Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 5 (1901)
- Issue
- 30 (26.7.1901)
- Article
- Gedanken über das jüdische Alterthum
- Date
- 1901-07-26
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nf. 30 „Die & Weit*6 Seite 5 riet, in der sich der reife Mann befindet, der seinem Leben Erfolge abgerungen hat und in deren Besitz selbstherrlich seine Würde in unantastbarer Euhe geniesst, weil er zuhause sitzt, weil ihm ausser dem Gesetze niemand etwas dreinzureden hat, den er nicht gefragt hat, und weil er Euhe und Frieden lässt und hat. Jetzt frage ich mit einem Bilde: Lässt sieh der oben angeführte Ausdruck ins Neuhebräische übersetzen? Nimmt der Jude jemals am Frieden des Landes theil? Kennt er überhaupt die Euhe, ich meine nicht die Lässigkeit, sondern die Stille? Ein Vergleich zwischen der Art, wie das Volk ringsum seinen Zielen zustrebt und wie die Juden, könnte der Hinweis sein auf das Gehaben der gewöhnlichen Fussgänger und dem eines Seiltänzers, der unter steter Gefahr und mit lächerlichen Verrenkungen die jenseitige Bodenluke erreicht. Den Juden vom Seil auf den festen Boden helfen, wo er so wie alle, der Festigkeit den sicheren Schritt anvertrauen kann, wo ihn niemand aus der selbstgewollten Eichtling ablenken darf: das ist der Zionismus. Die Wünsche und Bestrebungen der Zionisten sind ja die denkbar bescheidensten. Nur nicht auserwählt sein, nur nicht anders leben wie sonst auch ein Volk, das im eigenen Lande seine eigene Sprache pflegt. Warum gegen so einfache Postulate eine so heftige Gegnerschaft? Weil das Schicksal gar so lange hat zu Eeeht bestehen lassen, dass das Judenthum nichts mehr denn ein Unglück sei, weil die Hammerschläge des Lebens das Kraftbcwusstsein der Juden, in ein Nichts zermalmt haben und die crasse Furcht vo* einer Gemeinschaft der Schwächlinge haben aufkeimen lassen. Weil man ferner angenommen hat, angesichts der nervösen Zerfahrenheit und der politischen Verkehrtheiten, wie sie heute das Judenthum zersetzen, dass den Juden durchaus alle die Eigenschaften abgehen, die ein Volk sonst zu gedeihlichem Leben verbinden. Eine dem widersprechende Thatsache aber wieder ist, dass die Nervosität und Zerfahrenheit in der Geschichte des jüdischen Staates durch nichts begründet, sind, dass sie Ausnahmezustände sind, durch die Lebensweise begünstigte Krankheiten, und als solche, ebenso wie beim Einzelindividuum, in der Euhe und Abgeschiedenheit zur Gesundung gebracht werden können. Nichts, gar nichts, bildete einen Unterschied zwischen dem Volksleben der Juden und dem anderer, als der Tempel noch stand, und so darf ein froher Schluss auf die Zukunft aus der Vergangenheit gezogen werden. Ungescheut will ich die Ketzerei begehen, eine Vorliebe für die Schriften des Josephus Flavius gegenüber den biblischen Geschichten zu bekennen. Diese Subjeetivität ist einfach erklärlich. Die Kraft jeder Action steht im Einklang mit der Schärfe der Eeaction. Nach all den aufgeregten Berichten aufgeregten Judenlebens wird der Schriftsteller am meisten sympathisch, der ruhig und schlicht vom ruhigen und gar nicht ausserordentlichen Schicksal unsere» Volkes berichtet. Die biblische Geschichte bringt auf Schritt und Tritt Offenbarungen des göttlichen Willens als allein treibendes Motiv aller Geschehnisse und stört dadurch den Leser, dem blinder Glaube abhanden kam. Josephus lässt sich durchaus an den Erfordernissen genügen, die die menschliche Vernunft eingibt, und wird so zum einzigen kritischen Geschichtsschreiber jener ersten Zeiten, des Judenthums. Befriedigt nehmen wir durch seine Vermittlung wahr, dass bis zum Unglück das Leben unseres Volkes im gleichen Geleise sich fortbewegte wie überall sonst, mit denselben Haltestellen nach dem Nomadenthum und nach den Kämpfen und Schmerzen der ersten Siedelung. Die Gleichmässigkeit wird dem Kenner des Alterthums geradezu auffallend vom Momente an, als Josephus die Juden Kanaan betreten lässt und sie sich mit den erbgesessenen Häuptlingen wacker herumzuschlagen beginnen. In diese Periode fällt ein Raub, wenn man will, jüdischer Sabinerinnen, der erheiternd auf uns einwirkt durch die Erkenntnis der Sinnesart unserer Vorfahren, die sich, so scheint es wenigstens, bis auf unsere Zeit prachtvoll eonserviort hat. Ein paar Jünglinge aus dem Stamme Benjamin hatten ein Verbrechen begangen, und als ihr Stamm sie nicht herausgeben wollte, wurde er mit Krieg überzogen und bis auf 600 Mann von den anderen Stämmen zusammen gehauen. Zugleich schwuren die Juden einen Eid, dass keiner der Benjamitcn eine jüdische Tochter zur Frau bekommen sollte. Als nun der Krieg vorüber war, wurde das Nationalgefühl in den Betheiligten wieder wach, und grosses Erbarmen war mit denen von. Benjamin, dass sie unbeweibt dabin leben sollten ohne Nachkommenschaft. Man hätte gerne den Eid irgendwie umgebogen. In dem nun entstandenen Conflict zwischen „dürften" und „möchten" kam man nun auf ein gelungenes .„könnten". In Silo kam man jährlieh bei der Bundeslade zusammen. Dort liess man in diesem Jahre einige hundert Töchter Blumen pflücken gehen und that es den vorderhand vom Gottesdienst ausgeschlossenen Benjamiten kund und zu wissen. Die Hessen es sieh nicht zweimal sagen und machten sich lange vor den Kömern auf den Mädchenraub, allerdings unter der schmunzelnden Protection der löblichen Eltern. Denn die Benjamiten waren tapfere Leute in Israel. Woher nun ist denn dieser Servilismus gekommen, den die Juden neuestens entwickeln, gar so um nichts ihre Manneswürde hinwerfend? Das ist auch eine Erscheinung, die von altersher durchaus nicht abzuleiten ist. In der Geschichte der Richter ist das klar und deutlich bewiesen. Genau so wie Cincinnatus, in der Gefahr vom Pfluge geholt, kehrten die Richter nach dem Siege zum Acker zurück, denn nichts als Ruhm erwarb ihnen der Krieg und nichts als die Hand fristete im alten Juda das Leben. Damals schleppte das Volk noch nicht den Ballast unendlichen Wissens mit sich, des Wissens, mit dem allein wir heute prunken können, seufzend des ewig wahren. Satzes gedenkend, dass eine gesunde Seele meist in einem gesunden Körper wohne. Heute klingt es wohl befremdend, wras der Jude Abimelech seinem Waffenträger sagte, als ein Weib mit einem Stein ihn ohnmächtig niederwarf: Er möge das Schwert ziehen und seinen Leib durchbohren, damit es nicht zur Schande heisse, ein Weib habe ihn getödtet. Ohne die spartanische Erziehung der Jugend hatten, unsere Vorfahren spartanische Sitten und das lakedämonische Wort an den ausziehenden Sohn: „Entweder mit dem Sehilde oder auf dem Schilde" hat früher schon der Hohepriester Eli gesprochen, der den Wächtern der Bundeslade, seinen Söhnen, zurief: Wenn die Lade des Feindes sei und sie am Leben, möchten sie ihm nicht vor die Augen treten. Es waren seine einzigen Söhne und ihr Tod der seine. So hoch stellte man zu jener Zeit die Kraft des Armes, und selbst Samuel wusste seinen hohen und berchtigten. Ehrgeiz zu besiegen, als er erkannt hatte, dass Saul. dem rauhen Geschäfte des Krieges besser sei als er. Bald darauf kommen schon die Könige, die Gold brauchen und verwenden. Da werden die Männer kleiner. Auf der herzbewegenden Schönheit der Bilder aus jüdischer Vergangenheit beruht die innere Zuversicht jedes Zionisten. Täglich sieht er die Gegenwart : eine Welt, die, von einem dichten Nebel, bedeckt, den Blick schwächt, der zwischen Gut und Böse scheiden will. Selten und hochverehrt oder vielbelacht der Mann, der das Selbstverständlichste hat und übt: Redlichkeit und Muth der Wahrheit. Wir Zionisten. gehen an eine Revolution in diesem Sumpfe, und jeder hat sich zum Kampfe zu wappnen und zu kräftigen. Nirgends finden wir bessere Vorbilder für unsere Selbstzucht als in unserer Vergangenheit und nirgends lernen wir die Strecke weiter zu verlängern, die unsere Kraft durch unseren Muth zurückgelegt, als in unserer Geschichte. Wenn wir nur einen Theil alter Verhältnisse zurückerobern, werden wir das Beste des Gegenwärtigen besitzen. Enics.