer so hohen Summe anfangen, die jetzt von unseren Brüdern gedankenlos den judenfeindlichen Griechen in den Rachen geworfen wird! Wenn dieser Betrag den Colonisten zuflösse, wie rasch und wie leicht würde da die Krisis überwunden sein! Freilich hat die Sache einen Haken. Den Ethrogimhändlern fehlt es in der Regel an gutem Willen. Sie haben eine — wahrscheinlich in ihrem Geschäftsinteresse begründete — Vorliebe für griechische Producte und lehnen den Vertrieb von palästinensischen Ethrogim ab. Man hat Beispiele, dass einzelne Händler ihren Kunden, die Palästina-Ethrogim verlangten, griechische Frucht unter der Vorspiegelung lieferten, sie hätten sie aus Palästina bezogen. Die Zionisten sind berufen, diese Zustände zu ändern, Es muss ein Mittel ersonnen werden, die palästinensischen Ethrogim marktgängig zu machen. Vor allem aber sollte,, in zionistischen Kreisen die Parole ausgegeben werden: Kauft nur Palästina-Ethrogim! Es handelt sich, wie gesagt, um die Sanierung und Sicherstellung der jüdischen Siedelungen in Palästina. Insbesondere an die zionistischen Schriftsteller richte - ich den Ruf: Unterstützet uns in unserem redlichen Stre-• ben durch die Macht des geschriebenen Wortes. Bringet,, die Palästina-Ethrogim in Mode! Machet Vorschläge, wie unsere Frucht am zweckmässigsten abzusetzen, wie ihr ein Markt zu schaffen wäre. * In derselben Angelegenheit schreibt ein Herr Josef Babitseh in „Hazefirah": Um das Monopol unserer phi3hellenischen Händler zu brechen und die palästinensischen Ethrogim dem Volke zugän^jjich zu machen, wäre es nöthig, mit behördlicher , Genehmigung eine Actiengesellschaft nach .dem Muster der Gesellschaft „Carmel" zu gründen, die den Colonien alle ihre Ethrogim abnehmen würde, so dass dieser wichtige Erwerbszweig unserer Colonisten ausschliesslich dieser Gesellschaft zur Verwertung überlassen bliebe. AVenn nun eine ' derartige Gesellschaft alljährlich ein genügendes Quantum an Ethrogim auf dem Lager haben wird, so ist die Hoffnung wohl begründet, die griechischen Ethrogim nach und nach mit Hilfe der Zionisten (die der Sache zuliebe den Vertrieb der Ethrogim an ihren Wohnorten unentgeltlich; übernehmen würden) vom Markte zu verdrängen und an ihrer Stelle die palästinensichen Ethrogim einzubürgern. Dehn da es nunmehr fast in jeder Stadt Palästina-Ethrogim geben wird und diese nicht mehr wie bisher infolge der Trics der Händler eine Seltenheit sein werden, kann als sicher angenommen werden, dass die jüdischen Massen der palästinensischen Frucht den Vorzug geben werden. Selbstverständlich werden auch die Rabbiner mithelfen müssen. Ich glaube, auch diejenigen Rabbiner, die sich zum zionistischen Gedanken gegnerisch verhalten, werden ihre Mitwirkung an dieser Sache, die ja mit dem politischen Zionismus in keinem unmittelbaren Zusammenhang steht, nicht verweigern. Uebrigens dürfte die Gesellschaft späterhin weder auf die Unterstützung der Zionisten, noch auf die der Rabbiner angewiesen sein, da ihr wohl Mittel genug zur Verfügung stehen werden, die Händler zu verdrängen. Diese werden schliesslich gezwungen sein, ihren Ethrogim-Bedarf bei der Gesellschaft zu decken. Für die Zukunft der Colonisation in Palästina wäre die Gründung einer derartigen Impoitgesellschaft von unermesslicher Bedeutung. Brief aus Ungarn. Von Dr. J. Ronai (Baläzsfalva). Mit der Art und Weise, wie die vom Ministerium Szell verkündeten Leitmotive „Recht, Gesetz und Gerechtigkeit" zur Durchführung gelangen, sind die tonangebenden Kreise des ungarischen Judenthums durchaus unzufrieden. Die Stimmung hat sich von Misstrauen und bedenklichem Kopfschütteln zur Erbitterung gesteigert. Die politischen Tagesblätter sprechen nur von einer rückschrittlichen Begünstigung der agrarischen. Richtung zum i^achtheile von Handel und Gewerbe. Die Wortführer der Assimilationsjuden hingegen weisen an der Hand der neueren Gesetze und Verordnungen nach, dass alles systematisch auf den wirtschaftlichen Ruin der Juden abzielt oder „zufällig" zusammenwirkt. Diese Tendenz erscheint umso gefährlicher, als der noblere Theil der Judenfeinde die Bezeichnung „Antisemitismus" als dem feineren Geschmack widerstrebend und an die österreichischen Zustände erinnernd vorsichtig vermeidet und bloss gegen die „Mercantilisten", „Kasaren" und „Einwanderer" zu kämpfen vorgibt oder es für ein Unglück erklärt, dass vaterländischer Grundbesitz in die Hände von Fremdlingen gelangt. Dass die „Fremdlinge" schon seit mehr als einem Menschenalter in Ungarn ansässig sind und den „Mercantilisten" der Ruin vieler kleinerer Judenexistenzen voraneilt, ficht die Folgerichtigkeit der Agrarier nicht an. Die clericale Volkspartei sieht es nicht ein, weshalb man den crassesten Antisemitismus zu verbergen brauche, und wenn sie auch mit ihrem tollkühnen Uebereifer an manchem Orte, wo sie einen laueren Clericalen durch einen energischeren substituieren will, sich eine kleine Schlappe zuzieht, hat sie nichtsdestoweniger eine im ganzen Lande verzweigte mächtige Organisation von katholischen Gesellen- und Consumvereinen zustande gebracht und sieht der nächsten Reichstagswahl und sonstigen Eventualitäten wohlgerüstet und getrost entgegen. Was die clericalen Allüren des Universitäts-Senates und die Heldenstücke der Hochschuljugend leisten können, ist den Lesern der Tagesblätter kein Geheimnis. AU dem vermag die jüdische Bevölkerung nichts entgegenzusetzen, als unmännliche Klagerufe und die Vertröstung, es handle sich bloss um eine „vorübergehende böse Tagesmode", und dass „der Geist der Menschheit" mit der Zeit doch den Sieg davontragen werde. Uns dünkt, als ob wir Aehnliches schon gehört haben. Es finden sich auch liberale Christen, denen es so schwül zumuthe wird, dass sie mit ihren pessimistischen Expectorationen das jüdische Wochenblatt „Egyenlöseg" häufig beehren. Wäre es nicht besser, ihre Artikel in nicht jüdischen Tagesblättern zu ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.