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Die Welt · 1901-07-26 · 30 (26.7.1901) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
5 (1901)
Issue
30 (26.7.1901)
Article
Achad Haam und sein zionistisches Bekenntnis
Date
1901-07-26
Page
3 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 30 „Die # Welt*4 Seite 3 Achad Haam und sein zionistisches Bekenntnis. Die Leser der „Welt" haben schon mancherlei über Achad-Haam gelesen, den hervorragendsten hebräischen Publieisten der Gegenwart und einen der hauptsächlichsten Begründer der Theorie des Cultur Zionismus. Wir wollen nun hier an der Hand eines Artikels in der jüngsten Nummer der Jargonzeitsehrift „Der Jude" die Theorie Achad-Haams in ihren Grundzügen kurz und ohne Kritik zu üben skizzieren. Bildet der Zionismus eine Lösung der ökonomischen Judenfrage? fragt Achad-Haam. Und er antwortet rundweg: Nein. Der ökonomische Druck, unter dem die Juden in den verschiedenen Ländern leiden, müsse als die Roth vieler einzelner Juden angesehen werden, nicht aber als Judennoth schlechtbin, nicht als Volksnoth. Wir sind verpflichtet, unseren darbenden Brüdern zu helfen, dürfen uns aber keinesfalls ihres Elends zur Propagierung des zionistischen Gedankens bedienen. Denjenigen unglücklichen Brüdern, die von dem Zionismus ihre Kettung aus ISToth und Armut erhoffen, müssen wir zurufen: Strebt nicht nach Zion, denn das Streben nach Zion hat mit der Noth Einzelner nichts zu schaffen. Ihnen müssen wir sagen: Trauert, ihr Unglücklichen, über die neue Zeit, über die moderne Civilisation mit allen ihren „Fragen", über die wirtschaftlichen Formationen der Gegenwart, die euer Elend bewirkt haben. Aber wir armes Volk — was können wir für euch thun?! Es gibt jedoch noch viele Juden, deren Lage nicht so bejammernswert ist, die aber ihr Volk lieben und um dessen Zukunft besorgt sind. Sie sehen, wie die Feste unserer Einigkeit allmählich in Trümmer zerfällt, weil ihr das Fundament fehlt. Denn die Religion hat nicht mehr die Macht, uns einig zu erhalten, und das nationale Empfinden erlischt immer mehr und mehr. Sie sehen, wie unsere Söhne das Judenthum auf Nimmer Wiederkehr verlassen, und indem sie dies sehen, fragen sie sich tiefbckümmert: Gibt es denn gar kein Mittel, die Auseinanderstrebenden zusammenzuhalten, die Zerstreuten zu sammeln, die geistige Eigenart unseres Volkes, die, sich zu verflüchtigen droht, festzubannen? Gibt es für unser Leiden denn gar kein Heilmittel, und muss denn schliesslich auch der letzte Lebensfaden reissen — unvermeidlich, unrettbar? Denen, die so bange fragen, und nur denen, antworten wir: Strebt nach Zion! Auf diesem seinem Standpunkte verharrend, antwortete Achad-Haam zur Zeit, als die Frage „Palästina oder Amerika?" die jüdische Presse beschäftigte, kurz und bündig: Palästina und Amerika. „Die ökonomische Seite der Judenfrage muss ihre Lösung hauptsächlich in Amerika suchen, während die ideelle Seite, das Bedürfnis, ein nationales Centruin zu schaffen, ausschliesslich in Palästina ihre Lösung finden kann." Unter einem nationalen Centrum aber versteht Achad-Haam eine Heimstätte für den jüdischen Geist, oder wie er es kurz ausdrückt: einen „geistigen Mittelpunkt". Ein solcher geistiger Mittelpunkt muss in Palästina geschaffen werden. Dort muss sich unser bestes, edelstes und gesündestes Menschenmaterial zusammenfinden. Die treuesten, hingebungsvollsten Söhne unserer Nation müssen sich dort sammeln, jüdische Männer, deren innerster Lebensnerv das Ideal der Wiedergeburt unseres Volkes ist und die stark genug sind, sich für dieses Ideal hinzuopfern. Solche Idealisten, die Achad-Haam „Priester" nennt, sollen sich in Palästina ansiedeln, sollen die alte Heimat durch Bodencultur und sonstige Culturarbeit verjüngen. Sie sollen nationale Bildungsstätten gründen und ein körperlich und geistig gesundes Geschlecht heranbilden, dessen Muttersprache das Hebräische sein soll, und das vom ureigenen nationalen Geist ganz durchtränkt sei. Der geistige Mittelpunkt soll hinausleuchten in alle Lande, wo Juden zerstreut leben und soll diesen zerstreuten Juden Cultur spenden und neue Lebenswerte. Ein anderer Theil der „Priester", der sich in Palästina nicht ansässig machen kann, soll an der Neubelebung des jüdischen Volkes in den Ländern des Golus thätig sein, wo es für sie Arbeit in Fülle gibt. Durch die extreme „Geistigkeit", die sich bei uns ausgebildet hat, sind dem jüdischen Volke alle gesunden menschlichen Instincte abhanden gekommen; der gesunde Kern seines Herzens ist von dumpfigem Bücherstaub eingehüllt. Das jüdische Herz zu verjüngen und frei zu machen, in ihm gesunde menschliche und nationale Gefühle zu erwecken, das ist die Aufgabe der „Priester" oder Culturzionisten. Diese sollen darauf hinarbeiten, das jüdische Volk zum Selbstbewusstsein zu bringen, in seinen Reihen allgemein menschliches und. jüdisches Wissen zu verbreiten und die hebräische Sprache und Literatur wieder zum Gemeingut des ganzen Volkes zu machen. (Schluss folgt.) Für die palästinensischen Arbeiter. Von Robert Jaffe. Das Schicksal der palästinensischen Arbeiter, die aus dem heiligen Lande hinausgedrängt werden sollen, dürfte nicht nur nationalökonomische, verstandesmässige Betrachtungen herausfordern. Es mag eine Herzensangelegenheit aller derer sein, die ihre träumenden Blicke auf Zion gerichtet halten. Denn an diese Arbeiter, deren reale Existenzbedingungen auf einmal gefährdet erscheinen, knüpft die ganze unermessliche Grösse und Herrlichkeit des Zionstraumes an. Wer etwa einmal die kräftigen Land- oder Kellereiarbeiter mit den blitzenden kohlschwarzen Augen gesellen, die aus den palästinensischen Colonien hin und wieder nach Europa kommen, oder wer aus ein&m Briefe etwa orientalisch-jüdischer Cigarettenarbeiter in Kairo ersehen hat, welche Schätze von Treuherzigkeit und Gläubigkeit auch in den jüdischen Arbeiterschichten verborgen ruhen, dem kann zumuthe sein, wie Moses, als er vor seinem Ende das gelobte Land noch erblicken durfte. Die zionistische Bewegung ist ganz eigentlich eine Arbeiterbewegung. Allerdings nicht in dem Sinne, in dem uns das Wort durch die grosse sociale Bewegung unserer Epoche geläufig geworden; wenn sie eine Bewegung aller derer ist, die sich nach produetiver Arbeit sehnen, so mag das „produetiv" doch nicht in dem Sinne des „Mehrwertes", sondern gleichsam als eine Düngung des Heimatbodens gemeint sein. Die Theorie des grossen, abstracten und talmuclistisch scharfsinnigen Nationalökonomen Karl Marx, die das ganze ökonomische Leben zu einer mathematischen Gleichung macht, muss vor einem wirklichen nationalen Gefüge stets zum Schatten werden. Selbst in dem bereits gänzlich verdorbenen Getriebe des modernsten capitalistischeu Wiitsehaftsbetriebes haben sich bei den österreichischen Peiehsrathswahlen zum Beispiel in Böhmen, die nationalen Formationen als den ökonomischen überlegen erwiesen. Gar in einem ungemischten Staate kann das Wirtschaftsleben in jeder Form ein nationales Gefüge haben, und wie es in dem Hand-in-Hand-greifen aller besteht,- so mag die Leistung der „Mehrwerte" schaffenden Fabrikarbeiter doch nicht im geringsten für die Allgemeinheit nothwendiger und erheblicher sein, als die Arbeit derer, die an der Circulation und dem Austausch der Mehrwerte, am Handel und Bank- und Geldwesen, beschäftigt, sind. Das Nationale, von dem oft genug Sittliches und Aesthctisches abhängt, hat durchaus Gewalt über das Oekonomische. Es ist ein gewaltiger Gegensatz zwischen den jüdischen Emporkömmlingen mit den leidigen ästhetischen Saloninteressen, und den meisten jüdischen Börsenfürsten. Die ersteren zeigen — abgesehen von den nicht allzu witzigen Carieaturen der harmlosen „Fliegenden Blätter" —«

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