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Die Welt · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
30 (26.7.1901)
Article
Für die palästinensischen Arbeiter
Date
1901-07-26
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt" Nr. 30 wirklich die beinahe molluskeu hafte Schwächlichkeit der rein genusssüehtig-ästhetischcn Menschen, und zum Beispiel der „Berliner Börseneourier'4 ist beinahe ein Theaterfachblatt. Aus diesen Salons werden die immer neuesten Gestalten der deutschen Dichter als Maskeneostümc auf die Redouten geführt, und unter diesen. Ehefrauen finden die decadenten, neuromantischen, oft genug recht unreifen und wirren Poeten ihre Geliebte. Hingegen die jüdischen Börsenfürsten mögen gar nicht viel von den königlichen Kaufleuten verschiede]] sein, von denen einmal Bismarck sprach, und die Shakespeare im „Kaufmann von Venedig" darzustellen wusste. Der Gundermann in Zolas „L'Argent" hat als Jude und Banq iiier durchaus nichts Lächerliches an sieh, sondern in seinem gemessenen Ernst und in seiner ergreifenden Liebe zu den Kindern und Kindeskindern wächst er zu einer imponierenden, heinahe patriarchalischen Grösse auf. Die social demokratische Theorie, die alle diese Beeinflussungen durch Traditionen ansseracht lässt, alle historische]! Zusammenhänge negieren muss. und schliesslich nur mit einer durch einen einseitigen Capital ismus entarteten Menschheit rechnet, kann also nicht bis zu den] jüdischen Volke reichen, . dessen Stärke vornehmlich in seiner Gebundenheit durch innere Traditionen bestehen soll. Wenn die Socialdemokraten rügen, dass das Capital international sei und sich des Profites wegen sogar in den Dienst von Vaterlandsfeinden stelle, so entspringt dies keiner nationalen Gesinnung, sondern einer verbitterten Lust am Hetzen und Schelten. Denn sie selber sehen, in dem Arbeitsgefüge eines Staates einzig und allein einen ökonomischen Process. Nicht die eigentlichen jüdischen Arbeiter fühlen sich zu der socialdemokratisehen Partei hingezogen, sondern zumeist junge jüdische Studenten, die mit ihrer jugendlichen, durch talmudistische Abstammung wohl noch gesteigerten Vorliebe für fertige Systeme sich der bethörenden Geschlossenheit des marxistischen Luftgebäudes zu eigen gegeben, und nun mit einer unausrottbaren Lust am Disputieren an den Grenzrainen abstracter Gedankenfclder Wache stehen. Ein zionistischer Agitator oder Schriftsteller kann an die treuen, reinen Instincte der Menschen appellieren; der soeialistische muss mit den rohesten und unvornehmsten rechnen. Die jüdischen Arbeiter in einem jüdischen Gemeinwesen widersprächen der Schablone der „internationalen" Socialdemokratie ebenso, wie es etwa die Buren thäten: durch die starre, besondere, wie Stahl unbiegsame Eigen - thümlichkeit ihrer Stammesart. Sie würden durch ihre Familien mit ihren Aesten und Zweigen ganz in dem palästinensischen Erdboden wurzeln, dessen mystischer Zauber übrigens noch hinzukäme. Sie fänden ihren aufrechten Stolz darin, Familienvater und damit in ihrem kleinen Kreise König und Autokrat zu sein. Wenn sich jeder jüdische Hausvater im Jargon wohl einen „Balboosa nennt und dies ja wohl „Herr des Hauses" bedeutet, so mag solches patriarchalische Gefühl doch bei keinem anderen gegenwärtigen Volke eine Analogie haben und ein unbeschreiblich starkes Fundament für ein jüdisches Gemeinwesen abgeben. Die Arbeiter dürften sich auch nicht durch die Respeetierung der Bildung oder der feineren Manieren ihr wohlgegründetes Selbstbewusstsein als Landbebauer rauben lassen. "Wie sich die Buren eine gesunde Gleichgültigkeit gegen die „Vorzüge" der vergeistigten europäischen Civilisation bewahrt, die für das Culturbewusstsein deutscher Zeitungsschreiber geradezu etwas Verletzendes hatte, so dürften die jüdischen Arbeiter und Bauern nicht vergessen, dass sie das Fundamentum regnorum sind. Darum mögen die palästinensischen Arbeiter, die jetzt durch Entziehung von Arbeit und Gewährung von Keisezu^ Schüssen aus dem Lande gelockt werden, jedem nach Zion Träumenden geradezu heilig erscheinen. Bei allen anderen Völkern wäre es -selbstverständlich, *dass am Anfang die That, und dass die, die den Boden des heiligen Landes bebauten, als der That am nächsten angesehen würden; nur bei den Juden, deren spiritualisti scher, allzu geistiger Zug leider noch immer nicht getilgt werden konnte, vermögen sich in Di sc ussionsve reinen oder Lesezirkeln spitzfindige Kritiker und Nörgler, die einen normal empfindenden Menschen zu erbitterter Verzweiflung treiben könnten, in den Vordergrund zu drängen. Wie die Buren so kriegstüchtig geworden in dem Kampfe, den sie gegen die Urwälder und ihr neues Ansiedelungsgebiet führen mussten, so dürften wir es doch auch von dem erst urbar zu machenden palästinensischen Boden erwarten. Die Fürsorge für die bedrohten palästinensischen Arbeiter und ihre Wertschätzung mögen einer der fundamentalsten Angelegenhelten der zionistischen Bewegung sein. Gedanken Uber das jüdische Alterthum. Heine prägte das Wort: Er hätte nach dem Lesen des Plutarch, der Lebensbeschreibung der Grossen der alten AVeit, nicht schlafen, können; er hätte aufspringen mögen und Extrapost nehmen und hinfahren und ein berühmter Hann, werden. Begeisternder noch ist der Plutarch der Juden, die Geschichte ihrer Kriege, ein Plutarch, vom anderen rühmlich unterschieden: Sulla kämpfe nur für seine Dictatorenwürcle und auch Cäsar nur für sich allein; die Früchte des Sieges jüdischer Heldenführer waren des Volkes. Wahrlich, unsere Keligionslehrer hätten Gelegenheit, ihre Disciplin zur begehrtesten für die jungen Seelen zu machen; aber wie sonst ein Schulfuchs statt der Schönheit homerischer Sprache seine geisttödtende Grammatik dolmetscht, so preisen auch unsere Competenten auf abgegriffener Leier der AVert schaler Gedächtnisübungen und begehen so einen Unterschleif an unseren heiligsten Gütern, weil sie dem wachsenden Manne nicht geben, was seine Seele stählen und aufwärtsschwingen würde. Der AVahnsinn ihrer Methode macht es, dass unser Plutarch der Extrapost Heines so wenig Passagiere verschafft, und nur wenigen nachts die Augen offen hält; die Kegel ist ein gesundes Kühen, ein wahrer Dornröschenschlaf des hochmögenden Judenthums. Es schläft der Gelehrte auf seiner Kanzel, der Geldmann bei seinen Papieren, Juden schlafen am Pulte und am Schreibtische und die Eabbiner mit ihrem Orden. Und rings um das Viertel der Mächtigen machen bezahlte AA^ächter die Kunde und sorgen dafür, dass niemand den Schlaf störe. Das ist der Neuzeit jüdische Presse. Ihr Gewissen liegt irgendwo in einem Geldschrank an Stelle einiger schäbiger Banknoten, und so singen sie als Hüter des Schlafes der Kelchen unbeirrt ihre klanglosen Keime: Kein Jude möge „provocieren", jeder „bescheiden sein", kurz und gut, ein Muster aller Tugenden vorstellen, damit gewiss die „Mitbürger" im „Vaterland" alle Fensterscheiben ganz lassen, dass kein Schläfer erwache. Der Lärm der Hungrigen übertönt wohl manchmal jenen ekelhaften AViclersinn, bringt ihn aber nie zum Schweigen. Und denen, die muthig die AA^ahrheit procIamieren, und dem Muss entschlossen vorarbeiten, den Zionisten, denen ruft diese saubere Wächterriege den alten Vers entgegen: Verwahrt das Feuer und das Licht! Umsonst, ihr Nachtvögel! AVir haben tausend Jahre aus unserem Gedächtnis ausgemerzt und lassen hartnäckig Gedanken und' Hoffnungen in der Zeit spielen, wo bei den Juden die Männer noch, keine AVeiber waren und die Weiber noch keine Kinder. Und die Begeisterung hat im Herzen die Feuersäule nochmals entzündet, die unserem Volk schon einmal den richtigen Weg gezeigt hat, den Weg in sdie Heimat. Die lateinische Sprache hat für eine gewisse Lebensphase einen bezeichnenden Ausdruck: otium cum dignitate, die würdevolle Kühe. Damit ist die Situation gekennzeich-

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